Queralt: Genetik beeinflusst das Verdienst, und die Linke ignoriert es
Wie viel von Ihrem Gehalt haben Sie sich wirklich verdient, und wie viel war von vornherein angelegt? Diese Frage stellt Jahel Queralt (Alcanar, 1982), Professorin für Rechtsphilosophie an der Universitat Pompeu Fabra, in ihrem Essay Nadie merece nada („Niemand verdient etwas“) laut aus: Die genetische Veranlagung, das Glück der Grenze und das familiäre Umfeld prägen den Lebensweg eines Menschen ebenso stark oder stärker als die eigene Anstrengung. Sie erzählt davon in einem Interview mit ABC, in dem sie der Linken außerdem vorwirft, die Meritokratie – eine ihrer großen Ideen – vergessen zu haben. Die These ist unbequem. Und sie ist nicht neu.
Was Queralt über Genetik und Verdienst sagt
Das erste Ziel ist die Fabel von der fleißigen Ameise und der Grille. Queralt nennt sie eine individualistische und vor allem falsche Erzählung: Sie setzt voraus, die Grille hätte dasselbe tun können wie die Ameise – und genau das ist der fragwürdige Punkt. Um beide herum gibt es einen Kontext – das Land, in dem sie geboren werden, die Familie, die Lehrer, die Stipendien –, und davor zwei unterschiedliche Wesen. Das Glück, auf der einen oder anderen Seite der Grenze geboren zu werden, geht genauso in die Rechnung ein wie die mitgegebenen Fähigkeiten.
Es gibt noch einen Schritt weiter, und der ist der unbequeme. „Auch die Fähigkeit zur Anstrengung wird uns mitgegeben“, sagt die Autorin und verweist auf Menschen, die sich wegen ihrer DNA oder ihres Umfelds nicht konzentrieren können. Daraus zieht sie eine praktische Konsequenz: weniger Sarracena über die Lebenswege anderer, weniger Nachbarschaftsstolz und weniger Schuldgefühle bei denen, die zurückbleiben. Der Leistungsdiskurs wirkt als Anreiz, räumt sie ein, aber er erweckt den Anschein, alles stehe jedem offen.
Man sollte zwei Dinge trennen, die meist Hand in Hand gehen. Das Gewicht des Unfreiwilligen anzuerkennen, beseitigt die individuelle Handlungsmacht nicht; sie wird nur eingeordnet. Die Autorin selbst befürwortet, den Fähigsten auszuwählen. Was sie ablehnt, ist der nächste Schritt: vorauszusetzen, wer oben ankomme, habe sich den Platz redlich verdient.
Effizienz und Gerechtigkeit: Welche Meritokratie sie vertritt
Ihre Definition ist fast provokant einfach: den bestqualifizierten Kandidaten wählen – unter fairen Bedingungen. Zwei Säulen: Effizienz und Gerechtigkeit. Das Effizienzargument ist das des gesunden Hausverstands: Wer für seine Kinder einen Arzt oder Lehrer sucht, will den Besten, nicht den Sympathischsten. „Ich hebe gern diese kollektive Dimension hervor“, sagt sie.
Das Gerechtigkeitsargument funktioniert als Fehlerdetektor. Wenn auf der Liste der Besten alle Männer sind oder alle dasselbe soziale Profil haben, ist die Startbahn wahrscheinlich schief, und das Kriterium des Tauglichsten legitimiert einen Privilegienbestand. Dort setzt ihr Seitenhieb gegen Teile der Linken an: Die reale Gesellschaft mit einer perfekten Meritokratie zu verwechseln, nennt sie die Ideologie der Meritokratie.
Sie verweist auch auf die Kommerzialisierung des Begriffs, die Gewohnheit, Verdienst mit dem Marktgehalt zu verheiraten. Eine solche Zwangsehe gibt es nicht. Die Einstellung des Besten unter fairen Bedingungen erlaubt es, die Bezahlung später zu korrigieren, und der öffentliche Dienst ist das sauberste Beispiel: Dort kann das Auswahlkriterium völlig davon getrennt werden, was ein privater Arbeitgeber zahlen würde. Das ist der Teil des Buches, der die wenigsten Schlagzeilen erzeugen wird.
