Der 200-Euro-Wein, den nicht einmal der Sommelier erkennt
Ein französischer Winzer mit eigenem Weingut vertauschte den Inhalt zweier Flaschen, und laut der im Thread kursierenden Geschichte blieben die professionellen Verkoster mit dem Gesicht eines Menschen zurück, der gerade die Rechnung bezahlt hat. Die Laien erraten, welcher der gute war. Die Anekdote, die bei Verkostungen in der halben Welt wiederholt wird, fasst den Zustand eines Marktes zusammen, in dem der Preis längst nicht mehr das Vergnügen im Glas misst, sondern etwas anderes: Knappheit, Marke, Bewertungen und Sammlertum.
Die Diskussion über Wein-Snobismus bestreitet nicht, dass es echte Unterschiede zwischen Rebsorten, Ausbauten und Jahrgängen gibt. Zur Debatte steht die gerade Linie, die viele zwischen dem Preis einer Flasche und dem Genuss desjenigen, der sie öffnet, voraussetzen. Da ist der Konsens breit: Oberhalb einer bestimmten Schwelle bricht die Korrelation zusammen.
Wie viel muss man in Spanien ausgeben, um gut zu trinken?
Die Spanne, die unter Weinfreunden mit Jahren der Erfahrung am häufigsten genannt wird, liegt bei 6 bis 8 Euro. Darunter gibt es junge Rioja-Rotweine und Garnachas, die den Alltag problemlos meistern; darüber beginnt das Gebiet von Geschenk, Feier oder Eitelkeit. Eine 30-Euro-Flasche, die diesen Winter gekauft wurde, war laut einem Teilnehmer «schlechter als die für 5 Euro».
Den Extremfall lieferte ein anderer: eine 180-Euro-Flasche, 2015 geschenkt bekommen. «Sie war gut, gerade so, aber ich hätte nicht mehr als 5 Euro dafür bezahlt». Das ist keine Verachtung für Wein. Es ist das Bekenntnis, dass der Genuss nicht linear mit dem Preis steigt und dass man ab einem bestimmten Punkt für etwas anderes zahlt.
Dafür gibt es eine Geografie. Die Calle Laurel in Logroño wird als Beispiel genannt, dass man dort viele junge Rotweine und den einen oder anderen Crianza «wunderbar und billig» trinken kann. Und ein Rotwein für 5 Euro die Flasche aus dem Guadiana-Tal in Badajoz wurde als spektakulär bezeichnet. Das Fazit, das immer wieder fällt: «Guter Wein ist der, der dir schmeckt. Punkt».
Das Experiment, das die Experten entlarvt
Der Name, der den unbequemsten Teil der Geschichte zusammenhält, ist Frédéric Brochet, ein französischer Winzer mit eigenem Weingut und Weinladen. Seine These, wie im Thread wiedergegeben: Ab 10 Euro pro Flasche ist der Unterschied zwischen einem Wein für 10 und einem für 200 unmerklich, selbst für professionelle Verkoster. Seine Verkostungen mit vertauschten Flaschen stellten die «Experten» bloß, während die Laien richtig lagen.
Der Bias hat einen Namen. Wer mit dem Etikett im Kopf verkostet, verkostet nicht den Wein: Er verkostet den Preis, das Weingut und die Bewertung des gerade maßgeblichen Kritikers. Das Vorurteil kommt vor den Gaumen. In einer seiner meistzitierten Demonstrationen färbte er einen Weißwein so ein, dass er wie Rotwein aussah, und kein einziger Sommelier merkte, dass er einen Weißwein im Glas hatte.
Die häusliche Anekdote geht in dieselbe Richtung: ein Verkostungskurs, in dem alle Teilnehmer Holz rochen und der Dozent ihnen erklärte, es sei Pfirsich. Am Ende rochen alle Pfirsich. Die Verkostung als Übung in der Ausrichtung an dem, was man zu sagen erwartet.
