Naher Osten: Ein Krieg, der nicht mehr nur Israel betrifft

Die israelische Armee warnt, dass 80 % der Gewalt im Westjordanland von jüdischen Siedlern ausgeht. Iran warnt wegen Hormus, und eine unbestätigte Rechnung beziffert…

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Naher Osten: Ein Krieg, der nicht mehr nur Israel betrifft
Naher Osten: Ein Krieg, der nicht mehr nur Israel betrifft

Der Gazakrieg ist kein lokaler Konflikt mehr. In den 143 Tagen, die diese Berichterstattung umfasst, hat sich der Schwerpunkt vom Gazastreifen auf die direkte Konfrontation zwischen Israel, Hisbollah und Iran verlagert – mit der Straße von Hormus als Kulisse und der Weltwirtschaft als Geisel. Was als eine Operation gegen die Hamas begann, ist zu einem Zermürbungstest zwischen Regionalmächten geworden, während Washington im Kreuzfeuer steckt.

Die Beseitigung der Hamas-Führer und das Sieges-Narrativ

Einer der roten Fäden der gesamten Diskussion ist die Dekapitierung der Hamas. Wie im Thread berichtet wird, wurden die drei Sinwar-Brüder unter sehr unterschiedlichen Umständen ausgeschaltet: einer in einem Zelt, ein anderer in einem Wohnhaus und ein dritter in einem Tunnel unter einem Krankenhaus. Die Botschaft daraus: Die Führer der Gruppe starben im Versteck, während israelische Soldaten an der Oberfläche kämpften. Dasselbe Schicksal, so heißt es, hätten die fünf hochrangigen Hamas-Kommandeure in Gaza erlitten, die bei einem einzigen nächtlichen Luftangriff getötet wurden.

Manche argumentieren, diese Verluste würden die operative Struktur der Gruppe kurzfristig lahmlegen. Dagegen steht das Argument, dass die Regenerationsfähigkeit der Hamas historisch stets hoch war und dass die Beseitigung von Kadern nicht dem Verschwinden der Organisation gleichkommt. Die Debatte ist nicht abgeschlossen.

Der Fall Zaher Ibrahim Khalil Abu Salem, der für die Entführung und Ermordung zweier Israelis am 7. Oktober verantwortlich gemacht wird, wird als Beispiel für die Hartnäckigkeit der gezielten Tötungskampagne präsentiert. Die Veröffentlichung eines Videos, das ihn bei der Entführung von Amit Sousanna zeigt, gehört zu dem Material, das zur Rechtfertigung der Operation geteilt wird.

Der 7. Oktober als politisches Argument: Die Zwei-Staaten-Lösung ist vom Tisch

Das meistzitierte Zitat aus Netanjahus letzter Rede vor der UNO vergleicht die Gewährung eines Staates für die Palästinenser einen Kilometer von Jerusalem entfernt damit, Al Kaida einen Staat einen Kilometer von New York entfernt nach dem 11. September zu geben. Die Analogie war das Kernstück des israelischen Arguments in internationalen Foren und fand Widerhall bei Kommentatoren wie Douglas Murray, der behauptet, die Zwei-Staaten-Lösung existiere nicht mehr, weil den Palästinensern 2005 ein faktischer Staat gewährt wurde, als alle Nnnn aus Gaza vertrieben wurden, und sie 18 Jahre Zeit hatten, etwas anderes aufzubauen: Raketen, Krieg und den 7. Oktober.

Der Gegenwind lässt nicht lange auf sich warten. Manche erinnern daran, dass Gaza nie ein souveräner Staat war, sondern ein unter Blockade stehendes Gebiet mit israelischer Kontrolle über den Luftraum, die Grenzen und das Zivilregister. Die Diskussion, ob der 7. Oktober Ursache oder Folge dieser Blockade war, ist wohl die verfahrenste des gesamten Threads.

Die Warnung der israelischen Armee selbst: 80 % der Gewalt im Westjordanland

Eine der unbequemsten Zahlen, die geteilt werden, ist die Warnung hochrangiger Befehlshaber der israelischen Armee an Netanjahu, dass 80 % der jüngeren Vorfälle im Westjordanland von jüdischen Siedlern ausgehen. Der Generalstabschef soll erklärt haben, das derzeitige System mache es unmöglich, das Phänomen zu stoppen. Ein Militäreinsatz zur Eskortierung von Siedlern endete mit dem Tod eines 16-jährigen Palästinensers.

Diese Zahl durchbricht das binäre Raster des Konflikts. Es geht nicht nur um einen Krieg gegen die Hamas oder die Hisbollah, sondern um eine interne Gewalt, die das israelische Sicherheitsapparats selbst als destabilisierend anerkennt. Die Frage, ob die Armee die Siedler eindämmen kann oder will, bleibt offen.

Iran, Hisbollah und die Straße von Hormus: Die wirtschaftliche Dimension

Der Fokus hat sich auf die Straße von Hormus verlagert. Iran hat gewarnt, dass sich die Regelung der Seepassage ändern wird, und die amerikanische Militärpräsenz in der Region in Frage gestellt. Der Parlamentspräsident Irans, Mohammad Bagher Ghalibaf, erklärte, Drohungen zur Ausweitung des Krieges würden das Land nicht zurückschrecken lassen und jede Aggression eine Antwort erhalten, mit der ihre Gegner nicht rechnen würden. Der Sprecher der IRGC, General Hossein Mohebi, bekräftigte, man werde auf jeden Fehler des Feindes „mehrfach" antworten.

