Die andere Seite der Kolonisierung: 1,25 Millionen europäische Sklaven

Barbaresken-Korsaren verschleppten in der Frühen Neuzeit 1,25 Millionen Europäer – eine Zahl, die bei der Diskussion über die französische Kolonisierung Algeriens selten erwähnt wird.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Die andere Seite der Kolonisierung: 1,25 Millionen europäische Sklaven
Die andere Seite der Kolonisierung: 1,25 Millionen europäische Sklaven

Die Geschichte der französischen Kolonisierung Nordafrikas hat eine Kehrseite, die in Schulbüchern selten auftaucht: In der Frühen Neuzeit verschleppten und verkauften Barbaresken-Korsaren schätzungsweise 1,25 Millionen Europäer auf den Sklavenmärkten der nordafrikanischen Staaten, so eine in der Debatte kursierende Rechnung. Die in historischen Kreisen verwendete Zahl ordnet das Phänomen als eine der großen Menschenhandeloperationen des Mittelmeers ein – und nicht in die Richtung, die die offizielle Erzählung meistens zeichnet.

Die Zahl ist keine Kleinigkeit. Die Überfälle beschränkten sich nicht auf die Küsten Italiens, Spaniens oder Portugals: Sie reichten bis nach Island und in das östliche Mittelmeer. Die Einfälle waren systematisch, mit Raubzügen gegen Küstenbevölkerungen, die ganze Dörfer leerten. Daher stammt die spanische Redewendung „no hay segarro en la costa" („keine Mauren an der Küste"), heute eine feste Phrase, die ursprünglich eine reale und wiederkehrende Bedrohung der spanischen Küste beschrieb.

Die Befestigungen, die an der Küste noch heute stehen

Die spanische Küste ist übersät mit Türmen und Befestigungsanlagen, die eigens zur Abwehr dieser Einfälle errichtet wurden. Sie waren keine Zierelemente und keine Verteidigung gegen europäische Mächte: Sie reagierten auf eine konkrete und wiederkehrende Gefahr. Diese noch heute sichtbare Verteidigungsinfrastruktur ist die physische Spur jahrhundertelanger Angriffe, die das kollektive Gedächtnis zunehmend verwischt hat.

Die Debatte über die französische Kolonisierung Algeriens überspringt dieses Kapitel meist. Wenn die Plünderung von Denkmälern erörtert wird – etwa des Djenina-Palasts in Algier, der 1856 abgerissen wurde, oder der Es-Sayida-Moschee –, endet das Gespräch beim Verlust des algerischen Erbes, ohne den früheren Kontext von Piraterie und Sklaverei zu erwähnen, der nach manchen Deutungen die französische Militärintervention rechtfertigte.

Die spanischen Bombardierungen Algiers im 18. Jahrhundert

Die militärische Antwort kam nicht nur von Frankreich. Die spanische Marine bombardierte die Stadt Algier in zwei aufeinanderfolgenden Feldzügen Ende des 18. Jahrhunderts. Der erste, im August 1783, unter dem Kommando des Admirals Antonio Barceló, umfasste acht Angriffe in nur einer Woche. Der zweite, im Juli 1784, war eine internationale Operation mit Neapel, Portugal und dem Malteserorden, die zehn Tage lang ununterbrochen bombardieren ließ.

Die Episode zeigt, dass der militärische Druck auf die Barbareskenstaaten kein isolierter kolonialer Willkürakt war, sondern eine über Jahre aufrechterhaltene Reaktion auf eine Korsarenaktivität, die Handel und Sicherheit der Küstenbevölkerungen betraf. Die Geschichtsschreibung, die der kolonialen Erzählung kritisch gegenübersteht, stellt diese Operationen meist als einseitige Aggressionen dar und lässt den Zyklus von Gefangennahmen und Lösegeldforderungen davor unerwähnt.

Heuchelei als wechselseitiger Vorwurf

Im Kern der Angelegenheit liegt ein Vorwurf der Doppelmoral: Die Sklaverei europäischer Mächte wird heftig verurteilt, während die der nordafrikanischen Staaten selbst verschwiegen wird. Manche behaupten, diese Selektivität entspreche einer Erzählung, die klare Opfer und Täter braucht, und jede Nuance, die dieses Schema durchbricht, werde von vornherein verworfen.

Die Zahl von 1,25 Millionen versklavten Europäern ist keine jüngste Erfindung und kein Pamphlet: Sie stammt aus wissenschaftlichen Schätzungen zum Barbaresken-Sklavenhandel. Ihre Einbeziehung in die Debatte entbindet Frankreich nicht von historischer Verantwortung, macht aber die Version eines einseitigen Verhältnisses zwischen Täter und Opfer komplizierter. Die Geschichte ist selten so sauber.

Abzuwarten bleibt, ob dieses faktische Gegengewicht in der öffentlichen Diskussion Fuß fasst oder ob es ein unbequemes Datum bleibt, das man lieber ignoriert. Im Moment steckt das Gespräch jedenfalls im selben Graben fest.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (15 Antworten).

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