Sánchez-Umfeld will 298 Sitze nach Bevölkerung verteilen
Die Wahlrechtsreform, die dem Umfeld von Pedro Sánchez zugeschrieben wird, erfordert keine Änderung der Verfassung. Technisch ist das korrekt. In der Praxis würde sie jedoch die Sitzverteilung im Kongress verändern, ohne eine einzige Stimme zu bewegen. Die Unterschrift stammt von Jaime Miquel, dem Demoskopie-Experten, der 2018 über den damaligen Kabinettschef Iván Redondo in den engen Kreis des Präsidenten gelangte: Senkung des Mindestkontingents an Abgeordneten pro Provinz von zwei auf eins – 52 Sitze inklusive Ceuta und Melilla gegenüber den aktuellen 102 – und Verteilung der restlichen 298 Sitze proportional zur Bevölkerung jeder Provinz.
Der Effekt auf die Wahlen vom 23. Juli wurde berechnet. Die PP würde sechs Sitze verlieren und auf 131 sinken; die PSOE gewänne zwei hinzu und käme auf 123; Sumar gewänne vier Sitze bis auf 35, während Vox einen abgeben müsste und auf 32 fiele. PP, Vox, UPN und CCa blieben bei 165 Abgeordneten, während das Bündnis, das die Investitur stützte, auf 185 anwüchse. Gleiche Wählerschaft, andere Mehrheit. Darum geht es im Kern.
Überrepräsentation der Provinzen: Kastilien-León hätte 31 statt 17 Abgeordnete
Das Argument kommt nicht aus dem Nichts. Die Analyse, die den Vorschlag begleitet, beziffert es ungeschönt: Kastilien-León sollte 17 Vertreter zum Kongress entsenden (bei insgesamt 350 Sitzen), doch das LOREG (spanisches Wahlgesetz) weist ihm 31 zu, also vierzehn mehr, allein weil die Region viele Provinzen mit geringer Bevölkerungszahl hat. Rechnet man alle Provinzen zusammen, verschiebt das System 64 Sitze weg von der Proportionalität. Befürworter der Reform behaupten, genau diese Verzerrung habe es PP und Vox ermöglicht, der Regierung nahe zu kommen.
Die Gegenargumente sind so alt wie das System selbst. Manche vertreten die Ansicht, die Überrepräsentation dünn besiedelter Provinzen sei vereinbart worden, um deren Ignorierung zu verhindern, nicht um Mehrheiten zu fabrizieren. Andere erinnern an das Offensichtliche: Wenn das Kriterium die Bevölkerung ist, steigen Provinzen mit wachsender Einwohnerzahl und fallen solche mit schrumpfender Zahl – das ist keine Anomalie, sondern Arithmetik.
Fehler im Text: Ein Organgesetz verlangt absolute Mehrheit
Im Detail lag eine Falle. Der ursprüngliche Text behauptet, die Reform benötige nicht mehr Ja-Stimmen als die einfache Mehrheit im Kongress. Das ist falsch. Artikel 81 der Verfassung reserviert die absolute Mehrheit für die Annahme, Änderung oder Aufhebung von Organgesetzen, und das allgemeine Wahlregime ist eines davon. Bei einer abschließenden Abstimmung über den gesamten Text sind 176 Ja-Stimmen nötig, nicht nur eine mehr als Nein-Stimmen.
Die Verwechslung ist nicht bloß kosmetisch. Sie verändert die Verbündetenkarte vollständig und macht jede Abwesenheit zum Problem. Mit 165 Gegnern und einer Schwelle von 176 hängt die Reform, wie beschrieben, davon ab, dass niemand abspringt. Und dass niemand Gründe hat, abzuspringen.
Wer ist Jaime Miquel und warum taucht sein Name jetzt auf?
