Spanien: Sechs Jahre Wahlbetrugsverdacht, keine Verurteilung

Sechs Jahre Vorwürfe von Wahlbetrug in Spanien haben keine einzige rechtskräftige Verurteilung erbracht: von der Dreier-Multipla-Berechnung bis zum Enkelgesetz und dem Verfassungsgericht.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Sechs Jahre Wahlbetrugsverdacht ohne Beweise

Im April 2019 behauptete ein Artikel, das Unternehmen, das die Wahlergebnisse verarbeitete, sei katalanisch und mit Soros verbunden. Sechs Jahre später verarbeitet das Unternehmen weiterhin Wahlen, die PSOE (Spaniens Sozialisten) gewinnt weiterhin einige und verliert andere, und der Wahlbetrug taucht weiterhin in keinem Gerichtssaal auf. Erschienen ist stattdessen eine bemerkenswerte Beständigkeit: Der Verdacht ist zu einem eigenen journalistischen Genre geworden, mit eigenen Berechnungen, eigenen Videos und eigenem Publikum.

Die Sache hat ihre innere Logik. Wenn jede Wahlniederlage durch Manipulation erklärt wird, dann ist keine Niederlage endgültig und kein Sieg des Gegners legitim. Das ist zweifellos ein bequemer Mechanismus. Aber es ist auch ein Mechanismus, der bei sechsjähriger Wiederholung Kosten verursacht: Er zermürbt die Glaubwürdigkeit derjenigen, die ihn anführen, und vor allem lässt er die unbequeme Frage unbeantwortet: Was passiert, wenn der Betrug eines Tages real ist und ihn niemand mehr glaubt?

Der Ursprung: ein katalanisches Unternehmen und eine Schlagzeile

Am 23. April 2019, fünf Tage vor den Parlamentswahlen, kursierte ein Text, der davor warnte, das für die Auszählung zuständige Unternehmen sei katalanisch und „mit Soros verbunden“. Der von Laureano Benítez Grande-Caballero unterzeichnete Beitrag machte keine Kompromisse: Er sprach von einer „Demokratie der Wahlbetrugs“, von Wahlurnen in Bestattungshäusern und Friedhöfen und behauptete, „alle Siege der Linken seien entweder auf Wahlbetrug oder auf einen Staatsstreich zurückzuführen“. Die Wahl am 28-A gab der PSOE den Sieg. Der Verdacht hatte nun seine Erzählung.

Das Problem dieser Erzählung war, dass sie großteils eine Genealogie des 20. Jahrhunderts war: der Pakt von San Sebastián, der 23-F, die 11-M, das Misstrauensvotum. Alles kam in denselben Sack. Und alles war per Definition unbeweisbar. Wenn ein Erklärungsrahmen alles abdeckt, erklärt er nichts mehr.

Die Berechnung der Dreier-Multipla

Das meistzitierte Episode stammt aus dem Mai 2019. Ein Video und ein Artikel behaupteten, die ersten sechs Parteien hätten Sitze erhalten, die Vielfache von drei seien, und die Wahrscheinlichkeit, dass dies zufällig geschehe, liege bei 0,13553%. Daraus wurde eine 99,9-prozentige Wahrscheinlichkeit von Wahlbetrug abgeleitet. Die Berechnung kursierte als mathematischer Beweis. Die Realität ist, dass eine falsch formulierte Wahrscheinlichkeitsrechnung nichts beweist: Sie ist eine falsch formulierte Rechnung. Die Wahrscheinlichkeit jeder konkreten Ergebnis-Kombination ist winzig, und das macht nicht jede Kombination zu einem Betrug.

Trotzdem schlug das Argument ein. Es schlug ein, weil es einfach war, weil es in technisches Sprachgewand gehüllt war und weil es eine saubere Erklärung für ein Ergebnis bot, das viele überraschte. Die Überraschung ist in der Politik ein schlechter Ausgangspunkt für eine Analyse.

