China, die Zivilisation, die den Westen ablöst
Ist China die führende Zivilisation der Welt, wie es der Westen bis vor Kurzem war? Diese These gewinnt jedes Jahr an Stärke und wird nicht nur von Befürwortern vertreten. Chinas Metropolen, spektakuläre Brückenbauten und technologische Errungenschaften nähren die Vorstellung eines zivilisatorischen Wandels. Die Zahlen jedoch erzählen eine Geschichte mit mehr Nuancen, als die Schlagzeile vermuten lässt.
Der Ausgangspunkt vieler Analysen ist eine klare Aussage eines Teilnehmers: Die Vorherrschaft Asiens sei schlicht unvermeidlich. Auf dieser Basis entfaltet sich eine Diskussion, die Wirtschaft, Geschichte und Geopolitik vermischt, mit einem gemeinsamen Nenner: dem Gefühl, dass der Westen den Anschluss verloren hat.
Die asiatische Vorherrschaft als unausweichlich betrachtet
Einige Argumente besagen, dass die chinesische Zivilisation mindestens 3.000 Jahre lang die kontinuierlichste und komplexeste war, das Rückgrat der staatlich organisierten Menschheit, während in Europa noch Steine behauen wurden. Ein paar Jahrhunderte des Scheiterns, parallel zum Aufstieg des Westens, würden dieses Langzeitbild nicht ändern. Hier zählt Kontinuität mehr als ein momentaner Höhepunkt.
Auf der anderen Seite steht die Erzählung. Manche behaupten, das negative Bild Chinas im Westen resultiere aus einer Filterkampagne, die dessen Erfolge verberge. Der Vergleich zieht Nordkorea heran: Wenn dort nichts von außen sichtbar ist, werde hier ein ähnlicher Filter auf China angewandt. Die Analogie, die umstritten ist, spiegelt vor allem das gegenseitige Misstrauen zwischen den Blöcken wider.
Das BIP sank von 14% auf 5%
Der harte Fakt liegt in der Wachstumsreihe. Das chinesische BIP wuchs **14,23% im Jahr 2007**, 10,63% im Jahr 2010 und 6,90% im Jahr 2015. Im Jahr 2020 brach es auf 2,30% ein, erholte sich 2021 auf 8,10% und stabilisierte sich: 3,00% im Jahr 2022, 5,25% im Jahr 2023 und 5,00% im Jahr 2024. Die Abwärtskurve des letzten Jahrzehnts ist schwer zu leugnen.
Die optimistische Lesart sieht in dieser Verlangsamung eine natürliche Reifung. Die pessimistische Sicht warnt vor einer Immobilienblase und einer beginnenden industriellen Verlagerung ins Ausland, die das Wachstum innerhalb weniger Jahre auf 2% bis 3% stagnieren lassen könnte. Dies wäre, so heißt es, das normale Tempo einer bereits entwickelten Volkswirtschaft.
Wie viele Chinesen leben unterhalb der Armutsgrenze?
China erkennt 56 ethnische Gruppen an, wobei die Han etwa 92% der Bevölkerung stellen. Die Armutsgrenze von weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag betraf laut den im Diskurs genutzten Daten etwa 0,3% der Bevölkerung im Jahr 2018. Die relative Armut, unterhalb von 5,50 US-Dollar täglich, wurde für 2021 auf 17% geschätzt.
Der Unterschied zeigt sich bei der Betrachtung der Schichten. Die Unterschicht, mit weniger als 10 US-Dollar pro Tag, wird auf 30% bis 35% beziffert. Die untere Mittelschicht, zwischen 10 und 20 US-Dollar, liegt bei rund 40%. Es wird argumentiert, dass mehr als **1 Milliarde Menschen** unter dem Niveau leben, das als Erste-Welt-Standard gilt, mit Stadtvierteln, die an die Dritte Welt erinnern. Ein Großmachtstatus ist nicht gleichbedeutend mit dem Lebensstandard der Bevölkerung.
Der kulturelle Hindernisblock für die Hegemonie
Der Machtzuwachs ist unbestreitbar, doch einige weisen auf ein grundlegendes Problem hin: das kulturelle. Die chinesische Kultur ist sehr unterschiedlich und eher endogam, mit geringer universeller Ausstrahlung. Rom projizierte eine Marke, die Loyalität gegenüber dem Imperium integrierte; die USA bauten jahrzehntelang ein Image auf, das, ob berechtigt oder nicht, ihren Einfluss stützte. China fehlt diese exportierbare Erzählung.
Eine weitere Front ist historischer Natur. Erinnert wird daran, dass die Annäherung an die USA 1971 erlaubte, Industrie und Wissen im Austausch gegen Eindämmung der Sowjetunion zu übertragen. Kritiker behaupten, dieser Deal habe sich gegen die westlichen Volkswirtschaften gewandt. Südostasien, angeführt von Japan und Südkorea, konzentrierte bereits seit den Neunzigern Wirtschaft, Bevölkerung und Technologie.
Auch das Gedächtnis spielt eine Rolle. Man erinnert an Maos Tod 1978 nach einer Kulturrevolution, die ganze Familien entzweite, und führt Zahlen zu Hungersnöten aus vergangenen Jahrzehnten an. Dies sind Fakten der Vergangenheit, die von einer Seite genutzt werden, um die monumentale Erzählung zu zerlegen, und von der anderen als alte Geschichte abgetan werden. Wie ein Xi Jinping zugeschriebenes Zitat besagt: Wohnungen sind zum Leben da, nicht zur Spekulation – ein Satz, den manche als Beweis für kulturelle Überlegenheit lesen.
Die Debatte verliert sich manchmal in der Größe der Infrastruktur und vergisst, dass kein Wolkenkratzer die Freiheit derer misst, die darunter leben. Auf dem Papier hat China die Züge, die Brücken und ein weiter wachsendes BIP. Was es noch nicht hat, ist eine Maschine zur Exportierung seines kulturellen Modells. Wenn dies ausreichen würde, um die führende Zivilisation zu sein, hätte Rom ewig bestanden. Es bestand nicht ewig.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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