Miquel ist kein Neuling. Als Geograph an der Complutense ausgebildet, begann er 1980 beim spanischen Ableger von Gallup, leitete schließlich diese Struktur und erwarb sich den Ruf eines Vorreiters: Er war der erste Analyst, der den Zusammenbruch des Zweiparteiensystems vor den Europawahlen 2014 und den Aufstieg von Podemos vorhersagte. Er beriet Compromís, Convergència und die aufgelöste UPyD und landete 2018 im Team von Sánchez. Von El Diario Vasco zitierte Quellen aus dem Präsidialamt räumen ein, dass die berufliche Beziehung zu ihm „strategisch und sehr flüssig“ sei.
Der Vorschlag findet sich allerdings weder im PSOE-Wahlprogramm vom 23. Juli noch im Koalitionsvertrag mit Sumar. 2016 war er unter der Überschrift „Verbesserung der Proportionalität“ enthalten, mitten im Strudel nach dem Durchbruch von Podemos und Ciudadanos. Von diesem Punkt bleiben nur die Erinnerung und ein paar verfasste Artikel.
Fehlende Stimmen: PNV verliert einen Sitz
Die Simulation verteilt Gewinne und Verluste mit unbequemer Präzision. Junts und ERC würden jeweils einen Sitz gewinnen, Bildu bliebe unverändert, und BNG, CCa sowie UPN bewegten sich nicht. Der PNV hingegen würde einen Sitz verlieren. Und ohne die Stimmen des PNV, bei erforderlicher absoluter Mehrheit, wird die Arithmetik bis zum Ersticken eng.
Die Paradoxie hat laut einem Beteiligten ein Vorbild. François Mitterrand führte in Frankreich die Verhältniswahl ein, in der Hoffnung, die Rechte zu schwächen, und musste feststellen, dass der Front National in traditionell kommunistischen Hochburgen wuchs, was der Linken keinen Nettovorteil brachte. Beim nächsten Wahlgang kehrte man zum Mehrheitswahlrecht zurück, und es gab keine weiteren Experimente. Wahlregeln liefern selten das, was sie versprechen.
Andere Optionen auf dem Tisch: Einzelwahlkreis, Stichwahl oder deutsches Modell
Das alternative Menü, das auf den Tisch gelegt wurde, ist breit. Ein einzelner Wahlkreis wie bei den Europawahlen, damit jede Stimme gleich viel zählt. Ein Mehrheitswahlsystem mit Stichwahl nach französischem Vorbild, mit der Warnung, dass es dem Zweitplatzierten eine absolute Mehrheit bescheren kann. Mischsysteme wie das deutsche oder neuseeländische, die das Beste und Schlechteste beider Welten kombinieren. Und eine Fünf-Prozent-Hürde pro Wahlkreis bei den Europawahlen, vorgesehen in einer Entscheidung des EU-Rats von 2018, die Spanien als einziger Partner bisher nicht umgesetzt hat.
Jede Option birgt ihre Tücke. Der einzelne Wahlkreis beseitigt die Anomalie, aber auch den nahen Abgeordneten, der seinen Wählern Rechenschaft schuldig ist. Die Zuschnittung von Wahlkreisen in einem Mehrheitswahlsystem führt früher oder später zu Gerrymandering nach amerikanischem Muster. Es gibt kein perfektes System, nur Systeme mit unterschiedlichen Schuldigen.
Wenn die Angelegenheit eines klarstellt, dann dies: Die Diskussion dreht sich nicht um Proportionalität im Abstrakten, sondern darum, wer sie durchführt und mit welcher Mehrheit. Mit dem PNV, der einen Sitz verliert, mit 176 erforderlichen Ja-Stimmen und einem Vorschlag außerhalb des Wahlprogramms hat die Reform keinen leichten Weg. Die vernünftigste Prognose ist, dass sie als Strohballon bleibt, bis jemand beweist, dass die Zahlen aufgehen. Und die bekannten Zahlen gehen vorerst nicht auf.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (231 Antworten).