Justiztorpedierung über das BOE: Die rote Linie

Gesetzesreformen zur Einstellung laufender Verfahren sind formal nicht strafbar, machen das System aber abhängig von der Kontrolle des Staatsanzeigers und der Staatsanwaltschaft.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Justiztorpedierung über das BOE: Die rote Linie
Gesetze ändern, um Richter zu umgehen: Das Loch, das niemand Straftat nennt

Eine Regierung mit parlamentarischer Mehrheit kann das Strafgesetzbuch neu schreiben, die Popularklage beschränken oder einem Gericht Kompetenzen entziehen. Die unbequeme Frage lautet: Wenn damit laufende Ermittlungen gegen eigene Amtsträger eingestellt werden, handelt es sich dann um Illegalität oder legitime Mehrheitsausübung? Kurz gesagt: Formal ist keine Straftat erfüllt. Langfristig liegt das System jedoch in den Händen derer, die das Boletín Oficial del Estado (BOE) kontrollieren.

Der Ausgangspunkt ist eindeutig: Tatbestände wie Vermögensverschleierung oder Justizbehinderung existieren, greifen aber nicht, wenn ein hochrangiger Politiker Gesetze ändert, um Verfahren zu verzögern oder einzustellen. Kritiker gehen weiter: Würde man dies zulassen, könnte ein Präsident ungehindert stehlen, Geld aus dem Ausland annehmen oder sich zum absoluten Herrscher erklären, ohne dass etwas dagegen unternommen werden könnte. Es geht hier nicht primär um Verfassungswidrigkeit, sondern um das Vorproblem: die Unmöglichkeit, laufende Verfahren anzutasten.

Was legal getan werden kann, um ein laufendes Verfahren zu stoppen

Das Repertoire ist bekannt. Das Strafgesetzbuch reformieren, um den untersuchten Tatbestand zu streichen oder abzuschwächen. Die Popularklage einschränken, sodass nur noch die Staatsanwaltschaft Anklage erheben kann. Die Zusammensetzung oder Zuständigkeit des entscheidenden Gerichts ändern. Keine dieser Maßnahmen erfordert eine Grundgesetzänderung. Alle lassen sich mit einfacher Mehrheit durchsetzen.

Hier liegt der Knackpunkt. Das Gesetz unterscheidet nicht zwischen Gesetzgebung aus Überzeugung und Gesetzgebung zur Selbstverteidigung. Das Ergebnis ist identisch: Das Verfahren wird eingestellt, verzögert oder bleibt ohne Ankläger. Da das Tribunal Constitucional (Verfassungsgericht) nach politischen Quoten besetzt wird, hat am Ende ein Gremium das letzte Wort, dessen Unabhängigkeit angezweifelt wird.

Die Popularklage im Fadenkreuz

Das zentrale Instrument ist die Popularklage (acusación popular). Bei bestimmten Delikten können nur die Staatsanwaltschaft oder eine Popularklage Anklage erheben. Wird diese Möglichkeit gestrichen oder eingeschränkt, liegt die gesamte Anklagemacht beim Ministerio Fiscal (Staatsanwaltschaft), das der Exekutive untersteht. Die Logik dahinter ist simpel: In der Politik sind die Dinge oft genau das, was sie scheinen.

Ein Gegenargument kommt von anderer Seite: Die Popularklage wurde bereits als politisches Waffe gegen Gegner eingesetzt; ihre Einschränkung wäre also kein Willkürakt. Der Konter lautet jedoch: Das Heilmittel tötet den Patienten. Ohne Popularklage kann kein Privatbürger ein Verfahren aufrechterhalten, das die Staatsanwaltschaft nicht vorantreiben will. Dies ist die rote Linie, die viele ziehen: Nicht die Amnestie, deren Wirkung begrenzt ist, sondern die Möglichkeit, künftige Prozesse ohne Ankläger dastehen zu lassen.

Das Argument des Dampfwalzenprinzips: Wo keine Straftat ist, gibt es nichts zu verfolgen

Die Verteidigung des Systems ist zirkulär und effektiv. Die Regierung beschließt Gesetze und verteilt Ämter; folglich ist das eine Straftat, was die Regierung dafür hält. Und die Regierung hält ihr eigenes Handeln nicht für strafbar. Dieser Syllogismus beschreibt die reale Funktionsweise jeder disziplinierten Parlamentsmehrheit.

Die Konsequenz ist, dass das Gesetz aufhört, eine Grenze zu sein, und zum Instrument wird. Man muss das Grundgesetz nicht abschaffen: Es reicht, es praktisch auszuhöhlen. Ein restriktives Gesetz einer Regierung bleibt auch unter der nächsten in Kraft, und eine Reform, die heute einige schützt, dient morgen anderen. Daher der Verdacht, dass niemand das zurücknimmt, was ihm nützt.

Ein Rechtsstaat mit angezogener Handbremse

Die häufigste Diagnose lautet, dass Spanien kein echter Rechtsstaat mehr sei oder nur auf dem Papier einer ist. Entscheidend ist nicht, dass ungerechte Gesetze existieren, sondern dass die Macht, die sie macht, dieselbe ist, die entscheidet, wer sie anwendet. Der Tribunal Supremo (Oberster Gerichtshof), der CGPJ (Rat der Judikative) und das Verfassungsgericht werden nach politischen Quoten besetzt. Hund frisst keinen Hund.

Dagegen reichen die vorgeschlagenen Lösungen von Pessimismus bis Mobilisierung. Manche fordern einen Generalstreik, den niemand unterstützt. Andere erinnern daran, dass die PP 2017 Ähnliches versucht habe und die Popularklage bei zehn großen Korruptionsfällen entscheidend war. Wieder andere behaupten, das Problem sei nicht diese Regierung, sondern ein Regime seit 1978, das die Beute zwischen zwei Parteien aufteilt.

Was noch zu sehen bleibt

Wenn die Reform durchkommt, ist der nächste Schritt das Verfassungsgericht. Bestätigt es die Reform, steht der Präzedenzfall fest: Jede Mehrheit kann gegen ein laufendes Verfahren gesetzlich vorgehen, ohne dass etwas sie hindert. Kippt das Gericht die Reform, hat die Regierung eine Schlacht verloren, aber die Erzählung vom gerichtlichen Blockadekurs gewonnen. Keines der beiden Szenarien löst das Grundproblem. Sie verschieben es nur.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (112 Antworten).

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