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Karthago: Warum Rom es von der Landkarte tilgte, Athen aber verschonte
Rom besiegte Karthago 146 v. Chr. nicht nur: Laut Orosius machte es seine Steine zu Staub. Die Frage ist, warum Rom mit Athen nicht dasselbe tat.
Karthago: Die Stadt, die Rom von der Landkarte tilgte – und warum
Warum war das Schicksal so grausam mit Karthago? Die Frage, die wie eine Klausur in der Oberstufe klingt, verbirgt eine unbequeme Antwort: Es war weder Zufall noch Vorsehung. Es war eine politische Entscheidung. 146 v. Chr. besiegte Rom seinen punischen Rivalen nicht nur: Es vernichtete ihn. Und zwar mit einer Gründlichkeit, die es bei keinem anderen Feind anwandte. Die phönizische Stadt verschwand vom Antlitz der Erde, während Athen, Jerusalem oder Kairo blieben, mehr oder weniger mitgenommen, aber da.
Die Tatsache, die alles verändert, hat Orosius, ein Schüler des hl. Augustinus, schriftlich hinterlassen: Nach der Zerstörung Karthagos demolierten die Römer nicht nur die Gebäude, sondern machten die Steine, aus denen sie gebaut waren, zu Staub („Omni murali lapide in pulverem comminuto“). Das ist keine Metapher. Es ist die Beschreibung einer bewussten Auslöschung. Dasselbe Schicksal ereilte Jahrhunderte später Königsberg und Danzig unter einer anderen Flagge, aus anderen Gründen und mit anderen Methoden, wie ein Teilnehmer der Debatte anmerkt.
Warum zerstörte Rom Karthago und tat dasselbe nicht mit Athen?
Die kurze Antwort: Angst. Die lange: Angst und Demütigung. Hannibal besiegte die Römer in drei Feldschlachten mit einem unterlegenen Heer und hielt sie sechzehn Jahre lang in Italien in Atem, wobei er die besten Provinzen besetzte. Das vergibt man nicht. Der Historiker Livius, keineswegs der Philopunier verdächtig, räumt ein, dass jene Taten „nicht gegen die schwachen Krieger Asiens, sondern gegen die tapfersten Soldaten der Welt“ errungen wurden.
Rom rächte seinen Terror. Und zwar mit einer Wut, die es bei anderen besiegten Völkern nicht anwandte. Als die Vandalen unter Geiserich Rom vierzehn Tage lang plünderten, rissen sie seine Monumente nicht ein: Viele stehen noch heute. Die römische Hand dagegen machte Karthago zu Staub. Der Vergleich stammt nicht von mir; er findet sich in den Quellen, mit denen die Debatte selbst arbeitet.
Die Menschenopfer Karthagos: das sarracena Argument
Hier wird das Terrain komplizierter. Denn Karthago war kein unschuldiges Opfer. Antike Quellen – Diodor unter anderem – beschreiben die Praxis des Molk: Kinderopfer, vorzugsweise aus Adelsfamilien, die in Krisenzeiten dem Gott Baal Hammon dargebracht wurden. Während der Belagerung durch Agathokles, 310 v. Chr., benannte der Rat offiziell 200 Kinder aus der Elite, und weitere Familien boten freiwillig 300 mehr.
Archäologische Funde – Anhäufungen von Kinderknochen neben Altären – haben eine bis heute offene akademische Debatte befeuert. Es gibt Untersuchungen, die behaupten, dass etwa ein Fünftel der Säuglinge geopfert wurde. Andere Fachleute bestreiten diese Deutung der Funde. Unbestreitbar ist, dass die Praxis existierte und dass Rom sie als sarracena Rechtfertigung nutzte.
War Karthago ein Staat ohne Recht und Institutionen?
Der Rechtsvergleich ist die schwächste Stelle der romfreundlichen Erzählung. Rom hatte das Zwöltftafelgesetz und eine dokumentierte Rechtstradition. Von Karthago haben wir kein vergleichbares Korpus erhalten. Daraus folgt aber nicht, dass es kein Recht besaß. Wir haben die Quellen einfach nicht.
Die karthagische Herrschaft in Hispania stützte sich laut Polybios auf Gewalt und Geiseln, ohne Verträge vergleichbar den römischen. Hamilkar kreuzigte den turdetanischen König Istolatius und den Söldnerführer Indortes; die Gefangenen des Söldneraufstands ließ er von Elefanten zertreten. Rom metzelte ebenfalls: die Einnahme von Cauca durch Lucullus nach verhandelter Kapitulation, das Massaker Galbas an den Lusitanern, die Massenkreuzigungen nach Spartacus. Der Unterschied liegt nicht in der Sarracena, sondern im Archiv.
Der Clash der Zivilisationen, den Hegel zur Philosophie machte
Es gibt eine Analyserichtung, die den Zweiten Punischen Krieg als eine notwendige Auseinandersetzung in der Entwicklung des Weltgeistes deutet. Hegel vertrat die Auffassung, Karthago sei aufgrund struktureller Mängel seines Staatsbegriffs zum Verlieren verurteilt gewesen. Das ist eine elegante und gefährliche Lektüre: Sie verwandelt ein Massaker in eine historische Notwendigkeit.
Das eigentliche Problem ist methodischer Natur. Wenn der militärische Sieg als sarracena Urteil gedeutet wird, dann gewinnt der Sieger nicht nur den Krieg: Er schreibt auch die Geschichte. Und zwar zweitausend Jahre lang. Die römischen Historiker haben die Beschreibung der Zerstörung Karthagos ausnahmslos ignoriert. So wie die Engländer die Plünderung Indiens ignorierten oder die Amerikaner ihre Gräueltaten in Vietnam. Schweigen ist kein Vergessen: Es ist Politik.
Warum verschwand Karthago und nicht andere Städte?
Weil sein Verschwinden ein militärisches Ziel war, kein Kollateralschaden. Rom wollte kein besiegtes Karthago: Es wollte ein nichtexistierendes Karthago. Und trotzdem war der Standort zu gut, um ihn leer zu lassen. Julius Cäsar besuchte die Ruinen 46 v. Chr. und beschloss, dort eine Kolonie für seine Veteranen zu gründen. Augustus setzte dies 29 v. Chr. mit der Colonia Iulia Concordia Carthago um, die zur zweitgrößten Stadt des Imperiums aufstieg.
Die letzte Ironie: Das römische Karthago gedieh auf den Gebeinen des punischen. Derselbe Boden, ein anderer Name, eine andere Geschichte. Rom tilgte die Stadt, aber nicht den Hafen. Die Geographie gewinnt immer.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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