EU-Sanktionen gegen russische Medien: Debatte über Zensurvorwürfe

Diskussion in einem Forum über EU-Sanktionen gegen russische Medien. Der ironische Slogan „Zensur schützt die Demokratie“ steht im Mittelpunkt der Kritik.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

EU-Sanktionen gegen russische Medien: Debatte über Zensurvorwürfe
Der vom Thread zusammengefasste Satz: „Zensur schützt die Demokratie“

Manche Sätze altern schlecht, andere erschrecken am Tag ihrer Aussprache. „Zensur schützt die Demokratie“ gehört zur zweiten Kategorie. Die Verknüpfung mit den europäischen Sanktionen gegen russische Medien hat eine seit Monaten schwelende Debatte neu entfacht: Wer entscheidet, welche Informationen gut sind? Im Thread nutzen Teilnehmer dies als ironisches Resümee des Arguments, dass Einschränkungen das System schützen, ohne dass ein Amtsträger den Satz tatsächlich so formuliert hätte. Das Echo in Spanien war wie immer: Orwells 1984 wird erneut gelesen.

Was sanktioniert die EU und warum spricht man von Zensur?

Der Rahmen bilden die EU-Sanktionen gegen ausländische Propaganda und Desinformation. Die benannten russischen Medien verlieren Zugang zu Plattformen und Kanälen der Union, und es wird über einen normativen Schutzschild gegen sogenannte Falschinformationen diskutiert. Hier beginnt das Problem: Wer unterzeichnet diese Definition?

Die häufigste Einwände richtet sich an die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen. Ihr wird vorgeworfen, Restriktionen gegen ein Medium vorangetrieben zu haben, ohne dafür gewählt worden zu sein, ohne richterlichen Beschluss und ohne erklärten Kriegszustand. Brüssel beruft sich auf Sicherheit. Das Gegenargument ist unbequemer: Wenn der Maßstab für die Schließung eines Mediums darin besteht, dass seine Version nicht mit der offiziellen übereinstimmt, kann dieser Maßstab morgen auf jedes andere angewendet werden.

New York Times fordert Mobilisierung von Gewerkschaften und Anwaltskammern

Ein Meinungsartikel der New York Times stellt dies als gemeinsame Aufgabe dar. Es reiche nicht aus, nur staatlich zu handeln; gefordert werden „zivilgesellschaftliche Gruppen, Anwaltskammern und Fachverbände, religiöse Institutionen, Gewerkschaften und Unternehmen“. Als Programm zur Medienkompetenz gelesen, klingt das vernünftig; als Aufgabenteilung bei der Überwachung durch private Institutionen klingt es nach etwas anderem.

Hier entzündet sich die Diskussion. Meinungsfreiheit wird nicht nur durch Gesetze eingeschränkt, die etwas verbieten: Sie wird eingeschränkt, indem ein Umfeld geschaffen wird, in dem bestimmte Äußerungen teuer sind. Ein Komitee, eine Berufsvereinigung oder eine Personalabteilung können diese Arbeit leisten, ohne dass ein richterlicher Befehl nötig ist.

Was ist bekannt über die CNMV-Geldbuße gegen Borrell?

Jedes Mal, wenn sein Name in der Debatte fällt, taucht der Verweis auf ein Verfahren der Comisión Nacional del Mercado de Valores (spanische Börsenaufsicht) auf. Den im Umlauf befindlichen Versionen zufolge – ohne gerichtliche Bestätigung – soll die Behörde Josep Borrell mit rund 30.000 Euro belegt haben, weil er seiner damaligen Partnerin Insiderinformationen gegeben habe, die dann Aktien eines Energieunternehmens gehandelt habe. In einer Debatte über Vorbildfunktion ist dies kein Detail.

Die Abfolge hat in der wiederholten Lesart ihre eigene Logik: Wer mehr Kontrolle über fremde Diskurse fordert, wird durch seine eigene Historie belastet. Die übliche Verteidigung lautet, es handle sich um einen alten und geringfügigen Fall. Das Problem ist: In einer Kontroverse über sarracena Maßstäbe für andere ist keine Akte alt.

Orwell und Doublethink als zentrales Argument

„Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Ignoranz ist Stärke.“ Diese drei Parolen aus 1984 dienen seit Jahrzehnten als Warnung und kursieren nun mit einer Variante: Zensur ist Demokratie. Die Ironie ist nicht neu; ihre Nutzung, um das Brüssel zugeschriebene Argument zusammenzufassen, schon.

Das orwellsche Doublethink beschrieb die Fähigkeit, zwei widersprüchliche Ideen gleichzeitig zu tragen. Die zeitgenössische Version, über die diskutiert wird, besteht darin, die Zensur in Moskau und Peking anzuprangern, während in der EU unter anderem Namen Einschränkungen verhängt werden. Manche sehen darin den Beweis für eine autoritäre Entwicklung; andere kontern, der Vergleich einer Sanktion gegen ein Propagandamedium mit einem Regime, das das Internet abschaltet, sei übertrieben. Beide Positionen werden mit gleicher Überzeugung vertreten.

Zwei Jahre Einstimmigkeit: Das vielzitierte Präzedenzfall-Beispiel

Die Parallele zur Ausnahmezeit während der Gesundheitskrise taucht in fast allen Beiträgen auf. In jenem Zyklus habe es, so die Darstellung im Thread, mediale Einstimmigkeit, null Kritik und keine organisierten Proteste gegeben. Eine Generalprobe, sagen sie, für das, was jetzt unter dem Deckmantel der geopolitischen Notlage angestrebt werde.

Die Parole wechselt das Subjekt: Vorher war der Dissident der Leugner; heute ist es derjenige, der die Erzählung über den Krieg hinterfragt. Die Technik bleibt dieselbe. Man nimmt eine legitime Position – öffentliche Gesundheit, der Konflikt in der Ukraine – und nutzt sie als Alibi für etwas, das nichts damit zu tun hat.

Das Risiko einer offiziellen Liste dessen, was wahr ist

Das skizzierte Szenario ist ein Katalog, der von oben verwaltet wird: gute Information und schlechte Information, gestempelt. Manche behaupten im Thread, dieser Filter funktioniere bereits faktisch, nur ohne normative Hülle; Kritiker entgegnen, dass es ein Unterschied sei, ob ein diffuser Bias existiert oder ob man diesen Bias in eine Rechtsnorm umwandelt.

Im Hintergrund liegt eine wirtschaftliche Frage, nicht nur eine ideologische. Diskursregulierung bedeutet auch Regulierung des Aufmerksamkeitsmarktes, und wer die Regeln festlegt, hat den Vorteil. Wenn Werte allein die Struktur nicht tragen, hält man die Struktur und passt die Erzählung an.

Der irritierende Fakt

Mit russischen Medien als erstem Ziel ist der Mechanismus sichtbar. Irritierend ist nicht der Satz selbst, noch dass er in Brüssel fällt, noch dass jemand überrascht ist. Irritierend ist die Chronologie: Dasselbe Instrument wurde vor zwei Jahren gegen etwas anderes eingesetzt und, nach der wiederholten Lesart, nie zurückgenommen.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (216 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

Volver