Warum hat die Linke die Meritokratie aufgegeben?
Weil sie die kulturelle Schlacht gewann und das Interesse daran verlor, so ihre Deutung. Je mehr sich das Ideal festigt, desto selbstverständlicher wird es und hört auf zu mobilisieren; parallel wächst eine Erzählung, die das Erreichte als Talentnachweis darstellt. Die Eliten sind die Kundinnen dieser Erzählung, mehr noch als die Rechte: Sie erlaubt ihnen zu sagen „Wir haben es uns verdient“. Und sie tröstet die unten mit einem „Wenn du dich anstrengst, schaffst du es“, das nur stimmt, wenn die Gesellschaft fast perfekt meritokratisch ist.
Das Detail, das die Propaganda zerstört, ist einfach: Wer von unten aufsteigt, ist meist ein statistisch unwahrscheinlicher Fall, und um ihn herum blieben andere, die genauso gearbeitet haben und es nicht schafften – mangels Charisma oder weil sie zwei Minuten zu spät zum Vorstellungsgespräch kamen. Vielen fehlte es nicht am Verdienst. Ihnen fehlte das Glück.
Die Begegnung mit Sandel: die unbeantwortete Frage
Die Szene hat ihren Witz, und Queralt erzählt sie ohne Grausamkeit. In Madrid konnte sie Michael Sandel interviewen, den Autor von The Tyranny of Merit („Der Tyrann des Verdienstes“), der in Begleitung seines Sohnes Adam Adatto Sandel kam, ebenfalls Philosoph und Autor eines Buchs über Disziplin. Zufälle gibt es. Die Professorin fragte ihn, wie seine Kritik an ererbten Privilegien mit den Vorteilen zusammenpasst, die jeder seinen eigenen Kindern weitergibt. Sandel lächelte, versprach am Ende zu antworten und ließ die Uhr laufen. Ein Danach gab es nicht. Sie deutet es so an: Wenn der Vorwurf das eigene Sofa berührt, schaut man weg.
Vom individuellen Erbe zur Einwanderung: der Sprung, den der Text nicht macht
Hier lohnt es sich, innezuhalten. Der Essay spricht über Unterschiede zwischen Individuen: die einen größer, die anderen stärker, die einen mit Gehör für Musik, die anderen ohne. Er stellt keine Hierarchien zwischen Bevölkerungen auf und keine Klassifikationen der Fähigkeit nach Herkunft, und die Populationsgenetik bietet ein solches Ranking nicht. Wer das Interview als wissenschaftliche Legitimation der Idee liest, dass die Vermischung sehr unterschiedlicher Menschen ein Land zum Scheitern verurteilt, fügt das vorletzte Kapitel eines Buchs hinzu, das die Autorin nicht geschrieben hat.
Was sich durchaus mit Daten diskutieren lässt, ist etwas anderes: wie viel vom Arbeitsergebnis der Migrantenbevölkerung an Sprache, Anerkennung der Abschlüsse und dem sozialen Netz der Herkunft liegt – Variablen, die in jeder Integrationsstudie bekannt sind – und wie viel an den Institutionen, die sie aufnehmen. Das ist eine Diskussion über Ebenen und Zeit, nicht über Chromosomen. Das Problem auf die Biologie zu reduzieren erspart das Nachdenken – genau das ist sein Versprechen.
Eine berechtigte Frage bleibt beim Zuklappen des Buchs. Wenn das Talent per Lotterie verteilt wird, muss jemand erklären, warum die Gewinnzahlen sich in denselben Straßen, denselben Universitäten und unter denselben Nachnamen häufen. Die unbequeme Antwort – dass auch die Lotterie vererbt wird – ist es, die aus der Meritokratie ein gutes Ideal und eine schlechte Ausrede macht.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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