Fast eine Million Briten wandern in vier Jahren aus
Das Vereinigte Königreich verliert Bevölkerung auf allen Ebenen. Zwischen 2021 und 2024 verließen rund eine Million britische Staatsbürger das Land, und der Abfluss reißt nicht ab. Allein im vergangenen Jahr emigrierten 174.000 Menschen zwischen 16 und 34 Jahren – die Gruppe, die eigentlich die Wirtschaft tragen sollte. Das Phänomen ist längst mehr als ein Wettbewerbsproblem: Es verändert die Zusammensetzung der Gesellschaft.
Die von der britischen Regierung erfassten Daten, wie sie etwa La Razón berichtet, zeichnen ein doppeltes Bild. Auf der einen Seite junge Fachkräfte, die sichere Jobs, bezahlbaren Wohnraum und Karrierechancen suchen, die der britische Markt kaum noch bietet. Auf der anderen Seite Bürger aus Osteuropa, die dank der EU-Freizügigkeit eingewandert waren, Wurzeln schlugen und die Staatsbürgerschaft annahmen, nun aber mit ihren britischen Partnern und Kindern zurückkehren. Länder wie Polen, Rumänien oder Malta haben in vier Jahren über 100.000 Einwohner mit britischem Pass hinzugewonnen.
Die Flucht der Millionäre beunruhigt Downing Street
Das zweite große Loch betrifft das Geld. Im Jahr 2023 verlor das Vereinigte Königreich netto 10.800 Millionäre; für das Folgejahr wurden sogar 16.500 Abwanderungen prognostiziert – der größte Verlust an Großvermögen in den entwickelten Ländern, noch vor China. Peter Kyle, Staatssekretär für Unternehmensangelegenheiten, räumte gegenüber La Razón ein, dass ihn die Frage besorge, "ob jemand glaubt, das Land verlassen zu müssen, um erfolgreich zu sein". Er betonte zudem, dass nicht nur Multimillionäre wegziehen, sondern auch Unternehmer, die sich in den USA niederlassen.
Italien ist der große Gewinner. Die Regierung von Giorgia Meloni hat ihre Flat Tax (eine pauschale Steuer für neue Residenten) attraktiver gemacht. Diese fixe Jahressteuer ist deutlich günstiger als die pogre Steuersätze in Großbritannien. Mailand wird zum begehrten Ziel für internationale Geschäftsleute, die ihre Aktivität fortsetzen wollen, ohne steigende steuerliche Belastungen zu ertragen. Viele der abgewanderten britischen Millionäre haben sich dort bereits niedergelassen oder die Verfahren eingeleitet.
Klima, Wohnkosten und eine gespaltene Gesellschaft
Bei der Analyse der Auswanderungsgründe taucht immer wieder das Klima auf. Das britische Wetter ist notorisch wechselhaft: Sonne, Wolken, Regen und Schwüle innerhalb von Minuten, besonders extrem in Schottland. Wer dort gelebt hat, beschreibt dies als täglichen Verschleiß, der statistisch schwer fassbar ist, aber bei der Entscheidung mitspielt. Es ist nicht der Hauptgrund, aber ein Faktor.
Der Wohnungsmarkt ist eine weitere Last. Der britische Immobilienbestand umfasst viele viktorianische Häuser aus dem Jahr 1870, die veraltet sind, während die Preise vom Lohnniveau entkoppelt sind. In London wurden erstmals seit zehn Jahren Wohnungen unter dem Einkaufspreis verkauft: Laut El Confidencial machten 14,8 % der Verkäufer im vergangenen Jahr Verluste. Dies deutet darauf hin, dass der Markt Risse bekommt.
Hinzu kommt eine wahrgenommene soziale Dysfunktion, die in vielen Berichten auftaucht: eine stark klassifizierte, materialistische Gesellschaft mit normalisierten passiv-aggressiven Verhaltensweisen. Dies ist kein messbarer Fakt, erklärt aber, warum manche, obwohl sie bleiben könnten, gehen.
Wer geht wirklich und wer bleibt?
Ein Teil der Analyse besagt, dass viele dieser Abwanderungen keine gebürtigen Briten betreffen, sondern Einwanderer, die nach Erlangung des Passes in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Das heißt, die Zahl der "britischen Staatsbürger" umfasst Personen, die in Jamaika, Afrika oder Osteuropa geboren wurden und nun heimkehren. Diese Lesart relativiert die Alarmstimmung über eine angebliche Massenflucht der Einheimischen, leugnet das Phänomen aber nicht.
Parallel dazu wird angemerkt, dass das Vereinigte Königreich stets strukturelle Probleme am Arbeitsmarkt hatte: Altersdiskriminierung wird oft verschwiegen, mit Stellenanzeigen, die bis zu 35 Jahre alt sein müssen, ohne Begründung. Ähnliches gilt für Diskriminierung aufgrund von Gewicht, Größe oder Aussehen. Kommen hohe Lebenshaltungskosten hinzu, führt dies dazu, dass wer mobil ist, auch mobil wird.
Der Vergleich mit Spanien liegt nahe. Nach einer im Umlauf befindlichen Berechnung verlassen jährlich 500.000 junge Spanier das Land, allein diese Altersgruppe betrachtet. Der Unterschied: Das Vereinigte Königreich verliert zusätzlich Großvermögen, was in Spanien nicht in gleicher Intensität geschieht. Das Land, einst Europas Finanzmotor, kämpft nun darum, jene zu halten, die es früher anzog.
Italien als Vorbild
Der Fall Italien wird am häufigsten zitiert. Die Flat Tax für neue Residenten ist nicht neu, doch Meloni hat sie zu einem Instrument der Anwerbung gemacht. Im Gegensatz zu den pogre britischen Steuersätzen ist eine feste Pauschalsteuer für hohe Einkommen mit internationaler Tätigkeit attraktiv. Mailand holt sich mit seinem Finanzökosystem und der Nähe zu Nordeuropa einen Teil des Kuchens.
Die Botschaft Italiens ist klar: Wenn dein Land dich belastet, lockert mein Land die Zügel. Es ist kein fiskalischer Patriotismus, sondern Wettbewerb zwischen Staaten. Und das Vereinigte Königreich verliert diesen Kampf im Segment der Gutverdiener, da öffentliche Dienstleistungen unter Druck stehen und die Steuerlast steigt.
Wo die Analyse ins Stocken gerät
Die Diskussion über die Gründe der Abwanderung hat keine eindeutige Antwort. Manche betonen Klima und Lebensqualität, andere Steuern und Wohnraum. Wieder andere weisen auf soziale Strukturen und gefühlte Unsicherheit in bestimmten Stadtteilen hin. Ein Teil argumentiert, alles sei zyklisch und das UK schon immer ein Land der Zu- und Abwanderung gewesen.
Was nicht zusammenpasst, ist die Kombination: Es gehen die Jungen, die das System tragen sollten, und die Reichen, die es finanzieren sollten. Setzen sich beide Ströme fort, wird das Problem nicht nur wirtschaftlich sein. Dann stellt sich die Frage, wer die Rechnung bezahlt.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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