Das Absurde von Protesten für eine Verfassung, die die Amnestie deckt
November 2023. Die vom Regierung mit den katalanischen Unabhängigkeitsbewegungen ausgehandelte Amnestie steht im Zentrum der Debatte, und die Straßen füllen sich mit Flaggen. Das wiederholte Argument lautet stets gleich: Das Gesetz sei verfassungswidrig. Daraus ergibt sich eine unbequeme Frage, die kaum jemand laut beantworten möchte. Wenn es so offensichtlich ist, warum muss man dann demonstrieren? Es würde genügen, zu Hause zu bleiben und abzuwarten, bis das Tribunal Constitucional (Verfassungsgericht) es aufhebt, ruhig und vertrauensvoll gegenüber dem System.
Das Problem ist, dass dies offenbar kaum jemand glaubt. Wenn ein Teil des Medienlagers, das den Konstitutionalismus zur Fahne gemacht hat, vorwegnimmt, dass das TC die Amnestie am Ende billigen wird, verwandelt sich der Protest von einer Verteidigung der Institutionen in etwas anderes: einen präventiven Wutanfall.
Warum geht man auf die Straße, wenn es reicht, auf das Urteil des Verfassungsgerichts zu warten?
Die Verfassung, die auf den Plakaten beschworen wird, benennt das Tribunal Constitucional als ihren obersten Hüter. Es ist das Organ, das den Text auslegt und entscheidet, was zulässig ist und was nicht. Wenn sein Urteil kommt und die Amnestie für verfassungsgemäß erklärt, zwingt die Logik des Systems zur Akzeptanz. Es gibt keinen Spielraum: Man kann gegen das Urteil sein, aber man kann nicht weiterhin behaupten, eine Rechtsordnung zu verteidigen, deren Entscheidungen man bereits vor ihrer Existenz missachtet.
Und genau hier zeigt sich der Riss. Gegen die Amnestie unter der Flagge desselben Regimes zu protestieren, gleicht einem Protest gegen den Schiedsrichter im Trikot der Mannschaft. Wer behauptet, das Problem sei punktuell, erklärt nicht, warum der Mechanismus, der es lösen soll, so wenig Vertrauen genießt.
Der Präzedenzfall des Gesetzes gegen geschlechtsspezifische Gewalt, das das TC billigte
Um dieses Misstrauen zu verstehen, muss man zurückblicken. Das Ley Integral contra la Violencia de Género (Gesetz gegen geschlechtsspezifische Gewalt) wurde 2004 verabschiedet. Es sah eine unterschiedliche rechtliche Behandlung je nach Geschlecht vor, was Artikel 14 der Verfassung widerspricht. Im Jahr 2008 erklärte das TC es für verfassungsgemäß.
Ein ehemaliger Vizepräsident der Regierung, Alfonso Guerra, berichtete öffentlich, dass der damalige Präsident des Gerichts ihm mitgeteilt habe, es habe „großen Druck“ gegeben, um eine Norm zu billigen, die seiner Meinung nach offensichtlich verfassungswidrig war. Diese Anekdote fasst das Problem zusammen: Wenn das Organ, das über die Einhaltung der Verfassung wacht, unter Druck handelt, bröckelt das Vertrauen in seine zukünftigen Urteile. Bemerkenswert ist, dass die Partei, die heute zu Protesten gegen die Amnistie aufruft, jenes Gesetz damals unterstützte und später eine zweite Version verabschiedete.
2020 und 2021: Der Alarmzustand, den das TC ohne Konsequenzen aufhob
Der andere Präzedenzfall ist neuer und wiegt schwerer, zumindest für jene, die seit Jahren die Schwachstellen des Systems aufzeigen. Im Jahr 2020 verhängte die Regierung eine Ausgangssperre für die gesamte Bevölkerung, gestützt auf einen Alarmzustand, eine Figur, die eigentlich nur Bewegungsfreiheit einschränken sollte, nicht Menschen in ihre Häuser sperren. Das TC brauchte bis 2021, um dies für verfassungswidrig zu erklären.
Es passierte nichts. Keine Entlassung, keine Anklage, keine politischen Konsequenzen. Der Regierungschef blieb nicht nur im Amt: Er kündigte an, es wieder tun zu wollen. Wer damals nicht auf die Straße ging – weder mit noch ohne Flagge – hat es schwer, die selektive Empörung von heute zu rechtfertigen.
Flaggen, die dem Grund des Protests widersprechen
Die Bilder der Kundgebungen zeigen ein Katalog von Widersprüchen. Manche protestieren gegen die Amnistie und schwenken dabei die Flagge der Europäischen Union, dieselbe, die jahrelang den in Belgien flüchtigen Unabhängigkeitsführer gedeckt hat. Andere schwenken sie mit dem Wappen der Monarchie und misstrauen gleichzeitig dem Gericht, das dieses System benennt. Und in Bilbao wurden Berichten zufolge bei einer Demonstration zur Verteidigung der Einheit Spaniens Flaggen der baskischen Unabhängigkeitspartei gesichtet.
Daraus entsteht der sarkastischste Vorschlag: Das Wappen von der Flagge schneiden und nur die rot-gelb-rote Flagge ohne Krone behalten, um niemandem Munition zu geben, der Demonstranten als Franquisten bezeichnet. Die Idee zielt auf dasselbe hinaus. Wenn das Problem das Regime ist, ist die Flagge des Regimes nicht das beste Banner.
Das Wahlsystem, das ebenfalls nicht auf den Plakaten erscheint
Die Diskussion wanderte auch zur institutionellen Architektur. Die Aufteilung nach Wahlkreisen lässt Parteien, deren Stimmen im ganzen Land verteilt sind, aus dem Kongress ausgeschlossen, während die 5%-Hürde Minderheiten eliminiert, die sie nicht erreichen. In einem hypothetischen Szenario, in dem 90% für Parteien mit 1% Zustimmung votieren und 10% für eine Partei mit 10%, hätte die kleine Partei eine absolute Mehrheit. Dafür ist niemand auf die Straße gegangen.
Wo die Argumentation feststeckt
Hier bleibt die Analyse ohne Ausweg. Wenn das TC die Amnestie bestätigt, müssen sich die heutigen Demonstranten entscheiden zwischen Gehorsam oder der Einsicht, dass sie jahrelang ein System verteidigt haben, das sie angeblich nicht anerkennen. Wenn es sie aufhebt, haben sie gewonnen, ohne die Straße betreten zu müssen. In beiden Szenarien ist der Protest überflüssig. Er bringt nur Lärm, und Lärm hat noch nie ein Urteil bewegt.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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