Russland räumt Cherson: Ukraines Niederlage-Narrativ bröckelt

Ukraine erobert über 50 % des besetzten Gebiets zurück, während Russland in die Rezession rutscht und das Narrativ einer ukrainischen Niederlage ins Wanken gerät.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Russland räumt Cherson: Ukraines Niederlage-Narrativ bröckelt
Ukraine erobert mehr als 50 % des besetzten Gebiets zurück – das Narrativ der Niederlage bröckelt

Kann man einen Krieg gewinnen, indem man die Hälfte des verlorenen Territoriums zurückerobert? Ende 2022 spaltet diese Frage die Analyse des Ukraine-Konflikts. Moskau musste sich aus Cherson zurückziehen, und laut den im Thread diskutierten Bilanzdaten hat Kiew mehr als 50 % des seit dem 24. Februar besetzten Gebiets zurückerlangt]. Dennoch hat sich die Strömung, die die Partie bereits als verloren abgeschrieben hatte, kaum bewegt. Ihr Kernargument war simpel: Die russische Armee rückt vor, langsam, aber sie rückt vor.

Wer gewinnt und wer verliert Kilometer

Im ersten Kriegsmonat kursierte eine scheinbar unangreifbare Rechnung: Russland hatte fast die gesamte ukrainische Küste annektiert, die ukrainische Armee zählte Zehntausende von Verlusten, während die russischen Gefallenen unter 4.000 blieben. Mit diesen Prämissen schrieb sich die Schlussfolgerung quasi selbst. Das Problem ist nur, dass sich die Prämissen geändert haben.

Neun Monate später erzählt die Landkarte eine andere Geschichte. Cherson ist wieder in ukrainischer Hand, und die territoriale Bilanz hat sich umgekehrt. Auch der historische Vergleich stützt das Triumph-Narrativ nicht: Gegen Finnland setzten sich die sowjetischen Truppen erst nach Hunderttausenden von Opfern durch – und behielten lediglich einen Streifen Tundra. Wenn ein Sieg an der Zahl der Toten gemessen wird, fällt das Ergebnis nicht zugunsten Moskaus aus.

Die wirtschaftlichen Kosten: Teureres Gas und Rezession in Russland

Hier sind die Daten weniger interpretationsbedürftig. Laut der im Thread genannten Bilanz rutschte Russland im dritten Quartal in die Rezession, während die EU weiter wuchs, wenn auch nur um 0,2 %: wenig, aber Wachstum. Europa hat einen etwas teureren, aber umweltfreundlicheren Gaslieferanten gefunden und beginnt mit der Aufrüstung seiner Arsenale, wobei Werke wie Santa Bárbara (spanischer Rüstungskonzern) Panzer produzieren. Ein Teil der Analysten liest dies als klassischen Misserfolg; ein anderer Teil argumentiert, das Ergebnis werde Öl und Gas zu Kaviarpreisen sein, mehr Armut und ein verarmtes Europa, das für die Zeche anderer bezahlt.

Der Kampf um die Deutungshoheit: Wer fordert Verhandlungen, wer verliert Terrain?

Manche werfen der dominierenden Analyse vor, ein Stockholm-Syndrom gegenüber der NATO entwickelt zu haben, die sie als Hauptverantwortliche für die Eskalation des Konflikts und die hohen Kosten für die Europäer sieht. Die Gegenposition betont, dass die neu annektierten Gebiete Russlands keineswegs so unantastbar waren, wie angekündigt, und dass Russland Cherson aufgeben musste.

Der Vergleich mit 1943 wurde auf beiden Seiten herangezogen: Für die einen befand sich Deutschland noch auf sowjetischem Boden und hatte bereits verloren; für die anderen ist es der klassische Fehler, Fortschritt mit Sieg gleichzusetzen. Bemerkenswert ist, dass keine der beiden Seiten die Zahlen bestreitet. Sie streiten darüber, was sie bedeuten.

Es bleibt der Winter, der, wie im Thread oft wiederholt wird, entscheidend sein dürfte. Im März schien der russische Sieg nur noch eine Frage von Tagen. Neun Monate später ist dieser Tag immer noch nicht gekommen. Wenn das Gewinnen ist, sollte man das Wörterbuch überprüfen.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (150 Antworten).

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