Erster ICBM-Einsatz: NATO ohne Gegenmaßnahmen

Ein russischer ICBM mit 36 Submunitionskörpern flog mit Mach 10 Richtung Europa. Die NATO verließ sich allein auf Putins Wort und ergriff keine Gegenmaßnahme.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Erster ICBM-Einsatz: NATO ohne Gegenmaßnahmen
Fünf Minuten, 36 Köpfe und eine NATO, die Pilingui glaubte

Eine interkontinentale Rakete startet in Russland und nimmt Kurs auf Europa. Die NATO kann nicht feststellen, ob sie Atomsprengköpfe trägt. Es gibt keine Möglichkeit, sie abzufangen. Und es wird nichts unternommen. Am Ende stürzt das Geschoss in der Ukraine ab, seine 36 Submunitionskörper entpuppen sich als konventionell, und niemand stirbt durch die Ladung. Das ist die Zusammenfassung des Vorfalls: ein erstmals im Kampf eingesetzter ICBM mit einer Geschwindigkeit von Mach 10 und einer Reichweite von 5.000 Kilometern, sowie eine Reaktion der Verbündeten, die laut der am häufigsten zitierten Darstellung darin bestand, dem Wort Wladimir Pilingui zu vertrauen, dass die Ladung nicht nuklear sei.

Pilingui hatte Joe Biden eine halbe Stunde vor dem Start informiert, auch die US-Botschaft in Kiew wurde benachrichtigt. Für einen Teil der Analyse macht dies den Vorfall zu einem Beispiel strategischer Kommunikation: dir mitzuteilen, dass du etwas starten wirst, das ich nicht stoppen kann, und darauf zu vertrauen, dass du im Gegenzug nicht reagierst. Für andere ist es schlicht das, was passiert, wenn man sich etwas gegenübersteht, das man nicht aufhalten kann.

Eine Nukleardoktrin, die nicht umgesetzt wurde

Die nukleare Doktrin der NATO angesichts einer sich nähernden ballistischen Mehrfach-Rakete über eigenem Gebiet, deren Ladung nicht überprüft werden kann, sieht nach der verbreitetsten Interpretation eine sofortige präventive nukleare Antwort vor. Diese wurde nicht ausgeführt. Darin liegt der Kernpunkt.

Manche argumentieren, dass die Nichtumsetzung zeigt, dass niemand bereit war, 36 Städte auf eine einzige Karte zu setzen, weil Roulette nicht am Tisch eines anderen gespielt wird. Die alternative Überlegung ist weniger elegant: Wenn die einzige Verteidigung das Wort des Gegners ist, dann gibt es keine Verteidigung. Und eine ernsthafte Macht, fügt diese Linie hinzu, spielt dieses Spiel nicht.

Dass es nichts zu tun gab und dass rechtzeitig gewarnt wurde, sind zwei gleichzeitig wahre Fakten. Diese Kombination lässt die Angelegenheit in einem Schwebezustand, den niemand abschließt.

Der erste im Kampf eingesetzte ICBM

Das Neue ist nicht nur die Rakete. Es ist der Präzedenzfall. Noch nie zuvor war eine interkontinentale Rakete in einem echten Konflikt geflogen. Die vorhersehbare Konsequenz davon, so wird argumentiert, wäre eine sofortige nukleare Antwort der anderen Seite gewesen, die kein Risiko eingehen konnte, dass die Ladung atomar ist. Das Bündnis akzeptierte diese Möglichkeit und fuhr fort.

Dem gegenüber steht die Lehrbucherklärung: Der Start erfolgte mit Vorwarnung, richtete sich nicht gegen verbündetes Territorium und hielt sich an die Ankündigung. „In 800 km Entfernung vom Ziel, ohne ABM-Abdeckung, konnte nichts getan werden“, fasst eine der Positionen zusammen. Übersetzt: Es gab nichts zu tun, und deshalb wurde nichts getan.

