Spanien gegen Europa: Warum das wissenschaftliche Wissen zurückblieb

Ein Land, das die Welt umsegelte und den Kalender vermaß, taucht in Physik- und Chemiebüchern kaum auf. Das 19. Jahrhundert und das feindliche Umfeld unter der Lupe.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Spanien gegen Europa: Warum das wissenschaftliche Wissen zurückblieb
Das Rätsel, warum Spanien die Wissenschaftsbücher nie füllte

Ein Land, das die erste Weltumsegelung vollbrachte und den Kalender vermaß, den heute der ganze Planet nutzt, bringt – laut der These, mit der diese Diskussion eröffnet wird – zwanzig wissenschaftliche Beiträge hervor für jeden einzelnen eines europäischen Nachbarn ähnlicher Größe. Das Paradox ist nicht gering: Dieselbe Nation, die mit Naos und Seekarten den Pazifik überquerte, als England noch nicht einmal den Nordatlantik bezwingen konnte, fehlt fast vollständig in den Physik-, Chemie- und Mathematikbüchern des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Frage, die über allem schwebt, lautet: War es Isolation, Desinteresse oder schlicht eine interessierte Erzählung, die auslöschte, was da war?

Die Schwarze Legende und die Auslöschung fremden Verdienstes

Die erste Verteidigungslinie ist die der bewussten Auslöschung. Es wird behauptet, Spanien habe seine Wissenschaftler gehabt, doch ihre Herkunft wurde verschwiegen, und die Entdeckungen kursierten unter dem Namen des Ausländers, der sie verbreitete. Das immer wieder genannte Beispiel ist Fray Domingo de Soto, der Franziskaner aus Segovia, dem zugeschrieben wird, den Fall mit konstanter Beschleunigung vorausgesehen zu haben – im Widerspruch zu Aristoteles, Jahrzehnte bevor Galileo seine Experimente durchführte. Die Theorie, so das Argument, ließ sich erst 1971 wirklich überprüfen, als ein Astronaut auf dem Mond einen Gegenstand fallen ließ.

Die Liste lässt sich fortsetzen. Der gregorianische Kalender wurde, so heißt es in der Debatte, mit Messungen erstellt, die an der Universität Salamanca vorgenommen wurden. Das metrische Dezimalsystem entstand gemeinsam in Frankreich und Spanien. Und in der sphärischen Geometrie – der Disziplin, die Navigation überhaupt erst möglich machte – war das Land aus purem Bedürfnis führend: Ohne feine Mathematik überquert man keinen Ozean. José de Mendoza y Ríos mit seiner Haversinusformel werden genannt, ebenso José Echegaray, der mathematische Werke veröffentlichte und am Ende den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Die Grunddiagnose lautet: Spanien wurde totgeschwiegen, so wie heute andere totgeschwiegen werden. Angeführt werden Dokumentationen über Olivenöl, die Dutzende Länder nennen, aber den weltgrößten Produzenten auslassen, oder über europäische Hominiden, die Atapuerca mit den ältesten Funden nicht erwähnen. Die Schwarze Legende, Schaufel für Schaufel, fasst ein Beitrag zusammen.

Das 19. Jahrhundert: das schwarze Loch, das fast alles erklärt

Hier ist der Konsens breit, selbst unter denen, die alles andere bestreiten. Spaniens 19. Jahrhundert war eine Kette von Katastrophen: Trafalgar, die napoleonische Invasion, die britische „Hilfe", die ihren Tribut forderte, die Zerstörung der keimenden Industrie, die Unabhängigkeitskriege in Amerika, die Hunderttausend Söhne des Heiligen Ludwig, drei Karlistenkriege und der Verlust der letzten Reste des Imperiums. Mit diesem Startpunkt ins 20. Jahrhundert – und dann noch zwei weitere Bürgerkriege, der der dreißiger Jahre und der danach – bleibt wenig Spielraum, Laboratorien aufzubauen.

Der Kontrapunkt kommt mit den Universitätszahlen: Im 19. Jahrhundert hatte England nur zehn Universitäten, Spanien mit weniger Bevölkerung mehr als das Doppelte. Und die Industrielle Revolution, so wird erinnert, wurde überwiegend von Handwerkern ohne Ausbildung getragen. Die Zahl der Hochschulen erklärt die wissenschaftliche Leistung nicht. Was sie erklärt, so eine andere Strömung, ist das Geld: Ohne kontinuierliche Finanzierung gibt es keine Forschung, und die spanischen Universitäten führen seit Jahrzehnten Haushalte, die keiner ernsthaften Tätigkeit Raum lassen. Die Talente wandern in die USA, in die Schweiz oder nach Oxford aus – und gewinnen dort Preise unter anderer Flagge.

Die These vom feindlichen Umfeld und der Ballast der Mentalität

Die unbequemste Erklärung ist die kulturelle. Ein Newton entstehe nicht, weil ein Genie auftaucht, sondern weil es ein Umfeld gibt, in dem seine Ideen gedeihen. Hundert Jahre früher hätte Newton schniefend dagesessen. Und Spanien war, so diese Lesart, ein feindliches Umfeld: Der Fall Isaac Peral und der Boykott seines U-Boots gilt als Beispiel einer eigenen Erfindung, die von innen torpediert wurde.

In dieselbe Richtung zielt der Verweis auf die katholische Mentalität als Bremse: Sanfte will der Herr gegen den protestantischen Anreiz, dass Reichtum ein Zeichen göttlicher Gnade sei. Erwähnt wird die Eisenbahn, die in vielen Dörfern mit Legenden empfangen wurde, Eisenbahner entführten Kinder und tränken ihr Blut. Die Folge, so heißt es, sei eine konformistische Gesellschaft, die vom Neuen nichts wissen will. Die Erwiderung lässt nicht auf sich warten: Überzeugung mit Fanatismus zu verwechseln ist ein Laster der Erzählung, und der Fall Galilei ist paradigmatisch dafür, wie über die Kirche berichtet wird, ohne Respekt vor der Wahrheit.

Was tatsächlich strittig ist: Wie viel Mythos, wie viel Fakt?

Nicht jeder kauft die Erzählung von der Auslöschung. Der stärkste Einwand: Vereinzelte Ideen vorwegzunehmen ist nicht dasselbe wie ein kohärentes System zu formulieren, und in der Geschichte der Physik war Spanien nicht mittelmäßig – es war praktisch gar nicht vorhanden. Heute allerdings zeichnet sich ein Aufholjagd ab, mit Gruppen am CERN und bekannten Namen in der Quantencomputerforschung. Die Debatte ist weiterhin offen, und die Frage, die in der Luft bleibt, lautet: Wie viele Genies endeten als Schäfer, ohne etwas beizutragen, weil ihnen das passende Umfeld fehlte?

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (137 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver