Warum Portugal trotz seines Kolonialimperiums nicht wohlhabender ist
Lissabon war die Hauptstadt eines Imperiums, das sich fast fünf Jahrhunderte lang über drei Kontinente erstreckte. Brasilien, Angola, Mosambik, Goa, Macau. Gold, Gewürze, Zucker, Sklaven. Und dennoch hat das Land, das heute diese Ecke des Atlantiks besetzt, laut den in der Debatte angeführten Daten ein Pro-Kopf-BIP, das unter dem spanischen liegt und erst im letzten Jahrzehnt begonnen hat, die Lücke zu schließen. Der Widerspruch ist nicht neu: Portugal ist seit Jahrzehnten das perfekte Beispiel dafür, dass ein Imperium keinen Wohlstand garantiert.
Die Frage, die sich durch die 146 Antworten des Threads zieht, ist einfach: Warum? Und die Antworten sind, wie so oft, nicht einheitlich.
Geografie als Fluch: Eine Ecke ohne wohlhabende Nachbarn
Das erste Argument ist geografischer Natur. Portugal liegt am Rand des Kontinents mit nur einem Landnachbarn, Spanien. Die spanischen Regionen an der Grenze – Galicien, León, Extremadura und West-Andalusien – gehören nicht gerade zu den wohlhabendsten Europas. „Stell dir vor, deine einzigen Nachbarn wären Galicien, León, Extremadura und Andalusien“, fasst ein Teilnehmer zusammen. In diesem Kontext kehrt sich die Frage um: „Warum sind sie nicht noch stärker depressiv?“
Der Vergleich mit der Schweiz oder Luxemburg, Ländern ohne koloniales Imperium und deutlich höherem Einkommen, wird im Thread genutzt, um die Idee zu widerlegen, dass die imperiale Vergangenheit der Schlüssel sei. „Das Imperium ist eine Anekdote“, behauptet eine andere Nachricht: Das Geld floss in die Verteidigung entfernter Gebiete, in Paläste und lokale Eliten, die den Löwenanteil behielten. Der niederländische Fall hingegen erklärt sich durch seine Rolle als Tor zu Europa, mit einem Handel, der nicht von Kolonien abhing.
Das Imperium, das auf dem Weg liegen blieb
Der Thread widmet sich ausführlich der Relativierung des Klischees vom extraktiven Imperium. Es wird daran erinnert, dass Portugal mehr afrikanische Kolonien hatte als Spanien und diese bis 1975 hielt, als die Kriege in Angola und Mosambik die Entkolonisierung erzwangen. Diese Kriege, verglichen mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Metropole, lösten eine massive Abwanderung junger Menschen aus, die vor Wehrpflicht und Armut flohen und in ein Europa gelangten, das Arbeitskräfte für den Wiederaufbau benötigte.
Die These des Lusotropicalismus, der Doktrin, die das portugiesische Imperium als zivilisatorische und mestizische Mission rechtfertigte, erscheint als Vorläufer des heutigen Hispano-Tropikalismus. Das Ergebnis war laut mehreren Beiträgen ein Land, das sein Vermögen in Kolonien steckte, die nie die erwartete Rendite brachten. „Sie verbrannten ihr Geld in den eigenen Kolonien und den Rest in Palästen“, fasst eine Nachricht zusammen.
Das institutionelle Erbe: Nnnn, Angelsachsen und eine Union, die es nicht gab
Eine der häufigsten Strömungen im Thread führt den Verfall der Iberischen Halbinsel auf die Vertreibung der Nnnn zurück. „Das reiche Europa ist reich wegen der Nnnn und ihrer banken- und industriekapitalistischen Entwicklung seit dem Mittelalter“, argumentiert ein Teilnehmer und dehnt dies auf Spanien aus. Die Antwort lässt nicht auf sich warten: Wenn Nnnn die entscheidende Variable wären, wäre Israel das reichste Land der Erde und Frankreich würde Europa ohne Diskussion anführen. Ungarn, mit einer größeren jüdischen Bevölkerung als Island, ist kein Beispiel für Wohlstand.
Der andere große Meinungsblock macht die Allianz mit Großbritannien verantwortlich. Portugal hätte als angloamerikanischer Proxy beim Plünderung Brasiliens und bei der Verteidigung seiner atlantischen Interessen fungiert und dabei auf eine iberische Integration verzichtet, die nach Ansicht vieler Nachrichten für beide Seiten viel vorteilhafter gewesen wäre. „Mit einer iberischen Union hätten sie 20 Millionen Einwohner und einen brutalen Hafen am Atlantik“, wird argumentiert. Extremadura wäre eine logistische Macht, Badajoz oder Cáceres wären wie Zaragoza und Galicien viel reicher. Die historische Gegenargumentation lautet: Der Begriff „Iberia“ ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, um die Portugiesen nicht zu beleidigen; was immer geplant war, war die Wiedervereinigung Spaniens.
Steuer- und Migrationspolitik als jüngster Vorteil
Im letzten Jahrzehnt hat Portugal die Lücke zum spanischen Pro-Kopf-BIP geschlossen. Der Thread führt diese Annäherung auf zwei Faktoren zurück: eine investitionsfreundlichere Steuerpolitik und eine agilere Migrationspolitik. „Mit fünf weiteren Jahren Pedro würden sie uns pro Kopf überholen“, heißt es sogar, bezogen auf den spanischen politischen Zyklus. Der Vergleich mit Tschechien und der Slowakei, wohlhabenden Ländern im Zentrum Europas mit jedoch niedrigeren Einkommen als Deutschland, dient dazu, daran zu erinnern, dass Geografie nicht alles erklärt.
Die Debatte zeigt auch die weniger schöne Seite des heutigen Portugal. Manche beschreiben Lissabon als eine verfallende Hauptstadt mit schlechter gepflegten Straßen als Pristina. Und andere erinnern daran, dass das Land trotz allem eine Anomalie bleibt: eine kleine Wirtschaft, ohne natürliche Ressourcen, mit geringer Bevölkerung und nur einer Grenze, die es geschafft hat, nicht unterzugehen.
Am Ende ähnelt die Antwort darauf, warum Portugal nicht reicher ist, der Antwort darauf, warum Spanien es nicht ist: Ein Imperium, das sich in Rauch auflöste, eine Geografie, die nicht hilft, Institutionen, die nicht unterstützten, und eine Elite, die den Palast der Fabrik vorzog. Der beunruhigende Fakt ist nicht das portugiesische BIP. Es ist die Tatsache, dass angesichts all dessen manche befürchten, dass uns Portugal bald überholen könnte.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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