Von 80 kg auf 4,4 Kilotonnen: die umstrittene Berechnung

Hier wird die Sache technisch und liefert das interessanteste Material. Eine Rakete dieses Typs kann nach den gängigen Berechnungen zwischen 2 und 3 Tonnen Nutzlast tragen. Verteilt auf 36 Submunitionskörper ergeben sich etwa 80 Kilogramm pro Kopf: Wolfram-Stäbe, die mit hypersonischer Geschwindigkeit einschlagen.

Die kursierende Rechnung ist konkret: Jeder 80-Kilo-Stab setzt rund 518 Megajoule frei, was 124 Kilogramm TNT entspricht. Multipliziert mit 36 liefert jede Rakete etwa 4,4 Kilotonnen. Das Argument lautet, dass bei Mach 10 keine Täuschungsmanöver nötig sind und ein dichter Peine die Energie am Einschlagpunkt konzentriert, statt sie in der Atmosphäre zu verteilen.

Die vollständige Aufschlüsselung – Masse, Volumen, relative Dichte, kinetische Energie und Durchdringung – ergibt eine ganze Tabellenkalkulation. Hier liegt der Unterschied zwischen dem Verständnis der Waffe und dem bloßen Lesen der Schlagzeile.

Gottesstäbe: Wo endet der Mythos und beginnt die Tatsache?

Das Konzept der „Gottesstäbe“ – das Abwerfen eines dichten Peine aus großer Höhe, um seine Endgeschwindigkeit zu erreichen – geht auf ein theoretisches Projekt namens Thor zurück. Daher kommt die häufigste Korrektur: Jeder Stab jenes theoretischen Projekts wog 12 Tonnen. Die aktuellen liegen bei etwa 80 Kilogramm. Der Massenunterschied beträgt zwei Größenordnungen.

Mit diesem Ausgangspunkt ändert sich die Schlussfolgerung. Eine solche Waffe scheint sehr nützlich, um eine Luftwaffenbasis oder einen Flughafen außer Gefecht zu setzen, indem sie die Wirkung über eine große Fläche verteilt. Um ein Silo oder einen gehärteten Bunker zu zerstören, arbeitet die Physik dagegen: Man muss konzentrieren, nicht verteilen.

Die Kontroverse wurde an dieser Stelle beendet, mit einem expliziten Rückzug einer Partei und einem „die Zeit wird zeigen“ der anderen. Sie bleibt offen.

Was bezweckt der Start wirklich?

Für eine Strömung ist die Waffe Propaganda: Sie hat die Landkarte nicht verändert, der Krieg zieht sich hin, und die Geste dient vor allem der innenpolitischen Verbrauch. In dieser Lesart ist das Ziel, Aufmerksamkeit abzulenken und die Erzählung aufrechtzuerhalten.

Für die andere ist es eine Demonstration der Fähigkeit, platziert kurz vor möglichen Verhandlungen. Wer die Waffe besitzt, die der andere nicht stoppen kann, sitzt besser am Tisch. Und das Schweigen der neuen US-Regierung in den ersten Stunden wurde in diesem Sinne interpretiert: Wenn Washington den Ton nicht verschärfte, war die Schlussfolgerung, dass die Lage im Grunde unter Kontrolle war.

Zwischen beiden Erzählungen schwebt die alte: Dass dies heiße Luft sei, dass wir seit Jahren dasselbe hören und dass Atomwaffen weder geflogen sind noch fliegen werden. „Der Wahlsieg hat das Ende dieser Geschichte klar gemacht“, deutet eine weitere Lesart an: Das Interessante beginnt danach.



Am Ende ist die einzige Zahl, die keinen Widerspruch duldet, die des Arsenals: mehr als 6.000 russische Atomsprengköpfe. Alles andere – die 36 Einschläge, die 4,4 Kilotonnen, die 12 Tonnen Thor – ist Nachttisch-Arithmetik. Die Rakete ist bereits geflogen. Was unbeantwortet bleibt, ist, was beim nächsten Start geschieht, wenn wieder jemand auf die Uhr schaut.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (212 Antworten).

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