Der andere Sklavenhandel, über den Algerien schweigt

Barbaresken-Korsaren verschleppten 1,25 Millionen Europäer und überfielen Küsten bis nach Island. Die Zahl, die in der Kolonialerzählung fehlt.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Der andere Sklavenhandel, über den Algerien schweigt
Der andere Sklavenhandel, über den Algerien schweigt

Zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert verschleppten Barbaresken-Korsaren rund **1,25 Millionen Europäer** und verkauften sie auf den Sklavenmärkten Nordafrikas. Diese Zahl, die in Lehrbüchern zur neueren Geschichte auftaucht und in diesen Tagen im Zuge der Proteste in Frankreich wieder aufgegriffen wurde, bildet den unbequemen Kontrapunkt zu einer Erzählung, die nur in eine Richtung blickt: auf die französische Kolonialplünderung. Die Debatte bestreitet die Kolonisierung nicht. Sie stellt die Frage, wem das Monopol auf das erlittene Unrecht zukommt.

Ausgelöst wurde die Diskussion durch einen Beitrag, der daran erinnerte, wie Frankreich 1856 den **Palast von Djenina** in Algier zerstörte, einen über drei Jahrhunderte alten arabisch-andalusischen Bau, bzw. die Es-Sayida-Moschee. Von dort aus verlagerte sich das Gespräch auf die andere Seite des Mittelmeers: auf die Raubzüge, die über Jahrhunderte Küstenorte von Italien bis Irland entvölkerten – Spanien und Portugal eingeschlossen – und bis hinauf nach Island reichten.

Was war der barbareskische Sklavenhandel?

Die Barbareskenstaaten Nordafrikas – formal dem Osmanischen Reich unterstellt, in der Praxis aber weitgehend autonom – betrieben während der Frühen Neuzeit eine Wirtschaft der Gefangennahme. Korsaren überfielen Schiffe und Küstenorte, die Gefangenen wurden auf den Märkten von Algier, Tunis oder Tripolis verkauft. Das Phänomen war kein Randereignis: Es prägte das Leben an der gesamten Mittelmeerküste und hinterließ Spuren, die sich bis heute in Ortsnamen und Sprache nachweisen lassen.

Hier taucht eine der Kuriositäten auf, die die Diskussion zutage fördert: Die Redewendung „**da sind keine Mauren mehr an der Küste**" ist keine harmlose Metapher. Sie entstand aus den Überfällen, die die spanischen Küstenorte zwangen, beständig den Horizont zu beobachten. Und sie erklärt noch etwas anderes: die Dichte der Befestigungsanlagen entlang der spanischen Küste, errichtet gegen Angriffe, die nicht vereinzelt, sondern Teil des Alltags waren.

Die spanischen Bombardierungen von Algier 1783 und 1784

Auch die militärische Antwort war kein Einzelfall. Im August 1783 beschoss die spanische Marine Algier achtmal zwischen dem 1. und dem 8., unter dem Kommando des Admirals **Antonio Barceló**. Es gab Brände und Sachschäden, aber keine Kapitulation. Im Jahr darauf kehrte Barceló im Juli 1784 mit einer alliierten Flotte zurück – Neapel, Portugal und der Malteserorden – und führte zwischen dem 12. und dem 21. Juli eine Kampagne mit ununterbrochenem Beschuss durch.

Die Zahl veranschaulicht das Ausmaß des Konflikts: Es ging nicht um Scharmützel, sondern um Marineoperationen mit einer ganzen Woche anhaltenden Feuers auf eine Hauptstadt. Die Frage, die über allem schwebt, ist unbequem: Wenn man das Recht anerkennt, auf die Verschleppung von Zivilisten zu antworten – wo verläuft dann die Grenze zwischen Vergeltung und Kolonisierung?

Heuchelei als Vorwurf in beide Richtungen

Der Kern des Missmuts liegt weniger im historischen Fakt als in seiner selektiven Verwendung. Es wird argumentiert, dass die Kolonialerinnerung nur beschworen wird, wenn es passt, und verschwiegen wird, wenn die andere Seite die Geschädigte ist. Dagegen steht der klassische Gegenargument: Einen Gefangenhandel der Frühen Neuzeit mit einer kolonialen Eroberung des 19. Jahrhunderts zu vergleichen, vermische Epochen und Größenordnungen, und kein vergangenes Unrecht rechtfertige ein anderes.

Manche tragen die Debatte auf noch unbequemerem Terrain: Die Sklaverei war weder ein ausschließlich europäisches noch ein ausschließlich weißes Phänomen. Man erinnert daran, dass es in den USA **freie Schwarze gab, die schwarze Sklaven besaßen** – eine Tatsache, die die simple rassistische Deutung des Themas entkräftet. Die Geschichte fügt sich selten in ein gutes und ein böses Lager.

Was davon bleibt

Das Gespräch heilt keine Wunden und will es auch nicht. Es hinterlässt jedoch eine Erkenntnis: Das Mittelmeer war über Jahrhunderte hinweg eine Grenze gegenseitiger Gefangennahme, und jedes Ufer hat sein eigenes Verzeichnis erlittenen Unrechts. Zu erwarten ist, dass die Debatte jedes Mal neu aufflammt, wenn die aktuelle Lage in Frankreich die Kolonisierung wieder auf die Tagesordnung bringt. Mit diesen Zutaten wird der Korb immer derselbe sein.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (15 Antworten).

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