Das Nord-Stream-Sabotage und die Rechnung, die Europa bereits zahlt
Die Baltic Pipe, eine Gaspipeline von Norwegen nach Polen über Dänemark, ging – wie ein Teilnehmer der Debatte anmerkte – am selben Tag in Betrieb, als der Meeresboden der Ostsee bebte. Die Explosionen schalteten Nord Stream 1 und 2 aus, die Infrastruktur, über die Russland halb Europa mit Gas versorgte. Diese zeitliche Koinzidenz, die mit einem gewissen Unterton hervorgehoben wurde, ordnet vieles von dem, was danach geschah: Für viele Beteiligte wird das Geschehen nicht als Niederlage Moskaus gelesen, sondern als Zug in einer Partie, in der Europa sowohl Spielfeld als auch Bauer ist.
Der Kreml bezeichnete es als „ein großes Problem für Russland“. Und das ist es auch: Das Land hatte ein Vermögen in den Bau und die Instandhaltung dieser Leitung investiert, abgesehen vom Geschäft, das der Gasverkauf an den Kontinent bedeutete. Von hier aus bis zur Annahme, dass Russland tot sei, ist es jedoch ein weiter Weg, den eine nüchterne Analyse nicht geht.
Wer verliert wirklich durch das Sabotage?
Die vorherrschende Lesart besagt, dass Russland sein energisches Druckmittel verliert. Ohne Pipeline gibt es keine Möglichkeit, den Winter als Waffe einzusetzen. Ein anderer Ansatz kehrt die Logik um: Wenn die Pipeline ohnehin stillgelegt war und Europa sich weigerte, den zweiten Strang zu öffnen, verlor Moskau einen immobilisierten Vermögenswert, keinen laufenden Umsatz. Manche behaupten sogar, die Explosionen seien eine Erleichterung, da sie Russland von der Lieferverpflichtung befreien und den Ball ins europäische Feld schieben.
Der Einwand gegen diese These ist klassisch. Wer seinen eigenen Vermögenswert zerstört, verzichtet auf die Investition, verlässt den Markt und überlässt das Geschäft seinem Hauptgegner. Das erscheint wenig logisch, es sei denn, die Kalkulation umfasst mehr als nur die Bilanz.
Die 220 US-Pipelines und das Gas über den Atlantik
Hier tritt der Profiteur auf, den mehrere Teilnehmer als offensichtlich benennen. Die USA verschiffen bereits LNG-Tanker nach Europa, der Handel mit Russland ist unterbrochen, und die Lücke wird durch amerikanisches Gas gefüllt. Ein Teilnehmer behauptet, sein Land verfüge über 220 Pipelines innerhalb seiner Grenzen, im Gegensatz zu Russlands vier großen Leitungen, die alle durch Drittländer führen, und argumentiert, dass es nichts sabotieren müsse, um zu gewinnen: Es reiche aus, wenn die fremde Leitung trocken liegt.
Ein anderer Teilnehmer berechnet, dass 40 % des US-BIP außerhalb des Territoriums erwirtschaftet werden. Nach der Pandemie sucht die Verlagerung neuer Standorte, und Europa, mit einem starken Dollar und einer durch Energiekosten erstickten Industrie, ist ein natürlicher Kandidat. Den Kauf europäischer Fabriken zum Schnäppchenpreis würde voraussetzen, dass diese Fabriken zuvor untergehen.
Polen, das Schachmatt für Deutschland und der Winter des Nordens
Manche vertreten die Ansicht, dass Polen durch die neue Landkarte gewinnt. Die Pipeline, die es mit Norwegen verbindet, macht es zur Alternative und damit zum direkten Konkurrenten der deutschen Lokomotive. Ein Teilnehmer setzt den besonders harten Ton Warschaus gegenüber Moskau mit dieser Kalkulation in Verbindung: Jeder Schlag gegen Berlins energiepolitische Interessen kommt ihm zugute. In diese Gleichung gehört auch der deutsche Energieausstieg, über dessen Treiber offen diskutiert wird.
Ein Teilnehmer erinnert daran, dass derselbe Konflikt bereits früher ausgetragen wurde und laut seiner Version mit dem Tod von 60 % der polnischen Bevölkerung endete – eine Zahl, die ohne Gegenprüfung genannt wird. Sie dient jedoch dazu, daran zu erinnern, dass niemand dieselbe Partie zweimal gewinnt.
Taucher, Schnellboote und eine ungelöste Urheberschaft
Über die Platzierung der Sprengsätze gibt es keine offizielle Schlussfolgerung. Im Thread wird auf eine diskrete Marineoperation verwiesen: Der Punkt liegt mitten auf dem Meer, fernab von Blicken, und ein leichtes Boot mit Tauchern würde ausreichen, um die Geräte zu platzieren. Auch wird diskutiert, dass die Zone unter Überwachung der NATO steht, was die Heimlichkeit erschweren würde, und die Nähe Dänemarks zum Ort der Explosionen erwähnt. Keine der Hypothesen ist bewiesen.
Im Hintergrund bleibt eine wiederholte Warnung in den Kommentaren: Sollte der Konflikt eskalieren, wären LNG-Tanker Ziele in einem Schießplatz und die noch funktionierenden Pipelines das nächste Ziel. Dieses Spiel kann jeder spielen.
Die These des Verrats: „Die EU erklärt Europa den Krieg“
Eine Analyse von Fernando del Pino Alopécico-Sotelo vom 28. September 2022 vertritt die Auffassung, dass der wahre Verantwortliche für die europäische Außenpolitik nicht der jeweilige Hohe Vertreter ist, sondern die USA, und dass diese Politik nicht die Interessen der Europäer verteidigt. Die Formulierung ist hart. Die Diagnose hingegen kursiert in sehr unterschiedlichen Milieus: Das Gefühl, dass die EU sich selbst ein Bein gestellt hat, um Washington zu gefallen, und dass die Eliten des Kontinents ein anderes Spiel spielen.
Es bleibt die Tatsache, die ein Teilnehmer hervorhebt. Russland hätte vier Pipelines, die von Drittländern abhängen, und die USA hätten 220, die keine einzige fremde Grenze überschreiten. Für ihn ist dies kein Unterschied in der Infrastruktur, sondern in der Verwundbarkeit, und in dieser Asymmetrie – mehr als im Meeresboden der Ostsee – läge die Erklärung für das, was danach kam.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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