Der spanische Mindestlohn gleicht sich dem häufigsten Verdienst an
Kann ein Arbeitsmarkt funktionieren, in dem der übliche Lohn und der gesetzliche Mindestlohn fast identisch sind? In Spanien ist dies keine theoretische Überlegung mehr. Die Differenz zwischen dem interprofessionellen Mindestlohn (SMI) und dem Modallohn – dem am häufigsten gezahlten Gehalt – ist real bereinigt von 39,3 % im Jahr 2018 auf 2,97 % im Jahr 2023 gefallen. Konkret trennen nur noch 455 Euro jährlich die Bezieher des Mindestlohns von denen, die den Durchschnittslohn verdienen.
Die Berechnung stammt von Fernando Pinto, Professor für Angewandte Wirtschaftswissenschaften an der Universidad Rey Juan Carlos. Der Rückgang ist nicht das Ergebnis eines einzelnen schlechten Jahres. Im Jahr 2009 lag der Modallohn um 77 % über dem SMI, 2018 um 64 % und 2023 nur noch um 3 %. Vierzehn Jahre gesetzlicher Erhöhungen der Lohnuntergrenze haben diese praktisch mit der übrigen Einkommensleiter verschmolzen.
Abstand zum häufigsten Lohn: 6.755 Euro 2009, 455 Euro 2023
Die Daten der Lohnstrukturerhebung des INE (Nationales Statistikinstitut) lassen keinen Interpretationsspielraum. 2009 betrug der Modallohn 15.491,59 Euro jährlich gegenüber 8.736 Euro beim SMI; die Lücke lag bei 6.755,59 Euro. 2018 war der häufigste Lohn auf 16.977,6 Euro gestiegen, der Mindestlohn auf 10.302,6 Euro, was eine Differenz von 6.675 Euro ergab. Fünf Jahre später fiel der Modallohn um 8,6 % auf 15.575 Euro, während der SMI auf 15.120 Euro stieg. Das Ergebnis: Eine Trennung von nur 455 Euro.
Die Asymmetrie ist entscheidend. Der Mindestlohn stieg zwischen 2018 und 2023 um 46 %; der häufigste Lohn stieg nicht, er sank. Wenn der nominale SMI 2018 60 % des Modallohns entsprach, waren es 2023 bereits 97 %. Das erklärte Ziel der Erhöhung – den Mindestlohn auf 60 % des Durchschnittslohns zu heben, wie es die Europäische Sozialcharta fordert – wurde auf einem Weg erreicht, den niemand vorhergesehen hatte: nicht durch Hebung der unteren Schichten, sondern auf Basis eines stagnierenden oder fallenden häufigsten Lohns.
Inflation frisst die Erhöhung auf: Realer SMI 2023 unter Niveau von 2019
Real betrachtet verschlechtert sich das Bild. Bei einer kumulierten Inflation von 22,93 % seit 2019 – mit einem Spitzenwert von 5,7 % im Jahr 2022 – wäre der Modallohn um 21,1 % von 17.453,1 auf 13.773,7 Euro gefallen. Der SMI stieg nominal weniger stark, nämlich um 26 %, und kletterte von 10.590,1 auf 13.370,4 Euro. Die finale Lücke bleibt nahezu identisch bei 2,93 %, aber die Erhöhungen des Mindestlohns in den Jahren 2020, 2021 und 2023 haben sich so sehr verdünnt, dass der reale Wert des SMI im Jahr 2023 unter dem liegt, der 2019 erreicht wurde.
Hier zeigt sich die Paradoxie, die der gesamten Diagnose zugrunde liegt. Die nominalen Erhöhungen des Mindestlohns waren stark und deutlich über dem Produktivitäts- und BIP-pro-Kopf-Wachstum, doch die Inflation hat die Gewinne aufgezehrt. Die Untergrenze steigt. Der Rest nicht. Und auch jene, die knapp darüber lagen, profitieren nicht.
Warum hat die SMI-Erhöhung andere Löhne nicht nachgezogen?
Weil kein Mechanismus dies garantiert. Die Analyse verweist auf die Wiederbelebung des Tourismus nach der Pandemie: Der Sektor erhöhte seine Belegschaft ohne proportionalen Lohnanstieg. Hinzu kommen die Fragmentierung der Verträge und geringe Zuwächse bei der totalen Faktorproduktivität. Es wurden Jobs geschaffen, aber keine höheren Löhne.
Makrodaten widerlegen die These vom Nachzieheffekt nicht. Laut OECD stieg der spanische Mindestlohn bis April 2025 real um 3,1 % gegenüber Januar 2021, verglichen mit einem Durchschnitt von 7,9 % im gesamten OECD-Raum. Das bedeutet: Spanien hob den SMI schneller und stärker als fast alle anderen Länder an, und dennoch hinkt die Kaufkraft der untersten Einkommen hinter jener der Nachbarländer her.
Die Erhöhungen von 2024 (4,4 %) und 2025 (5,5 %) fehlen in den INE-Daten, die nur bis 2023 reichen. Arbeitsministerin Yolanda Díaz schlägt vor, dass künftige Erhöhungen nicht durch Zulagen und Gehaltskomponenten absorbiert werden dürfen, was den Nettozuwachs für Arbeitnehmer erhöhen würde. Ist die Diagnose korrekt, liegt das Problem nicht darin, wie stark der Mindestlohn steigt, sondern darin, dass niemand darüber hinauskommt.
Das mittlere Segment: Von vielen als benachteiligt wahrgenommen
Die Unzufriedenheit über diese Daten hat für viele Diskutanten einen klaren Adressaten: das mittlere Segment – Techniker, Führungskräfte, Reaccionariorbeiter, Positionen mit Verantwortung –, dessen Gehälter stagnieren, während der Mindestlohn auf sie zuwächst. Ein hochqualifizierter Mitarbeiter eines multinationalen Unternehmens berichtet, dass sein Gehalt kaum von dem für leicht besetzbare Stellen abweicht. Ein anderer Teilnehmer behauptet, in jeder Steuerberatungsfirma verdiene die Reinigungskraft netto fast genauso viel wie ein Buchhalter.
Die Konsequenz ist laut diesen Stimmen nicht nur finanzieller Natur, sondern betrifft die Anreize. Wenn eine Position mit Verantwortung und eine ohne gleich bezahlt werden, lohnt sich Anstrengung nicht mehr, so die Argumentation. Mehrere Kommentare führen den Druck auf mittlere Gehälter auf den kontinuierlichen Zuzug von Arbeitskräften zurück, die bereit sind, jede Stelle anzunehmen – eine These, die im Thread akzeptiert wird, jedoch ohne Daten belegt ist.
Besonders auffällig ist die Langzeitperspektive: Der häufigste Lohn in Spanien lag 2009 bei 15.491 Euro und 2023 bei 15.575 Euro. Vierzehn Jahre für eine Bewegung von 84 Euro. Das ist die Bilanz dieser Periode.
Das offizielle Ziel, den SMI auf 60 % des Durchschnittslohns zu heben, wurde technisch erreicht. Auf Basis eines stagnierenden Durchschnittslohns ergibt sich jeder Prozentsatz scheinbar automatisch.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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