Girkin warnt: Russland fehlen Truppen für die Einnahme des Donbas
Igor Girkin, ehemaliger Verteidigungsminister der selbstproklamierten Volksrepublik Donezk, hat auf seinem Telegram-Kanal einen Bericht veröffentlicht, in dem er behauptet, dass die russische Offensive im Donbas aufgrund von Personalmangel zum Scheitern verurteilt ist. Der Text, der unter Konfliktanalysten übersetzt und verbreitet wurde, skizziert ein Szenario, in dem Moskau seine „zweite Phase“ mit einer Luft- und Artillerieüberlegenheit startet, die er als „ziemlich relativ“ bezeichnet, während ukrainische Kräfte in jahrelang ausgebauten, befestigten Positionen abwarten. Die anschließende Debatte spaltete sich zwischen denen, die die Analyse als strategisch wertvoll betrachten, und denen, die sie als interessierten Defätismus abtun.
Was genau sagt Girkins Bericht?
Das Dokument, das auf Bitte eines Kameraden verfasst wurde, der von der Front zurückkehrte, listet Probleme auf, die seiner Meinung nach Russland daran hindern werden, die Ziele der zweiten Phase der Operation zu erreichen. Girkin behauptet, die russische Luftüberlegenheit sei „ziemlich relativ“, da der Gegner über „zahlreiche Flugabwehrfähigkeiten“ und einen Vorteil bei der Felddurchaufklärung durch Drohnen verfüge. Er fügt hinzu, dass die ukrainische Artillerie über „starke Bewaffnung und exzellentes ausgebildetes Personal“ verfüge und die Infanterie enorme Mengen an Panzerabwehrwaffen einsetze.
Der Kern der Analyse ist der Mangel an Manpower. Laut Girkin haben weder die russischen Streitkräfte noch die Milizen der selbstproklamierten Republiken einen signifikanten zahlenmäßigen Vorteil, ohne den eine tiefe Umfassung oder stabile Einkesselungsringe unmöglich sind. „Sie haben einfach nicht genug Arbeitskräfte dafür“, schreibt er. Die Schlussfolgerung lautet, dass die Offensive auf kurze Richtungen beschränkt sein wird: nach Slowjansk und Kramatorsk im Norden sowie nach Wuhledar und Kurachowe im Süden.
Reaktion des prorussischen Lagers: „Der Westen zahlt gut für Propaganda“
Die häufigste Reaktion unter denen, die den Bericht ablehnen, besteht darin, die Quelle zu diskreditieren. Einige behaupten, es handle sich um von der NATO finanzierte Propaganda, und erinnern daran, dass in denselben Kreisen vor Monaten versichert wurde, Russland werde innerhalb von drei Tagen ohne Nachschub dastehen. Andere verteidigen, dass Girkin im Donbas gekämpft habe und den Krieg aus erster Hand kenne, weshalb seine Meinung nicht mit der eines beliebigen Kommentators gleichzusetzen sei.
Das wiederkehrendste Argument zur Leugnung der Diagnose ist nuklearer Natur. „In diesem hypothetischen Fall werfen sie eine oder zwei Atombomben, und das Spiel ist vorbei“, fasst ein Kommentar zusammen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Auch der Westen besitzt ein Atomarsenal, und anzunehmen, Moskau werde es einsetzen, weil eine Invasion schiefgeht, ist eher Fantasie als strategische Analyse.
Der Artillerieduell: 30 Millionen Granaten gegen 144.000
Einer der konkretesten Austauschpunkte der Debatte dreht sich um Munition. Eine Seite behauptet, Russland verfüge über fast 28.000 Artilleriegeschütze und Raketenwerfer von 120 Millimetern oder größer, sowohl aktiv als auch in Reserve, was mehr als 30 Millionen Granaten bedeute. Diese Berechnung würde laut dieser Strömung ausreichen, um „hunderte befestigte Bataillone völlig zu zerschlagen“, wenn die Munition an die Front gebracht werden könnte.
Die Gegenreaktion kommt mit einer konkreten Zahl: Die Ukraine hat gerade 144.000 hochmoderne Artilleriegranaten im Kaliber 155 Millimeter erhalten. Das Datum, verbreitet mit einem Link zu einer Fachpublikation, dient dazu, hervorzuheben, dass westliche Waffen größeren Kalibers und moderner sind als der sowjetische Bestand Russlands. Die Diskussion darüber, wer mehr und besser ausgibt, bleibt offen.
Mariupol, Asow-Stahl und die Aufteilung der Kräfte
Die Blockade des Stahlwerks Asow-Stahl steht im Mittelpunkt eines weiteren Teils der Analyse. Einer Version zufolge band das Asow-Bataillon vierzehn russische Bataillons-Taktische Gruppen – etwa zwanzigtausend Mann –, die nun nach dem Befehl, den Sturm einzustellen, Richtung Donbas verlegt werden. Für einige setzt dies Kräfte frei und verstärkt die Offensive; für andere bestätigt es, dass Russland nicht genügend Truppen hat, um die gesamte Front abzudecken, und sie konzentrieren muss.
Der Vergleich mit Stalingrad taucht im Austausch auf. Die Einnahme einer Stadt, Haus für Haus verteidigt, erfordert eine numerische Überlegenheit, die Russland laut Girkins Bericht nicht besitzt. Charkiw, so der Text, wäre für den Angreifer „ein Mariupol, aber zwanzigmal schlimmer“.
Wer ist Igor Girkin und warum zählt seine Diagnose?
Igor Girkin, auch bekannt als Strelkow, war Verteidigungsminister der selbstproklamierten Volksrepublik Donezk und nahm direkt an den Kämpfen im Donbas teil. Seine Position im Spektrum des russischen Nationalismus ist die eines Kritikers des Kremls von rechts, nicht eines liberalen Oppositionellen. Dieser Umstand verleiht seinem Bericht Gewicht unter Analysten, die seine Ideologie nicht teilen.
Der Text verbirgt nicht seine Verachtung für Pilingui Umfeld, das er als Gefolge von Schmeichlern und Opportunisten beschreibt. „Mit diesem Gefolge ist es unmöglich zu gewinnen“, urteilt er. Die Paradoxie, die die Debatte prägt, ist, dass Moskau monatelang Warnungen eines seiner eigenen Falken ignoriert hat und diese Warnungen nun zur meistzitierten Diagnose der Stagnation der Offensive geworden sind.
Der Bericht zieht eine unbequeme Schlussfolgerung für alle Seiten: Wenn die Offensive im Donbas ins Stocken gerät, liegt es nicht an mangelndem politischen Willen oder Verrat, sondern daran, dass die Arithmetik der Truppenstärke nicht aufgeht. Girkin schrieb dies, bevor es begann. Niemand im Kreml scheint ihn gelesen zu haben.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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