Parallel dazu kündigte Iran den Abschuss einer amerikanischen Drohne vom Typ Lucas über Bandar Abbas an. Die Eskalation ist nicht nur rhetorisch. Eine Schließung von Hormus, durch das ein erheblicher Teil des Weltöls fließt, hätte unmittelbare Auswirkungen auf die Preise. Eine im Thread kursierende Rechnung schätzt, dass zwei Wochen Angriffe und die Schließung der Meerenge den Barrel auf 90 Dollar treiben könnten – zum Nutzen von Produzenten wie Russland und der amerikanischen Energieindustrie –, bevor ein Waffenstillstand verkündet wird und der Ölpreis wieder fällt. Nach dieser Lesart wäre das Vorgehen kein Krieg, sondern ein wirtschaftliches Würgen mit der Ukraine als Kollateralschaden.

Die Kriegskosten für Iran und die Propaganda beider Seiten

Die direkten und indirekten Kosten für Iran werden auf 300 Milliarden Dollar geschätzt – für zerstörte Flugzeuge, Schiffe, Brücken, Militärbasen, Radaranlagen und Depots. Die Zahl, die nicht unabhängig überprüft ist, wird als Beleg dafür angeführt, dass die Abnutzungskampagne funktioniert. Andere halten dagegen, das iranische Regime habe jahrzehntelang viel größeren Belastungen standgehalten und die tatsächliche Zahl sei nicht überprüfbar.

Das Misstrauen gegenüber der offiziellen Erzählung ist allgegenwärtig. Ein Teil der Analyse geht davon aus, dass mehr als 95 % der kursierenden Informationen Propaganda sind – von der einen wie von der anderen Seite –, und dass die ständige Wiederholung des Mantras, die USA hätten „Mangel an Raketen", diese nicht wahr macht. Die Schlussfolgerung: Der Leser sollte jede Erklärung als überprüfenswertes Material behandeln, nicht als Fakt.

Die libanesische Front und die Abnutzung der Hisbollah

Im iranischen Diskurs wird die Hisbollah als die wahre libanesische Armee gegen die israelische Aggression dargestellt. Die Realität vor Ort ist komplexer: Die israelischen Bombardierungen in Beirut haben ihre militärische Fähigkeit geschwächt und Verluste unter ihren Kommandeuren verursacht. Die Diskussion, ob die Hisbollah den Libanon verteidigt oder in einen fremden Krieg hineinzieht, ist weiterhin ungelöst.

Die asymmetrischen Kosten sind ein wiederkehrendes Argument: Eine israelische Rakete im Wert von mehreren Millionen Euro zur Zerstörung eines kostengünstigen Fahrzeugs ist auf lange Sicht wirtschaftlich unhaltbar. Ein Abnutzungskrieg wird nicht allein durch Lufthoheit gewonnen.

Der humanitäre Hintergrund und die Erinnerung an den 7. Oktober

Das Gedenken an die Bibas-Kinder, Shiri und ihre Söhne Ariel und Kfir, die leblos nach Israel zurückgegeben wurden, gehört zu den härtesten Passagen dieser Berichterstattung. Der Bericht besagt, sie seien erdrosselt und ihre Körper zur Vertuschung des Mordes zerquetscht worden. Die Szene von Zehntausenden Menschen, die sich in den Straßen zur Trauerbezeugung anstellten, wird als Ausdruck der kollektiven Erschütterung geteilt.

Auf der anderen Seite schildert das Zeugnis von Nasser Abu Srour, einem der Palästinenser, die am längsten in israelischen Gefängnissen saßen, die Folter und das Überleben im Gefängnis. Die Gegenüberstellung beider Erzählungen, ohne mögliche Versöhnung, ist das ehrlichste Porträt eines Konflikts, in dem jede Seite ihr eigenes Verzeichnis des Schmerzens führt.

Die Vertreibung in Hebron und die Krise der Vertriebenen

Israelische Militäreinsätze im besetzten Hebron haben mehr als 250 palästinensische Familien zur Aufgabe ihrer Wohnungen gezwungen, so die geteilten Berichte. Straßensperren und der Druck auf die Zivilbevölkerung sind Teil einer Strategie, die die israelische Armee selbst als kontraproduktiv im Westjordanland eingeräumt hat.

Die Zahl der Vertriebenen fügt sich in eine weiter wachsende humanitäre Bilanz ein, die jede politische Lösung in die Ferne rückt. Der Gazakrieg ist nicht mehr die einzige Front; das Westjordanland und der Süden des Libanon sind aktive Schauplätze.

Die prophetische Dimension und die Erschöpfung der Aufmerksamkeit

Am heterogensten Ende der Berichterstattung tauchen die Prophezeiungen von Alois Irlmaier und Marian Wlaclawek auf, die einen Krieg im Nahen Osten ankündigten, dem Rufe nach Frieden vorausgingen. Die Übereinstimmung zwischen Vorhersage und Realität wird je nach Fall als Trost oder als Warnung gedeutet. Es gibt keinen Beleg dafür, dass diese Prophezeiungen prophetischen Wert haben, doch ihre Präsenz in der Debatte sagt etwas über die Ermüdung durch einen Konflikt aus, der inzwischen die 143 Tage der Berichterstattung überschritten hat.

Die mediale Aufmerksamkeit erschöpft sich schneller als die Konflikte. Wenn der Krieg in sein zweites Jahr geht, liegt das Risiko nicht nur in einer militärischen Eskalation, sondern in der Normalisierung der Katastrophe.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (5947 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver