Frankreich und das Gespenst der No-Go-Areas: Kollaps oder Erzählung?
Was passiert, wenn ein Staat die Kontrolle über einen Teil seines Territoriums verliert? In Frankreich wird die Diskussion über den Bruch des Gewaltmonopols und das Entstehen von Gebieten, in die die Polizei nicht regelmäßig vordringt, schon lange geführt. Ausgangspunkt dieser Analyse ist eine lehrbuchartige Beschreibung: Bruch des Gewaltmonopols, beschleunigte demografische Segregation und zivile Paramilitarisierung. Drei Symptome, die nach dieser Erzählung zur Balkanisierung des Territoriums, zum wirtschaftlichen Kollaps und zu einer internationalen Intervention führen würden. Die Wirklichkeit ist, wie fast immer, schwerer greifbar.
Die immer wiederkehrende Diagnose: Ausschlusszonen und Flucht der einheimischen Bevölkerung
Das erste genannte Symptom ist das Entstehen permanenter Ausschlusszonen, Perimeter, in die die Sicherheitskräfte nicht mehr regelmäßig eindringen und in denen die Kontrolle in die Hände von Nachbarschaftsmilizen oder organisierten Banden übergeht. Hinzu kommt die weiße Flucht — der Wegzug der einheimischen Bevölkerung aus urbanen Zentren und multikulturellen Randgebieten in homogene ländliche oder Wohngebiete —, die die Städte in hermetisch getrennte Blöcke nach Herkunft aufteilen würde. Der dritte Pfeiler wäre die zivile Paramilitarisierung: Weil der Staat die Sicherheit angeblich nicht mehr garantiert, bewaffnet sich die Bevölkerung, und es entstehen Bürgerwehren außerhalb des Gesetzes.
Der Einwand gegen dieses Bild liegt auf der Hand: Frankreich hat das Gewaltmonopol nicht verloren. Was es verloren hat, so manche Analyse, sei die Bereitschaft, die Konsequenzen seiner Anwendung zu akzeptieren. Mit der aktuellen Ausstattung von Polizei und Armee ließe sich die Ordnung in einer Woche wiederherstellen; das Problem ist, dass dafür eine Zahl von Opfern in Kauf genommen werden müsste, die keine europäische Demokratie bereit ist zu akzeptieren. Das ist der eigentliche Bruch: nicht die Fähigkeit, sondern der Wille.
Die Invasionserzählung und die paramilitärische Antwort
Am harten Ende des Spektrums wird aus der Diagnose ein Aufruf zum Handeln. Die Rede ist davon, paramilitärische Kräfte zu organisieren, um die gesetzlosen Zonen zu „säubern“, von Massenausweisungen und von Methoden, die aus El Salvador importiert werden. Der Verweis auf Bukele erscheint als einziger gangbarer Ausweg aus dem, was als brutale soziale Desintegration beschrieben wird. Andere gehen weiter und berufen sich direkt auf die SA oder die Gestapo als Vorbilder für die Bekämpfung der städtischen Kriminalität. Sie sind eine Minderheit, prägen aber den Ton eines Teils der Debatte.
Dagegen lautet die meistgeäußerte Antwort: Die Franzosen haben gewählt, was sie jetzt haben. Man könne die eigentlichen Verantwortlichen nicht weißwaschen: die Regierungen, die die Bildung von Ghettos zugelassen haben, die gescheiterten Integrationspolitiken und eine politische Klasse, die jahrzehntelang weggeschaut hat. Die Diskussion verlagert sich dann ins Wahlkampfterrain: Kann der Rassemblement National Millionen ausweisen? Oder wird er am Ende von noch radikaleren Optionen ersetzt, die dreifarbige Milizen organisieren?
