Ein 1,90 m großer römischer Soldat wurde in einem Brunnen in Velsen erstochen
Wie endet ein Mann von fast zwei Metern, mit Dolch, Militärgürtel und Ring, auf dem Grund des Wasserbrunnens eines römischen Kastells im Norden der heutigen Niederlande? Die Szene ist zweitausend Jahre alt und hat immer noch keinen Täter. 1977 entdeckten Hobbyarchäologen in Velsen einen Brunnen einer alten Militärsiedlung, und am Grund fanden sie das nahezu vollständige Skelett eines Mannes, begleitet von einem römischen Militärgürtel, einem Dolch, einem Ring, einer Gewandnadel und einer Soldatensandale. Fast ein halbes Jahrhundert später hat ein Team aus Archäologen, Forensikern und Studierenden der Universität Leiden die Überreste erneut untersucht und vertritt die Auffassung, dass der ermordete römische Soldat nicht gerade beim Verteidigen des Kastells gefallen ist.
Was die Forensiker in den Knochen fanden
Die Analysen, die osteoarchäologische Untersuchungen, Isotope und 3D-Rekonstruktionen kombinieren, haben Verletzungen zutage gefördert, die damals unbemerkt blieben: Wunden an der Innenseite des Brustkorbs und zahlreiche Perforationen im Becken. Die dreidimensionalen Modelle ermöglichen es zu rekonstruieren, wie einige dieser Treffer zustande kamen, und die Schlussfolgerung lautet, dass sie wahrscheinlich von einem römischen Militärdolch verursacht wurden, möglicherweise genau dem, der neben der Leiche gefunden wurde.
Was die Forensiker wirklich überraschte, war nicht die Existenz der Wunden, sondern ihre Zahl. Die Gewaltsamkeit der Verletzungen deutet auf einen besonders brutalen Mord hin und legt nahe, dass der Täter – oder die Täter – enorme Wut auf das Opfer empfand. Dieses Detail hat den Fall wieder aufgerollt: Es passt besser zu einer persönlichen Rache als zu einem Tod in defensiver Schlacht, also zu einer Abrechnung innerhalb der römischen Welt selbst statt zu einem Helden, der gegen die Barbaren gefallen ist.
Die Körpergröße und die Zähne, die die Geschichte veränderten
Der Tote war rund 1,90 Meter groß und hatte für die damalige Zeit eine sehr kräftige Muskulatur. In den achtziger Jahren führte dieser Körperbau zu der Annahme, er sei ein Frieser gewesen, ein Angehöriger der lokalen Bevölkerung. Diese Erklärung stützte sich auf eine recht schwache Verbindung zwischen Größe und Herkunft und klingt heute eher nach zeitbedingtem Vorurteil als nach wissenschaftlichem Argument.
Die Untersuchung der Isotope im Zahnschmelz hat die Geschichte umgedreht: Diese Zusammensetzung bewahrt Informationen über das Wasser und die Nahrung aus den ersten Lebensjahren und zeigt in diesem Fall, dass der Mann seine Kindheit in Südeuropa verbrachte. Er starb im Norden der Niederlande, wuchs aber deutlich weiter im Süden auf.
Er scheint auch kein Offizier gewesen zu sein. Der Dolch war abgenutzt, der Gürtel bestand aus unterschiedlichen Teilen, und die Scheide war weit prunkvoller verziert als der Rest der Ausrüstung: Eine Waffe mit auffälliger Scheide macht ihren Besitzer noch lange nicht zum Befehlshaber. Er passt besser zu einem einfachen Soldaten mit unbekanntem Namen und einer Militärlaufbahn, die sich mit den verfügbaren Daten nicht rekonstruieren lässt.
