IOTA: Neun Jahre vom «to the moon» zum «to the floor»
Wann hört eine Kryptowährung auf, ein technologisches Versprechen zu sein, und wird zu einem Glaubensproblem? Im September 2017, als IOTA bei 0,48 Dollar notierte und nur über die Börse Bitfinex zugänglich war, eröffnete jemand einen Thread mit einer unmissverständlichen Aussage: Wer reich werden will, soll kaufen.. Er versprach 4 Dollar vor Jahresende. Neun Jahre später ist das Ergebnis dieser Wette ein unfreiwilliges Dokument darüber, wie digitale Assets aufgeblasen und wieder entleert werden.
IOTA ist nicht Bitcoin. Es nutzt keine Blockchain, sondern einen DAG namens Tangle, der für Mikrozahlungen zwischen Maschinen im sogenannten Internet der Dinge (IoT) entwickelt wurde. Das war der Hook: Es war kein Copy&Paste von Bitcoin, es war etwas anderes. Das Problem war jedoch, dass der Preis so gehandelt wurde, als wäre die Technologie bereits fertig, obwohl niemand ihre Skalierbarkeit bewiesen hatte.
Von 0,48 Dollar zur Top-10-Marktkapitalisierung
Der Start hatte ein entscheidendes Detail: IOTA konnte nur auf einer einzigen Börse, Bitfinex, gekauft werden, erreichte aber dennoch eine Marktkapitalisierung unter den Top 10 aller Kryptowährungen. Die Logik war einfach und großartig: Stellt euch vor, was passiert, wenn es auf Kraken, Coinbase oder Bittrex kommt. Das Versprechen von 4 Dollar und die Erwartung neuer Märkte wirkten wie Treibstoff für den Anstieg.
Manche investierten am ersten Tag 600 Dollar, andere stiegen ein, überzeugt davon, dass sie «ein paar Jahre» durchhalten würden. Die Euphorie trug ihr Verfallsdatum in sich. Eine frühe Warnung besagte, dass die einzige echte Gefahr darin bestehe, dass Bitcoin erneut fällt, denn dann würden alle Altcoins stärker fallen als er. Niemand hörte wirklich darauf.
2,779 Milliarden Tokens und der Vorwurf der Manipulation
Der erste Riss kam nicht von der Technologie, sondern von der Verteilung. Die Gesamtmenge betrug 2.779.530.283 MIOTA, die vollständig verteilt war. Eine Analyse betonte, dass nur 8% dieser Coins tatsächlich im Umlauf waren: Die restlichen 92% lagen bei den ursprünglichen Eigentümern, die sie tropfenweise freigaben. Die Schlussfolgerung war unbequem: Wer IOTA kaufte, half nur dabei, die Gründer reich zu machen, weil der Preis durch Angebotsknappheit gestützt wurde, nicht weil der Vermögenswert diesen Wert hatte.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ein geringeres Float bedeutet an der Börse höhere Volatilität, was positiv ausgelegt werden kann. Das Gegenargument hatte auch seine Logik: Großinvestoren zittern nicht bei einem 20%-igen Rückgang, während schwache Anleger in Panik verkaufen. Diese Theorie der «starken Hände» wurde zur perfekten Ausrede, um sowohl Anstiege als auch Abstürze zu rechtfertigen.
Der Tangle, die «Pfeil der Zeit» und der Verdacht der Zentralisierung
Die unbequemste technische Kritik diskutierte nicht den Preis, sondern die Grundlagen. IOTA sei, so diese Strömung, ein zentralisierter Betrug. Die Argumentation: Jedes Netzwerk, das auf Proof-of-Work verzichtet, um seinen eigenen «Pfeil der Zeit» zu garantieren, benötigt letztlich Mechanismen der Zentralisierung — Witnesses, Checkpoints, Supernodes —, um nicht zusammenzubrechen. Und ohne diesen Pfeil, hieß es, sei es unmöglich zu wissen, wie viel Zeit vergangen ist oder wie irreversibel das Registrierte ist.
Auf der anderen Seite stand die Leistungsfähigkeit: Das Netzwerk funktionierte mit etwa 0,7 bestätigten CTPS, und sein Maximum erreichte gerade mal 2,1 direkt nach einem Snapshot mit wenigen verbundenen Nutzern. Optimisten replizierten, dies sei kein Scheitern, sondern ein reversibles technisches Problem. Wenn man es löse, würde es nicht «to the moon», sondern to Pluto gehen.
Dezember 2017: Der Pump und der Ausstieg des Thread-Eröffners
Anfang Dezember 2017 erlebte IOTA eine Achterbahnfahrt. Während der Rest der Top 10 im roten Bereich lag, stieg IOTA und handelte dasselbe Volumen wie Ethereum, was nie zuvor geschehen war. Die weit verbreitete Lesart war die eines klassischen Pumps: Wale treiben den Preis hoch, um Tausende neue Käufer anzulocken, und verkaufen dann aggressiv auf einer niedrigeren Stufe. Als Präzedenzfall wurde der massive Pump von Cardano angeführt.
In dieser Phase feierte der Initiator des Themas seinen Sieg. Er gab zu, 80% seiner Position liquidiert zu haben, und gratulierte sich dazu, seit August dank anderer Coins um das 17-fache gestiegen zu sein. Er schloss die Aktion mit einem Satz ab, der die Logik des Moments zusammenfasste: Er glaubte nicht daran, dass der Preis fallen würde, er hatte einfach genug verdient, um das Geld auszugeben.
Februar 2018 und die emotionale Rechnung
Dann kam das Blutbad. Wer bei 1 Dollar eingestiegen war, nachdem er 5,5 gesehen hatte, fand sich damit konfrontiert, in einem Thread um Erklärungen zu bitten, der nicht antwortete. Manche forderten den ursprünglichen Autor auf, sich für das «Chaos» zu entschuldigen, und beschuldigten ihn, die Quote aufgeblasen zu haben wie ein Wettanbieter. Die Antwort war ebenso knapp wie vernünftig: Niemand ist verpflichtet, irgendwen zu warnen, jeder haftet für seine eigenen Handlungen, und der Markt steigt nicht immer. Wer bei einem halben Dollar gekauft hätte, würde es weniger übel nehmen.
Hier wird die Erzählung ehrlicher als jede Grafik. Es tauchen Investoren auf, die 10.000 Dollar zwischen 3,30 und 3,60 investiert haben und den Verlust akzeptieren, Konten, die bei 0,8 eingestiegen sind und 0,35 gesehen haben, und Leute, die beschlossen haben, aus Gründen der psychischen Gesundheit aufzuhören, Grafiken zu schauen. Das Mantra wiederholt sich: HODL, zwei oder drei Jahre durchhalten und wieder hinschauen.
Fujitsu, Volkswagen, Engie: Die industrielle Trumpfkarte
Während der Preis blutete, lief die institutionelle Maschinerie weiter. Fujitsu testete Kombinationen aus Industrie 4.0 mit dem Tangle. DXC, der Gigant für Technologiedienstleistungen mit etwa 170.000 Mitarbeitern, kündigte Demonstrationen auf der Hannover Messe an. Das französische Unternehmen Engie, gelistet im CAC 40, unterzeichnete mit der IOTA Foundation. Volkswagen und Bosch tauchten auf dem Radar auf, und sogar General Electric, mit einer Marktkapitalisierung von 150 Milliarden und 300.000 Mitarbeitern, klang wie ein möglicher Partner.
Das als relevantestes Ereignis genannte Meilenstein war ein anderes: Das Object Management Group, das Konsortium, das globale Softwarestandards festlegt, leitete den Standardisierungsprozess für IOTA ein. Zum IoT-Standard zu werden, wäre vergleichbar damit, das TCP/IP der Branche zu sein. Die Foundation baute ihre Präsenz im deutschen Bundestag, in der OECD und auf einem Bankenkongress in Frankfurt mit Draghi unter den Teilnehmern aus. Die Befürworter waren sich sicher: Wenn die Technologie gut ist, wird der Token irgendwann Wert haben.
Wo das Debatte endete
Neun Jahre Diskussion hinterlassen einen ambivalenten Nachklang. Das Netzwerk hatte lange Leistungsprobleme, und der Preis fiel von 5 Dollar auf Tiefststände, die manche scherzhaft als «to the floor» bezeichneten. Die Foundation wuchs weiter, unterzeichnete Vereinbarungen und saß an Tischen, an denen keine andere Kryptowährung vertreten war. Der Token hingegen hing weiterhin von der Stimmung bei Bitcoin ab.
Bleibt eine offene Frage: Scheitert das Projekt oder scheitert die Geduld derer, die es kauften, im Glauben, innerhalb eines Monats reich zu werden? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Aber wer von außen zuschaut, sieht klar: Neun Jahre später wartet das Versprechen von 4 Dollar vor Jahresende immer noch auf sein Urteil.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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