Manifest in Spanien: Versuch, die Verfassung von 1978 zu ändern

Ein Bürgermanifest von 2011 forderte Gewaltenteilung und die Auflösung des spanischen Parlaments. Es wurde in Madrid verteilt, kostete sieben Dollar und blieb für viele unverständlich.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Manifest in Spanien: Versuch, die Verfassung von 1978 zu ändern
Das Manifest für eine bessere Demokratie, das die Regeln von 1978 neu schreiben wollte

Es kostete sieben Dollar und wurde von einigen Unbekannten verfasst. Das „Manifest für eine bessere Demokratie“ entstand aus einer digitalen Wirtschaftsgemeinschaft, wurde auf eigene Kosten gedruckt und nach dem 15-M-Bewegungstag (indignados) in der Puerta del Sol und auf der Plaça de Catalunya in Barcelona per Hand verteilt. Als die Autoren es auf die Straße brachten, zeigte sich sofort der erste Riss: Viele Menschen wussten nicht, was mit der „Gewaltenteilung“ gemeint war.

Niemand mit vollem Namen unterzeichnete das Projekt. Es wurde stückweise aufgebaut, mit Beiträgen und Korrekturen von Dutzenden Personen, die jedes Komma diskutierten, bevor ein Entwurf als gut befunden wurde.

Von drei Punkten zu einem Programm der Neugründung

Der Text begann mit einer minimalen Version, die nur drei Forderungen enthielt: effektive Gewaltenteilung, Wahlrechtsreform und Erleichterung der Bürgerbeteiligung. Auf dieser Basis wurde eine längere Version erstellt, mit mehr Nuancen: Finanzierung von Parteien und Gewerkschaften nur durch Mitgliedsbeiträge, Unterwerfung des Finanzsystems unter das Recht, Transparenz und eine abschließende Forderung, die wie ein institutionelles Erdbeben klang. Auflösung der Cortes Generales (spanisches Parlament) und Einberufung eines konstituierenden Zeitraums, um die Regeln neu zu gestalten.

Die kurze Version wurde aus reiner Überlebenslogik zur endgültigen. Ein zu langer Text war ein leichtes Ziel für jeden, der ihn wegen eines einzigen umstrittenen Satzes zerrupfen konnte. „Dieses Manifest muss auf die Straße, zu den Versammlungen, wo es mit anderen konkurriert“, fasste eine der Initiatorinnen zusammen. Je weniger versprochen wurde, desto weniger Angriffsflächen gab es.

Der Punkt, der den Text spaltete: offene oder geschlossene Listen

Hier begann der eigentliche Streit. Eine Fraktion forderte offene Listen und direkte Wahlen, da geschlossene Listen und Fraktionsdisziplin die Abgeordneten zu Statisten machten. Eine andere Fraktion argumentierte, dass offene Listen allein nichts garantieren und das Ziel vielmehr sein sollte, die Einleitung eines Reformprozesses zu fordern, ohne auf ein bestimmtes Modell zu setzen.

Die vorsichtige Version setzte sich durch. Das Dokument hörte auf, einen Mechanismus zu fordern, und verlangte stattdessen Veränderung. Manche kritisierten dies als Verwässerung des Originals.

Sieben Dollar, ein Wiki und ein freiwilliger Anwalt

Zur Koordination des Textes wurde eine eigene Domain registriert —rund sieben Dollar— und ein Wiki eingerichtet, um jede Version zu diskutieren und zu bearbeiten. Ein externer Wirtschaftsrechtler bot sich freiwillig an, den juristischen Inhalt zu prüfen. Andere korrigierten Grammatik, Rechtschreibung und Syntax.

Das Bestreben, den Text zu formalisieren, war fast obsessiv. Man sprach davon, ihn ins Englische zu übersetzen, an ausländische Medien zu senden und internationale Resonanz zu finden.

Verteilung per Hand in Sol und Plaça de Catalunya

Die Verbreitung erfolgte analog. Kopien des kurzen Manifests wurden gedruckt und in der Puerta del Sol —etwa 150 in einer Charge— sowie auf der Plaça de Catalunya in Barcelona verteilt. Der Text wurde an die mobilen Einheiten verschiedener Medien übergeben und in der Inhaltskommission des Camps hinterlegt.

Die Erzählung jener Verteilung mischte Epik und Komödie: Freiwillige, die niemanden von der Organisation fanden, Flyer, die in einer Pappurne verwahrt wurden, und die Geste, sie wie eine Spende abzugeben.

Die Mauer der Straße: „Die Leute verstehen es nicht“

Warum scheiterte die Botschaft beim allgemeinen Publikum? Weil viele nicht begriffen, worum es ging. Die „Gewaltenteilung“ war ein abstraktes Konzept; die zugrunde liegende Argumentation war für jene, die die politische Tagesordnung nicht verfolgten, unverständlich. „Die Leute wissen nicht, was ‚Gewaltenteilung‘ ist, oder ihre Konzepte dazu sind sehr vage“, heißt es in einer der Beiträge.

Diese Feststellung eröffnete eine weitere Diskussion: Wenn die Botschaft nur eine bereits überzeugte Minderheit erreichte, konnte sie kaum zu einer Massenbewegung werden.

Vom Atomausstieg zur Bankenrettung: die kontrollierten Lecks

Der Text erhielt Erweiterungsversuche von allen Seiten. Einige forderten die Schließung alter Kernkraftwerke —mit Verweis auf Garoña, gebaut 1971, dargestellt als Zwilling von Fukushima—; andere die Abgabe der Immobilie bei Zwangsvollstreckung (dación en pago), Referenden bei internationalen Rettungspaketen oder die Forderung nach Wohnraum als Grundrecht. Die Antwort war fast immer dieselbe: All das war wünschenswert, passte aber nicht in ein Manifest, das nur das System ändern wollte, nicht die konkreten Politiken entscheiden.

Auch gab es Last-Minute-Beschleunigungen. Man drängte darauf, den Entwurf schnell zu verbreiten, während gleichzeitig gewarnt wurde, dass einige Punkte noch nicht überprüft seien. Mitten im Lärm behauptete ein Wirtschaftsmagazin, das Manifest sei eine wahltaktische Maßnahme, um die Rechte bei den Kommunalwahlen zu bremsen. Der Vorwurf hielt so lange wie ein Gerücht braucht, um zu kursieren.



Das Manifest für eine bessere Demokratie löste auch nicht die quälendste Frage: Ob es genügt, eine halbe Reform zu fordern, oder ob das Problem im Rahmen selbst lag. Sechs Punkte, sieben Dollar und ein Wiki änderten die Institutionen nicht. Waren es zu wenige Punkte oder fehlte das Verständnis der Straße für sie?

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (523 Antworten).

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