Azovstal und der Mythos der Biolabors in der Ukraine

Der Widerstand in Azovstal wurde geheimen Biolaboratorien mit fünf unterirdischen Ebenen zugeschrieben. Nach der Einnahme des Stahlwerks wurden keine gezeigt, und die Erzählung wandelte sich.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Azovstal und der Mythos der Biolabors in der Ukraine
Azovstal und der Mythos der Biolaboratorien

Wo sind die fünf unterirdischen Ebenen unter dem Stahlwerk von Mariupol? Die Frage kursierte Anfang Frühjahr 2022 intensiv, als der Widerstand in Azovstal auf die Existenz geheimer, von den USA finanzierter Biologieeinrichtungen zurückgeführt wurde. Nach der Einnahme des Stahlwerks blieb die Suche nach diesen unterirdischen Ebenen ohne sichtbares Ergebnis. Und die Erzählung wandelte sich.

Der Ausgangspunkt ist überprüfbar: Die US-Unterstaatssekretärin Victoria Nuland räumte vor dem Kongress ein, dass die Ukraine biologische Forschungseinrichtungen hat und dass Washington besorgt war, russische Kräfte könnten deren Kontrolle übernehmen. Das sagte sie. Was sie nicht sagte, ist, dass dort bakteriologische Waffen hergestellt wurden oder dass Soros oder Hunter Biden ein geheimes Netzwerk finanzierten.

Was die USA genau eingeräumt haben

Nulands Aussage ist zum wichtigsten Argument derjenigen geworden, die die Existenz eines Netzwerks militärischer Biolaboratorien auf ukrainischem Gebiet behaupten. Das Problem ist eine Frage der Größenordnung: Wie einige Teilnehmer der Debatte einwenden, gibt es dieselbe Art biologischer Forschungseinrichtungen auch in Frankreich, Portugal, China, Spanien, Russland, Japan, Mexiko, Kanada, Deutschland und der Türkei. Die Existenz von Laboratorien ist nicht gleichbedeutend mit der Existenz eines Biowaffenprogramms, und genau dieser logische Sprung wird nie belegt.

Manche erinnern daran, dass die Diskussion über diese Laboratorien älter ist als der Konflikt: Laut einem Teilnehmer hatte China bereits 2018 um Erklärungen gebeten, und der Kreml erwähnte das Thema seit Anfang März 2022. Als das Stahlwerk fiel und das Netzwerk mit fünf Ebenen nicht auftauchte, hörte die russische Propaganda auf, auf Azovstal zu beharren, und recycelte das Thema zu angeblichen Experimenten an ukrainischen Soldaten.

Das Tora-Bora-Präzedenzfall und die Tunnel aus dem Film

Der am häufigsten gezogene Vergleich ist der mit Osama bin Ladens Supertunnel in Tora Bora. Die Medien zeigten Illustrationen eines ultramodernen Netzwerks, fast wie aus einem James-Bond-Film. Die Wirklichkeit war eine andere, wie im Thread beschrieben: Höhlen, in denen man sich bücken musste, um hineinzukommen, und die nur wenige Meter in den Berg führten. Die Lektion ist für beide Seiten unangenehm: Eine spektakuläre Geschichte verkauft sich besser als die Überprüfung vor Ort.

Mit Azovstal verhielt es sich ähnlich. Es war von fünf unterirdischen Ebenen die Rede, die tausenden Tonnen Stahl standhielten, mit Explosionsgefahr, unter dem größten Stahlwerk Europas. Das Bild war stark. Der Beweis, nicht existent. Und wenn es nichts zu zeigen gibt, ist die Ausweicherklärung immer dieselbe: Alles wurde zerstört.

Von Geldscheinen mit Tuberkulose bis zu Labormonstern

Die Erzählung driftete immer weiter ab. Es kursierte die Geschichte von gefälschten Geldscheinen, die mit medikamentenresistenter Tuberkulose infiziert waren und an Kinder in der Region Lugansk verteilt wurden. Auch die von angeblichen russischen Medien, die behaupteten, ukrainische Soldaten hätten den Schluss gezogen, die USA würden geheime Experimente an ihnen durchführen, um sie in Monster zu verwandeln. Das sind Fakes ohne jeden Beleg, die dennoch eine Stimmung nähren, die zum Glauben keine Beweise mehr braucht.

Das Muster erinnert an die Massenvernichtungswaffen, die die Invasion des Irak 2003 rechtfertigten. Erst die Anschuldigung, dann die Suche, am Ende das Fehlen von Ergebnissen und das Schweigen. Der Unterschied: Damals stand eine Regierung hinter der Lüge; heute erzeugt sie ein diffuses Ökosystem aus Staatsmedien, anonymen Konten und Foren, die sich gegenseitig füttern.

Wer von der Biolabor-Erzählung profitiert

Die Erzählung erfüllt laut ihren Kritikern eine konkrete Funktion: die Invasion als Entnazifizierungs- und biologische Abrüstungsoperation zu rechtfertigen. Jedes Mal, wenn die Front stockt, holt die Propaganda das Thema zurück. Und jedes Mal, wenn es wieder aufgegriffen wird, erscheint dieselbe Struktur: eine schwere Anschuldigung, eine vage Quelle, ein versprochener Beweis, der nie kommt.

Unterdessen bleibt die ursprüngliche Frage unbeantwortet. Wo sind die fünf Ebenen? Gibt es Fotos, Videos, Dokumente? Das Stahlwerk wurde eingenommen und durchkämmt. Niemand hat die Laboratorien gezeigt. Die einfachste Erklärung — dass sie nie existierten, wie beschrieben — ist auch die, die am wenigsten gehört wird.

Am Ende hält sich der Mythos von Azovstal genauso wie der von Tora Bora: Er muss nicht wahr sein, es reicht, dass er wiederholt wird.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (91 Antworten).

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