Charkiw, 35 Kilometer von Russland entfernt, bleibt unbesiegt
Eine Stadt in Steinwurfweite zur russischen Grenze, bombardiert seit dem ersten Tag der Invasion, doch die angreifende Armee kann sie nicht einschließen. Die Entfernung ist das verwirrende Faktum: Charkiw liegt 35 Kilometer von Russland und 485 von Kiew entfernt. Sumy, am ersten Tag um drei Uhr morgens angegriffen, war fast belagert, wurde aber Wochen später auf dem Straßenweg wieder mit Poltawa verbunden. Der Kontrast zwischen logistischer Nähe und der Unfähigkeit, die zweitgrößte Stadt der Ukraine einzunehmen, ist der Dreh- und Angelpunkt aller weiteren Analysen.
Was Russland in Charkiw riskierte und was die Ukraine verteidigte
Die Frage, die den Rest ordnet, ist doppelt: Was repräsentiert diese Stadt für jede Seite, und wie viele Truppen widmet jeder dieser Front? Die am häufigsten zitierte Antwort in der Analyse spricht nicht vom Willen, sondern von den Mitteln: Russland wäre mit Kräften eingedrungen, die für ein sehr anderes Szenario dimensioniert waren, unzureichend, um mehrere Fronten gleichzeitig zu halten. Daher wurden Positionen im Norden aufgegeben, um sich auf den Donbas zu konzentrieren, wo Luhansk zu 90 % und Donezk zu 60 % besetzt waren. Die verbleibenden 40 % eines einzigen Oblast zu besetzen, erforderte bereits den Verzicht auf andere Ziele.
Das Datum, das diese Lesart unterstreicht, sind die Zeugenaussagen russischer Gefangener in der Zone von Charkiw, die von einem Plan sprachen, die Stadt in drei Tagen einzunehmen: Hauptstraßen besetzen, Zivilausgänge blockieren und den Stadtkern nehmen. Ein Drei-Tage-Plan, der in wochenlange Belagerung ohne Ergebnis mündete.
Die Finte, die niemand glaubt
Die Hypothese einer Ablenkungsmanöver hat schlechte Presse. Das Argument ist historisch und schlagkräftig: Bei einer Finte werden keine mehr Mittel oder Waffen eingesetzt als beim echten Angriff. Wer behauptet, die Bewegung Richtung Kiew und der Vorstoß im Nordosten seien Köder gewesen, stößt auf die Tatsache, dass dort mehr Truppen und Material gebunden wurden als an der angeblich wahren Front. Das zitierte Vorbild ist die Operation Mars, jahrzehntelang als Ablenkung gerechtfertigt, obwohl sie tatsächlich mehr Ressourcen band als die zeitgleiche Offensive, die funktionierte.
Die Alternative ist weniger elegant: Wenn das Ziel war, die Regierung zu stürzen, hatte die Bewegung Richtung Kiew volle Logik. Und sie scheiterte. Die Diskussion, ob es Ungeschicklichkeit oder ein Köder war, endet immer am selben Punkt: Ein Köder, der deine besten Einheiten verschlingt, hört auf, ein Köder zu sein, und wird zur Niederlage.
Das Argument der Zivilopfer und sein Kleingedrucktes
Die in bestimmten Kreisen am häufigsten wiederholte Erklärung ist, dass eine Stadt nicht eingenommen wird, weil man die Zivilbevölkerung nicht verletzen will. Der Einwand kommt von selbst: Diese Zurückhaltung gilt für Charkiw, aber nicht für Mariupol, wo das Zerstörungsniveau anders war. Der Vergleich beider Städte bricht die Erzählung der selektiven Mäßigung.
Der technische Gegenpunkt hat ebenfalls Gewicht: Große Städte fallen weder durch Artillerie noch durch Belagerung; man muss Straße für Straße vordringen, und jedes stehende Haus ist eine Festung, ebenso jede Ruine. Stalingrad wurde zu Schutt reduziert und fiel dennoch nicht vollständig. Der Preis des städtischen Angriffs ist hoch für den Angreifer, was erklärt, warum man eher einschließt als stürmt. Was es nicht erklärt, ist, warum Charkiw nicht eingeschlossen wurde.
Das Vorbild, das die Eile widerlegt
Der historische Vergleich mit der größten Resonanz war der der Belagerungen im Spanischen Unabhängigkeitskrieg: Girona, 60 Kilometer von der französischen Grenze entfernt, leistete sieben Monate Widerstand, bevor es fiel. Napoleon wurde letztlich besiegt, und sein Bruder musste Spanien verlassen. Die daraus gezogene Lehre ist, dass eine Bevölkerung, die bereit ist, bis zum Äußersten zu widerstehen, den Angriff so teuer macht, dass der Angreifer diesen Preis nicht immer zu zahlen bereit ist.
Der Unterschied ist epochal. Was in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts möglich war, geht heute nicht mehr ohne eine humanitäre Katastrophe dazwischen. Und diese Einschränkung, real oder angerufen, lastet auf jedem militärischen Zeitplan.
Die Wehrpflicht, die der Erzählung vom minimalen Aufwand widerspricht
Die Ankündigung einer Einberufung von 134.000 zusätzlichen Rekruten, um sie in den Krieg zu schicken, kollidiert mit der Version einer begrenzten Intervention. Wäre die Operation begrenzt, bräuchte man kein neues Kanonenfutter. Die Zahl dient als Beweis dafür, dass die russische Armee unermüdlich Truppen aus anderen Landesteilen bewegt, um minimale Fortschritte im Donbas zu halten.
Die im internationalen Vergleich herangezogene Bilanz lautet: Mehr Opfer in einem Monat Invasion als die, die die Vereinigten Staaten in sieben Jahren Krieg im Irak erlitten haben. Mit diesen Zahlen hört die Diskussion, ob man mit dem Nötigsten oder mit dem Vorhandenen eingedrungen sei, auf, semantisch zu sein.
Der Punkt, an dem die Analyse ins Stocken gerät, ist immer derselbe: die Distanz. Dreißigfünf Kilometer sind eine Stunde Lkw-Fahrt unter normalen Bedingungen. Und dennoch steht die Stadt noch da.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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