Der Ingenieur mit 60.000 €, der keine Wohnung kaufen kann: die generationelle Kluft in Madrid
In Coslada steht eine 1985 erbaute 90-Quadratmeter-Wohnung für 550.000 Euro zum Verkauf. Ein 31-jähriger Ingenieur mit einem Bruttogehalt von 60.000 Euro (3.000 Euro netto im Monat) kann sie sich nicht leisten. Weder diese noch irgendeine andere am Rand von Madrid. Das Paradox ist in einem Alltagsgespräch aufgebrochen, das den Zustand des Wohnungsmarkts in Spanien zusammenfasst: Während die Generation, die in den 80er- und 90er-Jahren gekauft hat, sich als Gewinner sieht, bleibt die heutige Generation mit hohen Fachgehalt vom Markt ausgeschlossen, wenn sie nicht erbt.
Das Gehalt, das nicht reicht: 60.000 € brutto, 3.000 € netto und 550.000 € Wohnung
Das Preis-Einkommens-Verhältnis für diese Immobilie liegt beim 9,2-fachen des Jahresbruttogehalts. In Madrid gewähren Banken in der Regel Hypotheken von bis zum 3,5-fachen des gemeinsamen Bruttoeinkommens. Ein Ingenieur allein bekommt keine Finanzierung über 210.000 Euro. Er bräuchte 340.000 Euro Ersparnis für die Anzahlung und Steuern. Mit einem Nettogehalt von 3.000 Euro monatlich würde selbst 30 % Sparen über 10 Jahre kaum 108.000 Euro ergeben. Die Rechnung lügt nicht: Entweder gibt es zwei Gehälter oder ein Erbe. Das ist keine Meinung, sondern Fakt: Laut der Banco de España (spanische Zentralbank) übersteigt der Aufwand für den Wohnungskauf in Madrid 50 % des Haushaltseinkommens.
Das Problem verschärft sich durch versteckte Kosten. Grunderwerbsteuer (ITP) von 10 % (55.000 Euro), dazu Notar, Grundbuch, Verwaltung und Gutachten (etwa 5.000 Euro). Insgesamt über 600.000 Euro für eine Wohnung von 550.000. Und dann die Hypothek: bei 3 % fest über 30 Jahre liegt die Rate bei rund 2.000 Euro monatlich, zwei Drittel des Nettogehalts des Ingenieurs.
Generationelle Heuchelei: der Glückliche von damals, der heute jammert
Der Nachbar, der 2009 einen jungen Mann ohne Arbeit verspottet hat, hat heute seinen Ingenieurssohn bei sich wohnen. 2009 waren die Wohnungspreise in Madrid seit dem Höchststand von 2007 um 30 % gefallen, die Zinsen auf historischen Tiefständen. Damals zu kaufen war leichter, nicht aus eigenem Verdienst, sondern wegen des Konjunkturzyklus. Jetzt, bei 4 % Zinsen und Preisen, die sich seit 2015 nicht korrigiert haben, wendet die ältere Generation doppelte Maßstäbe an: Sie verteidigt den freien Markt, bis es die eigenen Kinder trifft. Dann ist der Markt schuld.
Die Ironie braucht keine Betonung: Die „Anstrengung“-Erzählung prallt auf die Zahlen. Ein Gehalt von 60.000 Euro ist im nationalen Durchschnitt hoch (Durchschnittseinkommen 2023: 30.000 €), aber im Großraum Madrid bringt es den Ingenieur an die Schwelle dessen, was Banken als „moderates Risiko“ betrachten. Wohnungen sind nicht teuer, weil junge Menschen sich nicht anstrengen, sondern weil die expansive Geldpolitik des letzten Jahrzehnts die Vermögenswerte aufgebläht hat, während die Löhne unterhalb der Inflation wuchsen.
Die Auswege: Homeoffice, Soria und die Verbannung in die Provinz
Angesichts der Unmöglichkeit, in Madrid zu kaufen, weichen manche in mittelgroße Städte aus. Eine 80-Quadratmeter-Wohnung in Soria kostet 250.000 Euro. Mit einem Nettogehalt von 1.500 Euro in Soria (weniger als die 3.000 in Madrid) läge die Hypothekenrate bei etwa 850 Euro im Monat (fester Zins 3 %, 30 Jahre, 50.000 € Anzahlung). Die Belastung bleibt hoch, aber machbar. Allerdings ist das Durchschnittsgehalt in Soria niedriger, und einen 60.000-Euro-Job dort zu finden ist die Ausnahme. Teilzeit-Homeoffice bietet ein Ventil, löst aber das strukturelle Problem nicht.
Die Alternative ist Mieten. In Madrid kostet die Miete für eine 90-Quadratmeter-Wohnung in Coslada rund 1.200 Euro monatlich, 40 % des Nettogehalts des Ingenieurs. Experten empfehlen, 30 % nicht zu überschreiten. Der Mietmarkt gibt keine Ruhe: Laut dem INE (spanisches Statistikamt) sind die Mietpreise seit 2017 um 25 % gestiegen.
Die Frage, die niemand beantwortet: Wann korrigiert der Preis?
Wer eine Korrektur von 20–30 % in zwei oder drei Jahren vorhersagt, stützt sich auf steigende Zinsen und nachlassende Nachfrage. Aber das Angebot bleibt unzureichend: In Madrid werden weniger als 10.000 Wohnungen pro Jahr gebaut, benötigt würden laut der Regionalregierung 50.000. Solange die Nachfrage nicht durch Abwanderung oder Rezession sinkt, bleiben die Preise stabil. Die Frage, die der Markt nicht beantwortet, ist, ob der Ingenieur mit 60.000 € sich eines Tages ohne familiäre Hilfe eine Wohnung leisten kann.
Die Zahl, die weh tut: Ein hohes Fachgehalt garantiert keine Wohnungsunabhängigkeit mehr in der Hauptstadt. Das Gespräch mit dem Nachbar war keine Anekdote, sondern ein Spiegelbild eines Landes, in dem persönlicher Verdienst auf eine Ökonomie aufgeblähter Vermögenswerte stößt. Der Ingenieur verdient gut, aber er kann nicht kaufen. Und sein Vater, der mit 25 gekauft hat, sieht es jetzt und versteht nicht, warum.
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