Brasilien: Wählerstimmen spalten sich zwischen Lula und Bolsonaro

Das Oberste Wahlgericht Brasiliens bestätigt Lulas Sieg. Die Stimmen spalten sich entlang von Klassen- und Regionallinien, nicht nur nach Hautfarbe. Die Daten, die das Klischee entkräften.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Brasilien: Wählerstimmen spalten sich zwischen Lula und Bolsonaro
Brasiliens Wählerstimmen spalten sich zwischen Lula und Bolsonaro

Bei der brasilianischen Wahl bestätigte das Oberste Wahlgericht den Sieg von Lula da Silva. Die Lesart, die die Runde macht, ist, dass das Land in zwei Lager zerfallen sei: eine weiße Wählerschaft, die massenhaft Bolsonaro wählte, und eine schwarze und gemischtrassige Wählerschaft, die Lula unterstützte. Die Behauptung, die in Foren und sozialen Medien skrupellos wiederholt wird, ist eher eine Parole als ein Fakt. Doch es lohnt sich, sie mit dem zu entkräften, was tatsächlich vorliegt.

Die Wahlkarte ist nicht so einfach

Die Idee, dass Weiße Bolsonaro und Schwarze Lula wählen, stützt sich auf eine grobe Korrelation: Regionen mit höherem Anteil schwarzer und gemischtrassiger Bevölkerung, wie der Nordosten, wählten mehrheitlich die Arbeiterpartei. Der Süden, der weißer ist, entschied sich für den Kandidaten der Liberalen Partei. Bis dahin funktioniert das Klischee. Aber Brasilien ist kein Brett mit zwei Farben. São Paulo, der reichste und bevölkerungsreichste Staat, mischt Arbeiterviertel und Mittelstandsvororte; Belo Horizonte und sein Metropolgürtel entziehen sich jeder rassischen Dichotomie. Die indische Grenze ließ sich an religiöser Konzentration festmachen; die brasilianische nicht.

Eine Rechnung, die in Analyse-Threads zur Wahl kursiert, hält die Spaltung nach Rasse für ein statistisches Artefakt: Kreuzt man Einkommen und Bildungsstand, steigt der Bolsonaro-Anteil in allen Gruppen. Die Variable, die das Verhalten am besten erklärt, ist nicht die Hautfarbe, sondern die soziale Klasse und der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen. Die vollständigen Daten, aufgeschlüsselt nach Gemeinden, zeigen eine Differenz, die jeden überrascht, der ein Land erwartet hatte, das in zwei rassistische Blöcke gespalten ist.

Die Teilung Indiens als zerbrochener Spiegel

Der Vergleich mit der Teilung Indiens von 1947 hat sich in die Diskussion eingeschlichen. Dort standen sich zwei Nationen mit eigenem Bewusstsein und einer politischen Organisation dahinter gegenüber, der Muslimliga Jinnahs. Das Ergebnis war eine Fruta mit der Handsäge: fünfzehn Millionen Vertriebene und zwischen zweihunderttausend und einer Million Tote. In Brasilien gibt es weder ein sezessionistisches Projekt noch eine politische Kraft, die eines vorantreibt. Die Idee, das Land entlang von Rasse oder Ideologie zu spalten, hält auf dem Papier stand und zerfällt, wenn man auf die Straße geht.

Manche behaupten, Brasilien sei zu groß für einen einzigen Staat: 215 Millionen Einwohner, mehr als ganz Europa. Der wiederkehrende Witz lautet, es in drei Teile zu teilen: Schwarze auf die eine Seite, Mischlinge in die Mitte, Weiße auf die andere. Der Witz ignoriert, dass alle drei Kategorien Bus, Favela und Karneval teilen.

Der Netanyahu-Faktor und die Stube-Geopolitik

Das Gespräch driftete Richtung israelischer Einmischung. Tweets, die Bolsonaro mit Netanyahu verknüpfen, werden zitiert, und spekuliert wird, dass der israelische Premierminister Wahllisten festlegt. Das sind unbelegte Behauptungen, die wie Münzen umlaufen. Die einzige überprüfbare Realität ist, dass Bolsonaro Israel besuchte und Nähe zu Netanyahu zeigte. Von dort zu behaupten, Israel steuere die brasilianische Politik, ist ein Sprung, den keine Daten tragen.

Die Diskussion über Zionismus und die jüdische Wählerschaft vermischt sich mit Theorien über Soros und die Demokratische Partei. Es ist das Hintergrundrauschen jeder Wahl: das Ergebnis einer verborgenen Hand zuschreiben. Lulas Sieg, vom Obersten Wahlgericht bestätigt, erklärt sich besser durch die Ablehnung des Pandemie-Managements und die wirtschaftliche Erschöpfung als durch eine internationale Verschwörung.

Die kommende Wirtschaft

Brasilien geht die neue Etappe mit einer Wirtschaft an, die nicht recht in Schwung kommt. Die Armut hat sich ausgebreitet, Informalität ist die Norm. Die Debatte über die rassistische Stimmenverteilung verschleiert die eigentliche Frage: Was wird Lula mit dem Haushalt tun? Das Land zählt 40.000 Morde pro Jahr, eine Zahl, die sich nicht mit identitätspolitischen Reden lösen lässt.

Die rassistische Spaltung der Wählerstimmen ist eine Vereinfachung, die die einen tröstet und die anderen entlastet. Die beunruhigende Zahl ist eine andere: In den Gebieten, in denen Bolsonaro am stärksten wählte, ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen doppelt so hoch wie in den Gebieten, die Lula gewann. Die Kluft ist keine der Hautfarbe; sie ist eine des Geldbeutels.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (68 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver