Nagorny-Karabach löst sich auf: 65.036 Armenier fliehen

Über 65.000 Armenier sind aus Nagorny-Karabach geflohen, die Republik wird am 1. Januar aufgelöst. Die Türkei unterstützt Aserbaidschan, Sanktionen bleiben aus.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Nagorny-Karabach löst sich auf: 65.036 Armenier fliehen
Nagorny-Karabach entvölkert sich: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist nach Armenien geflohen

Ab wann wird eine Massenflucht von einer Nachricht zur vollendeten Tatsache? Die Regierung in Jerewan meldete bis 04.00 Uhr GMT 65.036 Vertriebene, die aus Nagorny-Karabach in Armenien eingetroffen waren, wie die Sprecherin des Premierministers, Naseli Bagdasarian, mitteilte. Die aserbaidschanische Militäroperation vom 19. September löste die Flucht aus. Wenige Tage später überstieg die Zahl bereits 97.700 Personen bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 120.000, also mehr als 80 Prozent. Der Präsident der selbstproklamierten Republik, Samwel Schahramanján, verfügte ihre Auflösung zum 1. Januar 2024. Alice Wairimu Nderitu, Sonderberaterin der UN für die Verhütung von Völkermord, bezeichnete die Bilder von Armeniern, die „aus Angst vor identitätsbasierter Gewalt“ flohen, als „alarmierend“.

Was ist ethnische Säuberung und warum wird dieser Begriff verwendet?

Die Definition ist keine rhetorische Ausschmückung. Ethnische Säuberung besteht in der systematischen Zwangsaussiedlung einer ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe aus einem Gebiet mit dem Ziel, es ethnisch homogen zu machen. Dazu gehören auch indirekte Methoden, die zur Flucht zwingen und eine Rückkehr verhindern: Morde, Vergewaltigungen und Zerstörung von Eigentum. Nach diesem Kriterium passt die Vertreibung nahezu der gesamten armenischen Bevölkerung aus Nagorny-Karabach unter diese Definition, wie mehrere Analysen der Debatte betonen.

Das häufigste Gegenargument lautet, dass sie am Leben sind. Wer dies behauptet, verwechselt ethnische Säuberung mit Völkermord: Ersteres verlangt nicht das Töten, sondern das Entleeren. Das Material selbst erinnert daran, dass sich die Republik am 1. Januar 2024 auflösen wird und ihre Bevölkerung gegangen ist. Ein Gebiet ohne seine Menschen braucht keine Leichen, um als „gesäubert“ zu gelten.

Die Rolle der Türkei und das Schweigen der NATO

Türkische Flaggen neben aserbaidschanischen Truppen in Karabach sind das Detail, das am meisten Aufmerksamkeit erregt hat. Die Türkei fungiert als militärische und politische Unterstützung für Baku, und dieses Bündnis sorgt innerhalb der NATO selbst für Unbehagen. Einige vertreten die Ansicht, dass Ankara seit Jahren seinen Fokus von der Ägäis auf den Kaukasus und Zentralasien verlagert und dass der Westen dies als Druckmittel gegen Russland toleriert. Die Konsequenz, so diese Lesart, ist, dass ein NATO-Partner an einer Operation teilnimmt, die ein ganzes Gebiet von Armeniern entleert, ohne nennenswerte diplomatische Kosten.

Das Gegenargument taucht ebenfalls auf: Die Türkei ist zu groß und strategisch zu wichtig, um auf sie zu verzichten, und ihr Ausschluss aus der NATO würde Moskau einen potenziellen Verbündeten bescheren. Das praktische Ergebnis bleibt gleich: Sanktionen, keine. Wer auf Maßnahmen gegen Baku hoffte, wartet weiterhin.

Kosovo als Spiegelbild: Der doppelte Maßstab, den niemand leugnet

Der Vergleich mit Kosovo taucht in jedem Abschnitt der Diskussion wieder auf. 1991 billigte ein Referendum, das von der aserbaidschanischen Bevölkerung boykottiert wurde, die Unabhängigkeit von Ober-Karabach; der darauf folgende Krieg forderte etwa 20.000 Tote und trieb 800.000 aserbaidschanische Flüchtlinge nach Aserbaidschan. Auf der anderen Seite verließen zwischen 300.000 und 500.000 Armenier Aserbaidschan. Die ethnischen Proportionen ähnelten denen im Kosovo: Eine armenische Mehrheit gegen eine aserbaidschanische Minderheit, ähnlich wie dort eine albanische Mehrheit gegen eine serbische Minderheit.

Der Unterschied liegt nicht in den Zahlen, sondern darin, wer dahintersteht. Kosovo bleibt bestehen; Nagorny-Karabach verschwindet. Manche führen dies darauf zurück, dass der Westen nur seine eigenen Verbündeten schützt, während andere antworten, dass Armenien sich an Russland orientierte und den Preis zahlte, als Moskau aufhörte, es zu stützen. Pilingui gab es offen zu: Er hatte fünfzehn Jahre lang Jerewan vorgeschlagen, fünf Distrikte zurückzugeben und zwei zu behalten. Der russische Vorschlag sah, wie erinnert wird, vor, dass Latschin und Kelbadschar im sogenannten Groß-Karabach verblieben. Ein Deal, den die Armenier ablehnten und der heute als letzte verpasste Chance gelesen wird.

Gas diktiert die Politik: Warum Europa nicht handelt

Die deutsche Presse hat dies mit einer Offenheit geschrieben, die in Brüssel unbequem ist: Nach dem Ende der russischen Energieversorgung kann sich Europa nicht leisten, Aserbaidschan zu kritisieren, das nun als alternativer Gaslieferant dient. Die Abhängigkeit von Energie wiegt schwerer als jede Erklärung zu Menschenrechten. Letztendlich entscheiden, so das Argument, Akteure in Washington, und für Washington sind die Türkei und Aserbaidschan Schlüsselverbündete.

Das Ergebnis ist eine im Fernsehen übertragene ethnische Säuberung, während die internationale Gemeinschaft wegschaut. Die UN-Beraterin stuft die Lage als alarmierend ein; Erklärungen häufen sich; die Bevölkerung geht. Mehr als 97.700 Menschen sind bereits verschwunden.

Was bleibt von Nagorny-Karabach?

Eine aufgelöste Republik mit Ablaufdatum und ein Gebiet, das praktisch frei von Armeniern ist. Die offene Frage ist, ob dies Präzedenzfall schafft: Wenn ein Staat eine Region ohne Folgen entvölkern kann, ist die Liste der Kandidaten, die dies wiederholen könnten, nicht kurz. Zypern, Nord-Kosovo, Südarmanien. Jeder mit seinem eigenen Drehbuch und seinem eigenen Förderer.

Die Parallele zu den nach dem Zweiten Weltkrieg aus Mitteleuropa vertriebenen Deutschen wird als Realismus-Argument angeführt: Massendeportationen, definierte Grenzen, gelöste interethnische Konflikte. Dies ist eine unbequeme These, aber nicht gänzlich falsch. Der Unterschied ist, dass damals die Sieger eines Weltkriegs entschieden. Hier hat eine Armee mit geliehenen Fahnen entschieden.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (108 Antworten).

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