Billiges russisches Gas entscheidet über das Schicksal der deutschen Industrie

Russisches Gas kommt per Pipeline, amerikanisches per Schiff – ein Kostenunterschied, der die deutsche Industrie trägt und die These vom Energie-Machtkampf speist.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Billiges russisches Gas entscheidet über das Schicksal der deutschen Industrie
Russisches Gas, Krieg und Energie: der Machtkampf, der Europa seit 2014 spaltet

Eine Pipeline kostet einen Bruchteil dessen, was ein Flüssiggastanker kostet. Dieser eine Unterschied – Gas, das per Pipeline ankommt, gegenüber Gas, das per Schiff über den Atlantik kommt – genügt, um eine der meist wiederholten Thesen des vergangenen Jahres zu stützen: dass der Krieg in der Ukraine unter anderem darauf abzielt, dass Europa seine Energie aus den USA statt aus Russland kauft. Ausgangspunkt ist eine Aussage, die einer ehemaligen US-Außenministerin zugeschrieben wird und für die es keine Belege gibt, wonach «irgendwann werden wir einen Krieg vom Zaun brechen müssen, damit die Europäer unsere Energie kaufen».

Von dort aus entfaltet sich die Analyse in mehrere Richtungen: der Gaspreis als Faktor industrieller Wettbewerbsfähigkeit, die Kontrolle über Eurasien als Schlüssel zur angloamerikanischen Macht und die Rolle der NATO in der Ukraine-Krise.

Warum billiges russisches Gas die deutsche Industrie trägt

Die Antwort liegt in der Logistik. Russisches Gas ist deutlich billiger als amerikanisches, und nicht nur, weil es nicht aus Fracking stammt: Es reist durch Rohrleitungen, während das amerikanische verflüssigt per Schiff transportiert wird. Jedes Glied dieser Kette – Verflüssigung, Fracht, Regasifizierung – kostet extra. Dieser Preisvorteil hat die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie erhalten, so eine der Strömungen der Analyse. Mit amerikanischen Energiepreisen würde Deutschland die Wettbewerbsfähigkeit verlieren und den Rest der Europäischen Union mitreißen, die sich auf ihren industriellen Motor stützt.

Der Kontext dieser Überlegung ist das Jahr 2014: Gas- und Erdölfülle in Nordamerika, ein beschleunigter Schub für das Elektroauto in Europa und wachsende Verachtung für russisches Rohöl. Manche sehen darin eine allzu bequeme Übereinstimmung, andere lesen es als Energiewende, die ungewollt mit einem Krieg zusammenprallt.

Die Kontrolle über Eurasien, laut der These, auf die sich Kritiker berufen

Die ausgearbeiteteste geopolitische Erklärung beruft sich auf die Seemacht. Weder Briten noch Amerikaner könnten es zulassen, dass Europa und Russland stabile Handels- und politische Beziehungen festigen, denn die Allianz einer Zentralmacht mit Europa würde sie dazu verurteilen, die Kontrolle über das Weltsystem zu verlieren. Als Referenz wird der Historiker Ian Morris genannt, Geschichtsdoktor von Cambridge und Autor eines 2017 erschienenen Werks über die Vormachtstellung Eurasiens. Die Grundidee ist älter: die Länder der Mitte spalten, um sie kontrollieren zu können.

In dieselbe Richtung wird Henry Kissinger und sein Buch Weltordnung zitiert, aus dem eine Lesart abgeleitet wird, die der Einwanderung eine bewusste Rolle bei der Verwässung des europäischen sozialen Zusammenhalts und der nationalen Identität zuschreibt. Es ist eine These ohne Belege, die in diesem Teil durch keinerlei Evidenz im Material gestützt wird. Kissinger selbst hätte sie als Beschreibung einer fremden Strategie formuliert, nicht als Empfehlung.

Nicht eingehaltene Abkommen und der Donbas 2014

Ein weiterer Abschnitt der Argumentation bleibt bei der NATO-Erweiterung stehen. Es wird behauptet, nach dem Fall der UdSSR sei vereinbart worden, das Bündnis nicht nach Osten zu erweitern, die Ukraine eingeschlossen, und dass dieses Versprechen gebrochen wurde. Sogar daran erinnert wird, dass ein hoher europäischer Verantwortlicher, Josep Borrell, eingestanden haben soll, jene Abkommen seien gebrochen worden. In diesem Rahmen wird die Ukraine-Krise als vorherige Provokation beschrieben – eine Regierung, die nach einem Regimewechsel eingesetzt wurde –, eher denn als spontaner Auslöser.

Demgegenüber stellt eine andere Lesart klar, dass keine Provokation es rechtfertigt, dass ein Staatschef beschließt, ein Nachbarland zu überfallen, und dass dies am Ende denen Recht gibt, die die These der russischen Bedrohung vertraten. Die Debatte bleibt vorerst ohne Einigung.

Europa als Spielball: die Unzufriedenheit mit beiden Blöcken

Es gibt auch eine Position, die sich mit keiner der Seiten gemein macht. Sie fragt, was der europäische Bürger von all dem hat, wenn er doch Inflation, Verarmung und das Risiko einer Industrieabwanderung spürt. Und sie erinnert daran, dass Russland dasselbe Land ist, das einen Sezessionsversuch in Spanien unterstützte, in Europa politische Gefälligkeiten kaufte, um es von seinem Gas abhängig zu machen, und mit Atomwaffen droht: Der Slogan the EU würde genauso gut auf Washington wie auf Moskau passen. Das Fazit dieser Strömung ist ernüchternd: weder das eine noch das andere sind Verbündete, nur Interessen.



«Die Vereinigten Staaten haben keine dauerhaften Freundschaften, nur dauerhafte Interessen», schrieb John Quincy Adams, der sechste Präsident der USA. Der Satz, in dieser Angelegenheit oft zitiert, fasst das Einzige zusammen, worin sich fast alle Positionen einig sind: Gas, Krieg und die deutsche Industrie werden auf derselben Karte betrachtet. Was weiter offen bleibt, ist die Frage, wer die erste Figur bewegt hat.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (100 Antworten).

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