Ich bin linksorientierter als du und wähle trotzdem Vox
Enteignung von leerstehenden Wohnungen im Besitz von Banken und Fonds, Festlegung von Höchstpreisen für Kraftstoff und Strom, Gründung staatlicher Unternehmen in Schlüsselbereichen und Spende von 0,7 % des BIP an arme Länder. Das ist das Programm eines Wählers, der sich als „sehr links“ definiert, aus der alten Linken. Er schließt seine Argumentation mit einem Satz ab, der den üblichen Rahmen sprengt: Er wählt Vox. Es ist keine Provokation beim Abendessen. Es ist eine strukturierte These: Wenn keine Partei mehr die Arbeiterklasse verteidigt und alle in Identitätsgruppen aufgeteilt sind, wählt jeder schließlich diejenige, die seine anerkennt. Seine, sagt er, sei die eines geschiedenen Mannes und Vaters.
Was genau fordert dieser linksorientierte Wähler?
Die Liste ist keineswegs gemäßigt. Staatliche Unternehmen im Bereich Kraftstoffe, Strom und Verkehr. Vom Staat festgelegte Höchstpreise für wesentliche Güter und Dienstleistungen. Enteignung unbewohnter Wohnungen im Besitz von Banken und Fonds zur Verteilung an einkommensschwache Familien oder, alternativ, Zehntausende Sozialwohnungen pro Jahr. Und eine Zahl, die er wie ein Banner wiederholt: 25 % des gesamten Geldes in Spanien liegt in den Händen von 1 % der Bevölkerung. Daraus, so argumentiert er, ergibt sich die Notwendigkeit der Umverteilung.
Er hält auch bei anderen Themen nicht zurück. Er möchte, dass Steuern Dienstleistungen finanzieren – Bildung, Gesundheit, Verkehr, Justiz – und nicht Verschwendungsprojekte. Er verteidigt, dass jeder mit seinem Körper machen kann, was er will, solange er es aus eigener Tasche bezahlt. Und er strebt an, dass eine Familie von einem einzigen Gehalt leben kann. Keines dieser Banner klingt nach einem aktuellen Programm. Das ist der Sprung.
Von der Arbeiterklasse zur Identitätspolitik
Die zentrale Diagnose ist kulturell. Wo früher von der Arbeiterklasse die Rede war, spricht man heute von Identitätsgruppen: feministisch, LGBT, Migranten und, mit Ironie, Unternehmer. In dieser Fragmentierung wird der wählende Bürger ohne Etikett verwaist. Manche gehen weiter und sehen Design in dem Manöver: Die Aufteilung der Bevölkerung in vermeintlich unvereinbare Gruppen wäre der wirksamste Weg, damit niemand eine Mehrheit erreicht.
Dagegen spricht ein anderes Argument. Es wird behauptet, dass die Rechte innerhalb ihres eigenen Rahmens ebenfalls soziale Gerechtigkeit anstrebt, und das Gegenteil anzunehmen sei ein Wahrnehmungsfehler. Es wird auch daran erinnert, dass dieser Wähler die 15-M-Bewegung und Podemos unterstützte, als sie dieser Linie zu folgen schienen: Enttäuschung, sagen sie, sei der eigentliche Motor des Wahlwechsels.
0,7 % des BIP: Hilfe, die niemand mehr verteidigt
Wenige Vorschläge auf der Liste lösen so viel Ablehnung aus wie die Spende von 0,7 % des BIP an arme Länder. Das dominierende Argument ist, dass Jahrzehnte empirischer Beweise nicht stützen, dass solche Transfers jemanden aus der Armut holen, und sie könnten sogar die Arbeit im Herkunftsland entmutigen. Ein weiteres Argument wird hinzugefügt: Extreme Armut wird mit Kapital, Ersparnissen und Investitionen bekämpft, nicht mit Hilfen.
Die am weitesten entwickelte Version weist darauf hin, dass ein armes Land vorankommt, indem es sich mit reichen Volkswirtschaften zusammenschließt, die Produktion verlagern, Wissen bereitstellen und Handelsabkommen unterzeichnen, und dass diese anfängliche Kapitalisierung die Finanzierung von Infrastruktur und Bildung ermöglichen würde. Das Hindernis, sagen sie, sei nicht der Mangel an Mitteln, sondern der Mangel an Rechtssicherheit: Wenn das Geld in einem anderen Palast landet, hält kein Projekt stand.
Wird Vox die Gender-Gesetze abschaffen?
Darin liegt, laut diesem Wähler, der letzte Grund für seine Stimme: Er erwartet, dass die Partei die „Gender“-Gesetze außer Kraft setzt, und es ist das Einzige, was ihn wirklich bewegt. Nicht alle sehen das gleich. Gegen diese Erwartung argumentieren andere Stimmen das Gegenteil: Der Weg wäre nicht Abschaffung, sondern Ausweitung des Rahmens auf die gesamte Familie, unter dem Argument, dass dies weniger diskriminierend sei, wenn man doch eigentlich deren Rücknahme forderte. Und es wird daran erinnert, dass die Partei die Verlängerung des Alarmzustands unterstützte und dann kritisierte, was Zweifel an ihrer Bereitschaft nährt, ihre Versprechen umzusetzen.
Staatliche Unternehmen, Preisobergrenzen und wer verwaltet das Geld
Bei der Wirtschaft kreuzen sich zwei Einwände. Der erste: Vieles von dem Geforderten existiert bereits in der Praxis, weil der Staat Beamte in die Aufsichtsräte strategischer Unternehmen platziert. Das Problem wäre nicht der Mangel an öffentlicher Kontrolle, sondern wer sie ausübt. Der zweite verweist auf die Daten der Liste selbst: Wenn 25 % des Geldes bei 1 % liegen, wird geantwortet, dass ein großer Teil dieser Konzentration von diskriminierenden Regulierungen und politischen Netzwerken stammt, nicht nur vom Markt.
Sind die Etiketten Links und Rechts noch sinnvoll?
Manche gehen weiter und behaupten, dass Links und Rechts Etiketten seien, die dazu gedacht sind, die Bevölkerung innerhalb einer Parteienherrschaft gespalten zu halten. Von dort aus wäre der Wechsel der Stimme kein Verrat, sondern die logische Konsequenz. Andere lesen es als reinen Zynismus: Wenn alle Parteien am Ende dasselbe vereinbaren, wird das Wählen zu einer Übung des Eigeninteresses, ein Rette sich, wer kann mit Stimmzettel.
Mit diesen Elementen ist die Frage nicht, ob dieser Wähler links ist. Es ist, was passieren würde, wenn morgen eine Partei auftauchte, die die Hälfte seines Programms unterschrieb. Würde er wirklich sie wählen? Oder geht es seiner Stimme nicht mehr um Programme?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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