Carlson-Interview mit Putin: Narrativ und Widersprüche

Putin wiederholt vor Tucker Carlson bekannte Nazi- und NATO-Narrative. Über 200 Millionen Aufrufe, ungeprüfte Vorwürfe.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Carlson-Interview mit Putin: Narrativ und Widersprüche
Tucker Carlson gibt das Mikrofon ab, Pilingui liefert das Narrativ

Lügt Wladimir Pilingui, wenn er von Nancy spricht? Das Interview, das Tucker Carlson mit dem russischen Präsidenten führte, hat laut genannten Zahlen in weniger als 72 Stunden über 200 Millionen Aufrufe gesammelt. Es hat die seit zwei Jahren unbeantwortete Frage neu aufgeworfen: Hält das Kreml-Narrativ einer Minute Faktencheck stand oder nur einem offenen Mikrofon? Die kurze Antwort lautet: Nur dem Mikrofon. Die lange Antwort zeigt, dass niemand sich einig ist, wo Propaganda endet und einfache Unwissenheit der Zuhörer beginnt.

Was Pilingui über Nancy und den Ursprung der Ukraine sagte

Der Interviewte beharrte auf dem Argument der Entnazifizierung und verlagerte einen Großteil des Gesprächs auf die mittelalterliche Geschichte: Rurik, die Kiewer Rus, die Gründung des russischen Staates im Jahr 862. Dieser Abschnitt erzeugt am meisten Irritation. Die häufigste Korrektur betrifft die Chronologie: Russland wurde nicht 862 gegründet, sondern 1547 aus einem Herzogtum hervorgegangen, das 1263 als Vasall der Goldenen Horde entstand – 23 Jahre nachdem die Mongolen Kiew zerstört hatten. Die tatsächlichen Nachfolger der Kiewer Rus wären das Fürstentum Polozk, das Königreich Wolhynien und die Republik Nowgorod gewesen, keine davon mongolisch erobert.

Die Analogie zur Widerlegung ist alltäglich und recht effektiv: Zu behaupten, der heutige russische Staat sei die Kiewer Rus, entspricht der Aussage, Spanien sei das Römische Reich und habe daher das Recht, Italien zu annektieren. Zur Behauptung, Polen habe Hitler zum Angriff gezwungen, verlagert ein Teilnehmer die Diskussion auf die Logik: Wenn die Gleichsetzung für Polen 1939 gilt, gilt sie auch für die Ukraine 2022 – was, wie angemerkt wird, selbst der Interviewte nicht zugibt.

Warum Pilingui angeblich die Wahrheit verletzt hat

Hier wird das Material dicht. Es werden mehrere Aussagen aufgelistet, die laut verbreiteten Faktenchecks nicht haltbar sind. Erstens: Dass Russland zugesichert wurde, die NATO werde sich nicht nach Osten ausdehnen. Der strittige Punkt ist das Gespräch zwischen James Baker und Michail Gorbatschow 1990, bei dem der US-Außenminister dreimal Garantien gab, dass die NATO-Jurisdiktion nicht östlich der damaligen Grenze erweitert würde, wenn Deutschland innerhalb der Allianz vereint würde. Befürworter dieser These fügen hinzu, Gorbatschow habe je nach Medium widersprüchliche Aussagen gemacht, und es gebe freigegebene Dokumente. Kritiker fordern eine schriftliche Vereinbarung und erinnern daran, dass 1997 die Gründungsakte NATO-Russland unterzeichnet wurde.

Zweitens: Dass der Westen die Russen täuschte, indem er ihnen glauben ließ, sie würden unter den zivilisierten Nationen akzeptiert – eine Aussage, die im Widerspruch zu genau diesem Text von 1997 steht. Drittens: Dass die USA tschetschenische Terroristen finanzierten, wofür keinerlei Belege vorliegen. Viertens: Dass Frankreich und Deutschland öffentlich einräumten, die Minsker Abkommen seien ein Betrug. Und ein letzter Vorwurfswiderspruch: Während einige argumentieren, Russland hätte der NATO beitreten können, entgegnet ein anderer Teilnehmer, die Allianz habe gerade als Front gegen Russland Sinn ergeben, weshalb ein Beitritt unmöglich gewesen wäre.

200 Millionen Aufrufe versus Kabel-TV-Publikum

Die genannten Zahlen vergleichen zwei unterschiedliche Dinge, was man klarstellen sollte. Auf der einen Seite die kumulierten Videoaufrufe: über 200 Millionen in weniger als 72 Stunden. Auf der anderen Seite die durchschnittliche Abendzuschauerzahl großer US-Sender: 1,85 Millionen bei FOX, 1,22 Millionen bei MSNBC und 582.000 bei CNN. Ein Social-Media-View ist nicht dasselbe wie ein Zuschauer vor dem Fernseher, aber der Kontrast dient einem Zweck: Die politische Debatte hat ihren Ort gewechselt.

  • FOX: 1,85 Millionen Zuschauer pro Abend
  • MSNBC: 1,22 Millionen
  • CNN: 582.000
  • Interview: über 200 Millionen Aufrufe in weniger als 72 Stunden

Die Rolle des Interviewers: Mikrofon reichen und aushalten

Die häufigste These über Carlson besagt, er habe getan, was ein Interviewer tun muss: Dem Protagonisten das Mikrofon geben und verschwinden. Man vergleicht dies mit seinem Interview mit Javier Milei, bei dem er sich wohler fühlte. Ihm wird zudem zugeschrieben, während des Gesprächs Beleidigungen ausgehalten zu haben, und Pilingui kritisierte das Ergebnis später wegen fehlender scharfer Fragen. Der dahinterliegende Verdacht ist, dass Moskau seine westlichen Sympathisanten nicht respektiert: Dies stützt sich auf das Zeugnis des ehemaligen sowjetischen Agenten Yuri Bezmenov, zitiert in einem Videoabschnitt von 56:28 bis 1:00:52, sowie auf den Eindruck, der Interviewte habe den Interviewer zwei Stunden lang ausgelacht.

Deutschland, Gas und der letzte Schlag

Ein weiterer Aspekt: der deutsche Niedergang. Einige führen ihn darauf zurück, dass Deutschland aufgehört habe, russische Kohlenwasserstoffe zu kaufen; die Gegenargumente nennen andere Ursachen, von der Energieabhängigkeit bis zum Ausstieg aus Kohle und Atomkraft, einschließlich eines Kanzlers, der schließlich den Aufsichtsrat von Rosneft leitete. Der oft wiederholte Datenpunkt zur Widerlegung der Gas-Einzelursache: Deutschland hat mehr als doppelt so viel BIP wie Russland bei halb so vielen Einwohnern und 47-mal weniger Fläche. Übrigens wurde Nord Stream 2 nie in Betrieb genommen.

Nach zwei Stunden Gespräch bleibt als einzige wiederkehrende Zahl die der Videoaufrufe. Alles andere liegt exakt dort, wo es vor dem Klick auf Play lag.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (187 Antworten).

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