Vox fordert die Überprüfung der Urnen, dann weniger

Am 1. Mai 2019 kündigte Vox an, eine allgemeine Überprüfung aller Urnen zu fordern, nachdem Zehntausende ungültige Stimmen entdeckt worden waren, darunter 40.000 in der Region Valencia. Die Nachricht machte die Runde. Weniger Runde machte die Schlussfolgerung: Die Überprüfung änderte das Ergebnis nicht. Im Kern der Sache liegt eine echte institutionelle Frage: Die endgültige Auszählung erfolgt durch die Provinz-Wahlkommissionen, und die Protokolle werden mit Beobachtern der Parteien ausgezählt, nicht mit privaten Beobachtern. Wer anfechten will, muss Kandidat oder Vertreter einer Kandidatur sein. Das schließt den einfachen Bürger aus, und das ist eine berechtigte Kritik am System, auch wenn es nicht genau Wahlbetrug ist.

Die Auslandswahl und das Enkelgesetz

Im Laufe der Jahre verschob sich der Fokus. Von Indra zur Auslandswahl, von dort zum Enkelgesetz (ein spanisches Gesetz, das die Staatsbürgerschaft für Enkel spanischer Auswanderer ermöglicht). 2023 und 2024 eskalierte die Sache zum Verfassungsgericht: Der Bürgerbeauftragte Ángel Gabilondo reichte eine Verfassungsbeschwerde ein, um das Wahlrecht von mehr als 160.000 Eingebürgerten wiederherzustellen, das vom Obersten Gericht vorläufig ausgesetzt worden war. Das Verfassungsgericht lehnte die Beschwerde mit zehn gegen zwei Stimmen ab. In manchen Medien wurde die Entscheidung als Sieg gegen den versuchten Manipulationsversuch dargestellt, in anderen als technische Zurückweisung. Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Überprüfbar ist, dass das Auslandswahlverzeichnis in Provinzen wie Huesca und Teruel deutlich wuchs und dass dies die Sitzverteilung in kleinen Wahlkreisen verändern kann. Ob dieses Wachstum illegitim ist, ist eine andere Sache. Die Anzeige von Manos Limpias wegen angeblicher Zahlungen von 500 Euro am Konsulat in Havanna zur Erlangung der Staatsbürgerschaft befindet sich zum Zeitpunkt dieser Diskussion im Anzeigenstadium, nicht in einem Urteil.

Das Muster: sechs Jahre, null Verurteilungen

Die Chronologie ist aufschlussreich. 2019: das katalanische Unternehmen, die Dreier-Multipla, die ungültigen Stimmen. 2023: die Briefwahl, der Senat, das „es gibt keine 800.000 Menschen“. 2024: das Enkelgesetz, das Verfassungsgericht, die Konsuln. In allen Fällen ist die Abfolge dieselbe: Anzeige, Video, Berechnung, Empörung, Einstellung. Keine rechtskräftige Verurteilung wegen Wahlbetrugs. Keine Annullierung einer Parlamentswahl. Kein hochrangiger Amtsträger wegen Manipulation einer Auszählung angeklagt.

Das beweist nicht, dass das System perfekt ist. Es beweist, dass der Verdacht allein nicht reicht. Und dass wer sechs Jahre lang den Wahlbetrug ankündigt, ein Glaubwürdigkeitsproblem hat, wenn der Betrug nicht kommt.

Warum der Verdacht nicht stirbt

Es gibt eine einfache Erklärung: Der Verdacht braucht keine Beweise, um zu überleben. Er braucht eine Gemeinschaft, die ihn wiederholt. Und diese Gemeinschaft existiert, mit ihren YouTube-Kanälen, ihren Tweets und ihren Titelseiten. Die Kosten der Aufrechterhaltung sind niedrig; die Kosten des Aufgebens hoch. Wer seine politische Identität auf der Idee aufgebaut hat, das System sei manipuliert, kann nicht einfach zugeben, dass das System funktioniert.

Inzwischen ist die Frage, die niemand ganz beantwortet, die entscheidende: Wenn morgen ein echter Betrug dokumentiert würde, wer würde das glauben? Die Antwort, nach sechs Jahren unerfüllter Ankündigungen, ist nicht beruhigend.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (1607 Antworten).

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