Borrell und die Kriegspropaganda bei Spaniens Vocento

Borrell verkündet die "Geburtsurkunde des geopolitischen Europas", und der spanische Medienkonzern Vocento stilisiert dies zum Epos. Eine Analyse der offiziellen Erzählung und ihrer Widersprüche.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Borrell und die Kriegspropaganda bei Spaniens Vocento
Borrell und die Kriegspropaganda bei Spaniens Vocento

Josep Borrell, Hoher Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, hielt eine Rede im Europäischen Parlament, die der ehemalige Minister und Ex-Europaabgeordnete Ramón Jáuregui als "churchillartig" bezeichnete und die, so seine Worte, "es schaffte, das Gewissen eines Europas aufzurütteln, das bestmöglich reagiert hat". Darin erklärte Borrell: "Dies ist die Geburtsurkunde des geopolitischen Europas. Es ist Zeit, dass die Europäer ihre Verantwortung übernehmen, um rücksichtslosen Gegnern zu begegnen. Die Rückkehr der Tragödie sollte uns nicht ängstigen, sondern uns aufrütteln. Niemand kann wegschauen." Der Beitrag, der in Medien wie El Diario Montañés und El Correo erschien, hat in Foren für politische Analyse heftige Ablehnung ausgelöst, wo der Einsatz von hochtrabender Sprache zur Rechtfertigung der europäischen Aufrüstung und der bedingungslosen Unterstützung der Ukraine kritisiert wird.

Die Rede, die Vocento zum Epos erhob

Die Berichterstattung von Vocento stellt Borrells Rede als einen Wendepunkt dar: "Das Europa der Verteidigung ist geboren. Der Traum wird Wirklichkeit. Schlechte Nachrichten für unsere Feinde." Der Text betont die "epische Aufladung, die europäische Gipfel stets mit sich bringen", und zitiert Margaritis Schinas, Vizepräsident der Europäischen Kommission, der versichert, dass "nach und nach etwas entsteht, das wir in Europa nie gehabt haben: eine europäische öffentliche Meinung, die sowohl die Ukraine als auch unser gemeinsames Handeln bedingungslos unterstützt". Die Behauptung einer einmütigen öffentlichen Meinung kollidiert jedoch mit der Realität von Umfragen, die wachsende Spaltungen zeigen.

Der Widerspruch der Einstimmigkeit

Der Text selbst räumt die Existenz von "Populismen und Extremismen" ein, die, so der Autor, "gut existieren, damit wir uns behaupten und unsere Werte preisen können, um sie in die Ecke zu drängen". Das heißt, Dissens wird zugegeben, aber der Dissident wird abqualifiziert. Dieses Paradox – eine einmütige öffentliche Meinung beschwören, während man Andersdenkende stigmatisiert – gehört zu den am meisten kritisierten Punkten. Im Kern liegt die Frage: Wer definiert diese europäische öffentliche Meinung? Die Medien, die sie verkünden?

Die wahren Kosten: Energieabhängigkeit und Schulden

Abseits der Erzählung die Zahlen. Die EU hat sich vorgenommen, ihre Abhängigkeit von russischem Gas bis Jahresende um zwei Drittel zu reduzieren, so Schinas, durch Diversifizierung hin zu den USA, Katar und Norwegen. Der Text stellt dies als Erfolg dar, verschweigt aber die Kosten: US-Flüssiggas ist teurer und verursacht einen größeren CO2-Fußabdruck. Zudem soll die Finanzierung der Ukraine-Hilfe und der Next-Generation-Fonds durch eine "Vergemeinschaftung der Schulden" erfolgen, ein gebrochenes Tabu, das laut Arancha González Laya, ehemaliger Außenministerin, bedeutet, dass "das Glas wieder als halb voll gesehen wird". Übersetzt: mehr öffentliche Schulden, die die Steuerzahler bezahlen werden.

Der Elbichito-Pass und der europäische Lebensstil

Borrells Rede und Vocentos Artikel fallen in einen zumindest auffälligen Kontext: Die EU treibt den sogenannten Elbichito-Pass voran – den manche Kritiker als "Gesundheitspass" bezeichnen –, und mehrere Länder wie Italien und Griechenland halten an der Impfpflicht für bestimmte Gruppen fest. Während von "Schutz des europäischen Lebensstils" die Rede ist, werden Freiheiten eingeschränkt. Die Ironie ist gewaltig: Man beruft sich auf die Verteidigung von Rechten und Werten, während Zwangsmaßnahmen ergriffen werden.

Wer zahlt die Zeche?

Vocentos Artikel fragt: "Pandemie, Krieg, humanitäre Hilfe ... Wie bezahlt man das alles?" Die Antwort lautet, es werde "komplex" sein. Die Next-Generation-Fonds, als große Hoffnung präsentiert, sind zum Rettungsring geworden. Aber Geld entsteht nicht aus dem Nichts: Es werden Schulden ausgegeben. Der Euro sinkt derweil. Kriegsepos ist nicht gratis.

Die öffentliche Meinung, die es nicht gibt

Schinas beharrt darauf, dass es eine europäische öffentliche Meinung gebe, die die Ukraine "bedingungslos" unterstützt. Doch die Eurobarometer-Daten zeigen eine differenziertere Realität: Die Zustimmung zu Sanktionen gegen Russland variiert stark je nach Land und liegt in manchen Mitgliedstaaten nur knapp über 50 %. Die Einstimmigkeit ist ein interessierter Mythos. Wie ein Kommentator feststellt: "Die EU ist keine Demokratie; sie ist eine Technokratie, die über den Köpfen der Bürger entscheidet."

Aufrüstung als Geschäft

Hinter der epischen Rhetorik steckt ein Geschäft: steigende Verteidigungsausgaben. Deutschland hat bereits einen Fond von 100 Milliarden Euro für seine Armee angekündigt. Die europäische Rüstungsindustrie boomt an der Börse. Währenddessen sehen die Bürger zu, wie öffentliche Leistungen gekürzt werden, um die Haushalte auszugleichen. Die Frage ist unausweichlich: Wem nützt dieses "geopolitische Europa" wirklich?



Borrells Rede und ihre Verstärkung durch Medien wie Vocento veranschaulichen die Entwicklung einer Erzählung, die die Interessen der Brüsseler Bürokratie mit denen der Europäer verwechselt. Kriegsepos füllt weder den Kühlschrank noch zahlt es die Hypothek. Und während die Führer vom "manifesten Schicksal" sprechen, sehen die Bürger, zwischen Fassungslosigkeit und Resignation, ein neues Kapitel der Geschichte, das sie nicht gewählt haben.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (88 Antworten).

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