Die Supermarkt-Medaillen und das Geschäft mit den Bewertungen
Hinter dem Prestige steckt eine Industrie. Wettbewerbe wie Gilbert & Gaillard sind auf das Supermarktsortiment ausgerichtet: Es werden massenhaft Weine mit einem Höchstpreis von etwa 5 Euro eingereicht, und von dort stammen die Goldmedaillen, die die Etiketten der Weine aus Kastilien-La Mancha schmücken. Das ist nicht dasselbe wie die Verkostungen von Wine Spectator oder Robert Parker, bei denen das Einsenden von Flaschen teuer ist.
Auch die Kritik hat ihre Risse. Ein Verkoster, der für einen spanischen Weinführer arbeitete, merkte an, dass einer der anderen Großen «mit sichtbarem Etikett» verkostete, wobei der Einfluss des Weinguts und derjenigen, die Werbung bezahlen, über der Note schwebte. Deshalb lagen die nationalen Bewertungen bestimmter Weingüter systematisch über den Urteilen der internationalen Kritik.
Der Markt korrigiert, wenn auch spät. Kritiker, die ihren Rückhalt für sehr teure Bordeaux-Châteaux zurückzogen, haben Abwärtskorrektionen auf dem Sekundärmarkt ausgelöst. Und es gibt spanische Weingüter, die «den teuersten Wein Spaniens» auf den Markt brachten und nicht eine Scheiße verkauften: Teuer sein reicht nicht.
Derselbe Schwindel wie bei Hi-Fi und Uhren
Der häufigste Vergleich ist der mit High-End-Hi-Fi: Anlagen für tausende Euro, die genauso klingen wie jedes andere Gerät an denselben Boxen, aber mit einem Vokabular von «Körper» und «Nuancen». Auch bei Uhren: Die astronomische Navigation verlangt eine Genauigkeit von einer Zeitminute pro 15 Seemeilen Fehler, und eine praktische Casio erfüllt das, wo eine Rolex nichts Messbares beiträgt.
Die Verteidigung des Handwerks existiert und ist nicht verächtlich. Es gibt Sommeliers von Weltrang, die einen Wein in zwei Schlucken identifizieren können, sogar den Jahrgang, ohne Rebsorte oder Herkunftsgebiet zu kennen. Das unterscheidet sich nicht von den Nasen, die in der Parfümerie arbeiten: eine Gabe, die zudem Jahre erfordert. Der Unterschied zwischen «fruchtig» oder «tanninhaltig» – echte chemische Eigenschaften, mit Furanenol und Lactonen in der Beerenschale – und «kühn» oder «samtig», was bereits Literatur ist, markiert die Grenze zwischen Önologie und Marketing.
Wie viel von dieser blumigen Sprache ist Beschreibung und wie viel ist Folklore? Ein Kritiker fasste es mit einer imaginären Verkostungsnotiz zusammen: weißes und Steinobst, mittlerer Körper, leichter Abgang, säuerliches und spritziges Finale, «Aromen von Vergewaltigung und Möglichkeiten für Analsensanal». Ziemlich treffend, sagte er. Wie die Stierkampf-Kolumnisten.
Das Geschäft mit der Liturgie
Die Liturgie verkauft sich gut, weil es eine Nachfrage nach Zugehörigkeit gibt. Wein ist seit Jahrtausenden Teil der Ernährung und der Kultur, und das macht ihn zu einer bequemen sozialen Sprache: Sich mit Wein auszukennen ist eine billige Art, so zu tun, als verstehe man von etwas. Hier kommt der Verbraucher ins Spiel, der für das Etikett zahlt, der die Weinkarte bestellt, ohne auf die Preise zu schauen, und der das Adjektiv nachplappert, das er in einer Zeitschrift gelesen hat.
Das Ergebnis ist ein Markt, in dem zwei Dinge koexistieren, die nicht dasselbe sind: dass es objektive sensorische Unterschiede gibt und dass der Preis als Qualitätssignal funktioniert. Das Erste ist Chemie. Das Zweite ist Glaube. Und der Glaube hat – in einem Markt mit Supermarkt-Medaillen, Führern, die mit sichtbarem Etikett verkosten, und Kritikern, die spät korrigieren – einen Preis, den fast nie derjenige zahlt, der trinkt.
Wie viele der Flaschen, die an diesem Wochenende in Spanien geöffnet werden, werden wegen ihres Inhalts gewählt – und wie viele wegen dessen, was auf dem Etikett steht?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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