Der Vergleich mit Spanien: Tourismus, No-Go-Areas und zweierlei Maß
Der Thread springt ganz natürlich zu Spanien. Es werden Zahlen von UN Tourismus zitiert: Frankreich erhielt 102 Millionen internationale Touristen, Spanien 93,8 Millionen, die USA 67 Millionen, die Türkei 59 Millionen und Italien 58 Millionen. Manche schlussfolgern, dass der Tourismus kommen wird, was auch immer passiert. Andere erinnern daran, dass es auch in Spanien inoffizielle No-Go-Areas gibt, etwa Barbate, und dass die Polizei in Frankreich härter durchgreift als hier. Der Vergleich erstreckt sich auf die Einwanderung: Die 700.000 Regularisierten, das Enkelgesetz (ein spanisches Gesetz, das den Enkeln von Exilierten die Staatsbürgerschaft gewährt) und die fünf Millionen Einwanderer, die in den letzten Jahrzehnten gekommen sind, werden erwähnt.
Die Debatte verstrickt sich in Zahlen und Wahrnehmungen. Die einen behaupten, die Problemviertel würden mehrheitlich von Migranten bewohnt; andere entgegnen, dort lebten auch französische Mittelschicht-Weiße, Studenten, Ukrainer und Portugiesen, und dieselben Viertel seien vor 1973 von Spaniern, Italienern und Bretonen in Barrackenverhältnissen bewohnt gewesen. Die Diskussion darüber, wer für den Verfall verantwortlich ist, wird zu einem Austausch von Vorwürfen über Rassismus und Klassismus.
Armee, Polizei und das Gespenst des Bürgerkriegs
Einer der am häufigsten geäußerten Beiträge ist die Warnung davor, was passieren würde, wenn man die Armee auf die Straße schickt. Es gebe uniformierte Afrikaner, heißt es, und Reservisten mit Kriegserfahrung. Bricht ein offener Konflikt aus, könnte ein Teil dieser Kräfte zur anderen Seite überlaufen. Der historische Bezug ist die Katastrophe von Annual 1921, als die einheimische Polizei und die Regulären sich gegen die spanischen Truppen wandten. Die Schlussfolgerung: Keine europäische Regierung kann sich in einem ethnischen Kriegsszenario auf die bedingungslose Loyalität ihrer Streitkräfte verlassen.
Der Vergleich mit Little Bighorn oder Isandhlwana illustriert denselben Punkt: Technische Überlegenheit garantiert nichts, wenn Zusammenhalt und Motivation fehlen. Die spanische Armee, so das Argument, habe kein Vaterland zu verteidigen, wie die Vorfälle von Paiporta und Melilla gezeigt hätten. Es ist eine diskutable These, aber sie fasst den dahinterliegenden Pessimismus zusammen: Die Institutionen sind nicht auf das vorbereitet, was kommt.
Wie viel Wahrheit steckt in all dem?
Konkrete Daten sind rar. Es werden Tourismuszahlen, Regularisierungen und Einwandererzahlen zitiert, aber es gibt keine offiziellen Kriminalitätsstatistiken nach Herkunft, keine Karten gesetzloser Zonen, keine Polizeiberichte, die die Existenz von Gebieten außerhalb der Staatskontrolle bestätigen. Die Diskussion bewegt sich zwischen Wahrnehmung, Anekdote und Prophetie. Überprüfbar ist der Anstieg der Inhaftierung in den letzten Jahrzehnten, wobei die Ursachen vielfältig sind und sich nicht auf die Einwanderung reduzieren lassen.
Die eigentliche Frage lautet nicht, ob Frankreich kollabieren wird, sondern ob die Kollapserzählung zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird. Wenn ein Teil der Bevölkerung nicht mehr an die Institutionen glaubt, wird Ungehorsam zur Normalität. Und genau dort verliert der Staat etwas Wertvolleres als das Gewaltmonopol: Er verliert seine Legitimität. Mit diesen Zutaten ist die Debatte eröffnet. Und höchstwahrscheinlich wird die Wirklichkeit, wie immer, langweiliger ausfallen als der Untergang, den manche ankündigen.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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