Die drei Hypothesen zu seinem Tod
Die erste ist die übliche: die Friesen. Im Jahr 28 n. Chr. erhoben sie sich wegen steuerlicher Forderungen gegen Rom, wie Tacitus in seinen Annalen berichtet, und jahrzehntelang wurde dieser Leichnam mit jenen Auseinandersetzungen in Verbindung gebracht. Das Problem ist die Diskrepanz zwischen Quellen und Boden: Die antiken Texte deuten auf einen römischen Rückzug aus der Region zu dieser Zeit hin, während die Archäologie darauf hindeutet, dass die römische Präsenz länger andauerte.
Die zweite Möglichkeit ist eine militärische Hinrichtung: ein vom Kommando hingerichteter Deserteur. Die dritte ist eine Rache der lokalen Bevölkerung als Vergeltung für ein Verhalten des Soldaten. Keine davon hat genug Beweise, um den Fall abzuschließen.
Die Forscher Mark Driessen und Carol van Driel-Murray neigen zu einem vierten Weg, der eigentlich eine Variante des zweiten ist: dass er von anderen römischen Soldaten als Vergeltung für ein Fehlverhalten getötet wurde. Die Brutalität der Wunden würde zu einer Bestrafung oder Abrechnung passen, die durch einen persönlichen Konflikt motiviert war. Es sei betont: Das ist eine Hypothese, keine bewiesene Schlussfolgerung. Wir wissen nicht, was der Mann getan hat, und wir wissen nicht, wer ihn angegriffen hat.
Der Brunnen als Hinweis: Eile, Strafe oder verseuchtes Wasser?
Dass die Leiche am Grund eines Brunnens mit Wertgegenständen obendrauf gefunden wurde, lässt gegensätzliche Deutungen zu. Eine ist die Eile: Wer eine Leiche samt Gürtel und Dolch entsorgt, denkt nicht daran, die Beute zu verkaufen, sondern daran, dass die römische Obrigkeit nichts findet. Die andere ist das Wasser. Niemand würde eine Leiche in einen Brunnen werfen, aus dem er selbst und seine Kameraden danach trinken; und wäre der Brunnen verseucht gewesen, hätte man ihn gereinigt und die Leiche gefunden.
Die dritte Deutung deutet auf einen Überfall hin: ein Posten, der hinterlistig getötet und hastig versteckt wurde, während Leute in die Festung eindrangen, mit einem Brunnen, der nie wieder benutzt wurde, weil die Siedlung bei dem Angriff zerstört wurde. Keine Deutung passt hundertprozentig, und der Knochen bleibt, wo er ist.
Die Meutereien, die Tacitus tatsächlich dokumentierte
Gewalt zwischen Soldaten ist keine Erfindung: Tacitus berichtet von den Meutereien des Jahres 14 n. Chr. in Pannonien und Germanien, bei denen Legionäre Centurionen töteten. Einer von ihnen, mit dem Spitznamen „cede alteram“ – „gib mir einen anderen“, wegen der Ruten, die er beim Prügeln zerbrach –, starb durch die Hand seiner eigenen Truppe. Das römische Recht regelte die Strafen für Fahnenflucht so detailliert – im Buch 49 des Digesten –, dass man daraus schließen kann, das Problem war verbreitet. Dazu kam eine Disziplin, die kollektive Strafen vorsah, bei denen die eigenen Kameraden einen aus ihren Reihen hinrichten mussten.
Und man darf nicht vergessen, dass im heutigen Niederland die Germania Inferior lag, mit Batavern, die sich mehr als einmal erhoben. Der Tote könnte ein Auxiliar oder ein Unteroffizier im Kommando über lokale Truppen gewesen sein – ein Szenario, das eine Meuterei erklären würde. Name, Laufbahn und Motiv bleiben weiterhin im Ungewissen.
Vor diesem Hintergrund wissen wir zweitausend Jahre später immer noch nicht, ob der Mann im Brunnen ein Held war, ein Deserteur oder der unerträgliche Kamerad, den alle im Zelt mieden. Die einzige archäologische Gewissheit ist, dass sich jemand mit dem Dolch Zeit ließ.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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