Carvajals Geste und die politisierte Euro

Nach dem vierten EM-Titel sorgt Carvajals Verhalten gegenüber Sánchez für Streit um Zugehörigkeit und Nationalität in Spanien.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Carvajals Geste und die politisierte Euro
Carvajal, Yamal und die politische Explosion nach dem EM-Sieg

Spanien gewann seine vierte Europameisterschaft, doch das Land verstrickte sich in einen neuen Konflikt: Wem gehört der Triumph? Die Feier des Titels, die eigentlich ein sportliches Kapitel abschließen sollte, eröffnete ein politisches. Der Auslöser war eine Geste des Verteidigers Dani Carvajal gegenüber dem Regierungschef, die in den sozialen Medien als Affront interpretiert wurde. Von da an wurde alles mit parteipolitischer Brille gelesen: Begrüßungen, Gesänge der Fans, Flaggen und sogar die Biografien der Spieler.

Es ist das Muster eines Landes, das Fußball diskutiert wie einen Parlamentsplatz. Nichts, nicht einmal ein Freundschaftsspiel, kommt mehr ohne politischen Besitzer daher.

Carvajals Geste gegenüber Sánchez im Detail

Der Außenverteidiger zeigte laut Berichten in den sozialen Medien eine Geste der Verachtung gegenüber dem Regierungschef nach dem Gewinn der vierten EM. Die Szene wurde zum Symbol, je nachdem, durch welche Brille man sie betrachtete. Die Kommentatorin Angélica Rubio fasste es sarkastisch zusammen: „Bis gestern wussten manche Leute nicht, dass er rechtsradikal ist.“ Dies ist eine Interpretation einer Bewegung, kein überprüfbares Faktum über den Spieler, aber es spiegelt den Ton der Debatte wider.

Die Sache endete dort nicht. Nach Angaben aus den sozialen Medien machte Lamine Yamal später eine ähnliche Geste gegenüber Sánchez. Eine Handgelenkbewegung wurde zur Analysekategorie, wobei Lager darüber stritten, wer wen respektlos behandelt hatte und in welcher Reihenfolge. Innerhalb weniger Tage war der Pokal nicht mehr nur ein Pokal.

Warum wird diskutiert, ob die Spieler Spanier sind?

Weil ein Teil der öffentlichen Meinung beschlossen hat, dass die Staatsangehörigkeit eines Fußballers anderswo entschieden wird als im Standesamt. Lamine Yamal und Nico Williams wurden in Spanien geboren — einer in der Provinz Barcelona, der andere in Pamplona — und dennoch bestreiten einige ihnen das Etikett aufgrund der Herkunft ihrer Familien. Das Argument hält dem ersten Abgleich mit dem Melderegister nicht stand, zirkuliert aber kräftig und ungeniert.

Der Wandel ist auffällig. Während des Turniers wurden genau diese Spieler als Aushängeschild eines vielfältigen Spanien genutzt. Mit dem Titel brach das Narrativ für jene zusammen, die es auf einem angeblichen instrumentellen Gebrauch der Nationalmannschaft aufgebaut hatten: Bestimmten Kreisen wird vorgeworfen, Yamal und Nico für ihre Propaganda nutzen zu wollen und spät erkannt zu haben, dass Fußballer keine Politik spielen.

Einige behaupten, ohne weitere Belege als ihr Wort, dass einer der Spieler einst das Ausscheiden Spaniens bei einem Turnier gefeiert habe; andere entgegnen, dass diese Kontroverse, wahr oder nicht, ihm nicht die Staatsangehörigkeit nehme. Auch über die Leistung herrscht Uneinigkeit: Gegenüber denen, die argumentieren, ohne sie wäre der Titel nicht möglich gewesen, halten andere Spieler wie Dani Olmo, Fabián oder Carvajal für entscheidender.

Die Gesänge und die Beschwerde Gibraltars

Die Feierlichkeiten eröffneten eine weitere Front. Bei den Feiern waren Gesänge gegen einen der Spieler zu hören, die Folklore der Tribüne mit Spott über seine Herkunft mischten. Das Handbuch moderner Empörung: Wenn es keine Hymne gibt, gibt es einen Schlachtruf. Die Behörden von Gibraltar bezeichneten diese Gesänge als „ekelhaft“ und „rückständig“, eine Verurteilung, die angesichts des Absenders seltsam klingt, aber das Maß des Aufruhrs zeigt.

Im Hintergrund bleibt eine Frage, die kaum jemand laut stellt: Wie viel Rassismus steckt in der Kritik und wie viel bloße Lust am Streit? Die Mischung aus beidem ist zur eigentlichen Nationalsportart geworden. Der Fußball liefert nur den Vorwand.

Vom Cordon Sanitaire zum Lärm der Feier

Der Kern der Angelegenheit ist alt. Manche ziehen die Linie bis 2019, als Vox ins Parlament einzog und 24 Sitze holte, wodurch das sogenannte Cordon Sanitaire (politische Isolation) verallgemeinert wurde: Die Regierung und ihre Partner vermieden es, ihn im Plenum anzusprechen. Erstmals wurde ihm geantwortet, als er bereits 52 Abgeordnete stellte. Diese Ignoranz, so einige Analysen, schwächte die Partei nicht: Sie schenkte ihr ihr bestes Argument, das der zum Schweigen gebrachten Opferrolle.

Jahre später wiederholt sich das Muster im Fußballkontext. Eine Geste eines Verteidigers, ein Tribünengesang, eine Flagge werden zur Munition. Die Linke verliert das Monopol, darüber zu entscheiden, wer Spanier ist; die Rechte entdeckt, dass Sport ihr kostenlose Schlagzeilen beschert. Und mittendrin die Nationalmannschaft, die Turniere spielt, während das Land diskutiert, ob ihre Torschützen zählen oder nicht.

Luis de la Fuente und das unbequeme Profil

Der Nationaltrainer Luis de la Fuente ist in die Debatte eingetreten, indem er einen unverhüllten Katholizismus reklamiert, ein Profil, das jene irritiert, die etwas anderes vom Trainer erwartet hätten. Sein Fall, wenn auch kleiner, illustriert dasselbe wie die anderen: Jeder Protagonist des Triumphs wurde politisch eingeordnet, bevor er überhaupt etwas sagen konnte. Sogar der Trainer ist eine Quote.

Mit diesem Material lädt die unmittelbare Zukunft nicht zum Optimismus ein. Die nächste Nominierung wird dieselbe Diskussion neu entfachen, und das nächste Turnier wird auch in den Abendnachrichten gewonnen oder verloren. Wer hoffte, dass der Sport die Politik für ein paar Wochen pausieren lässt, kann es vergessen. Dieser Waffenstillstand wird nicht mehr unterzeichnet.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (179 Antworten).

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