Was ist Zeit? Die Gegenwart dauert nur eine Zehntelsekunde

Die Sekunde misst nicht die Zeit, sondern Cäsium-Oszillationen. Das bewusste Jetzt dauert eine Zehntelsekunde; das Universum ist flach.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Was ist Zeit? Die Sekunde misst die Erde, nicht die Zeit

Die Frage bleibt offen. Was ist Zeit? Und noch unbequemer: Existiert die Gegenwart? Der Anfang ist trügerisch einfach: Die Sekunde misst nicht die Zeit, sondern die Erdrotation um ihre Achse. Die Definition für Präzisionsmessungen — 9.192.631.770 Oszillationen der Strahlung des Cäsium-Isotops 133 — beschreibt keine zugrunde liegende Realität. Es ist eine vereinbarte Regel, damit alle über dasselbe sprechen. Die Uhr, nicht die Zeit. Und gerade weil die Regel funktioniert, fragt kaum jemand, was eigentlich gemessen wird.

Wie lange dauert die Gegenwart? Etwa 45 Bilder pro Sekunde

Das menschliche Gehirn nimmt die Realität nicht kontinuierlich wahr, auch wenn es so scheint. Wie im Thread dargelegt, verarbeitet es Bilder mit 45 bis 60 Bildern pro Sekunde. Eine Fliege, mit einem viel einfacheren Nervensystem, verbindet Sehen und Gehirn bei 240 FPS: Deshalb ist es fast unmöglich, sie zu treffen. Für sie bewegt sich die Hand in Zeitlupe. Dasselbe gilt für den Tennisspieler, der einen Aufschlag über 100 km/h zurückschlägt, oder den Fahrer, der ein Auto mit 120 km/h auf sich zukommen sieht.

Dieses bewusste Jetzt ist zudem winzig. Der Bereich der Realität, der effektiv erlebt wird, dauert etwa eine Zehntelsekunde: Das Vorherige ist bereits Vergangenheit, das Nächste Zukunft. Und es dauert nicht immer gleich lang. Das Gehirn arbeitet in Zyklen von 1,3 Hz im Schlaf bis 13,1 Hz unter Stress. Daher zieht sich eine öde Klasse endlos hin, während eine unvergessliche Stunde im Nu vergeht. Auch das Alter verändert die Skala: In jungen Jahren scheint sich die Zeit zu dehnen, mit zunehmendem Alter verkürzt sie sich.

Der Zeitpfeil: Entropie, Kaonen und Elektromagnetismus

Es lohnt sich, zwei Fragen zu trennen, die oft vermischt werden. Eines ist, ob die Zeit existiert; ein anderes, sehr unterschiedliches, ob die Gegenwart so existiert, wie wir sie uns vorstellen. Zur ersten Frage verteidigt die Debatte den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik: Die Entropie wächst stets, das Universum kommt aus einem geordneteren Zustand und geht in einen weniger geordneten über. Dieser Prozess ist nachweisbar und gibt Richtung. Hinzu kommen die Asymmetrie des Kaons und der elektromagnetische Fluss.

Zur zweiten Frage ist die Antwort der modernen Physik unbequem. Die Relativität warnt, dass es keine unabhängige Zeit gibt: Sie existiert nur in Bezug auf Position und relative Geschwindigkeit des Beobachters. Jeder Beobachter hätte streng genommen seine eigene Zeit. Das ist kontraintuitiv und schwer zu verdauen.

Die nicht existierende Gegenwart: Von Einstein zum Buddhismus

Daraus ergeben sich radikalere Lesarten. Manche behaupten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seien eine Illusion des Geistes und das „Jetzt“ eine Konstruktion des Beobachters. Die buddhistische Tradition, mehrfach zitiert, geht diesen Weg: Zeit als Illusion, wie alles andere. Einer der zitierten klassischen Texte hält fest: Die Zeit ist das bewegliche Bild der Ewigkeit, etwas, das nur „ist“ und nie „war“ oder „sein wird“.

Die Sache wird kompliziert, wenn Fiktion ins Spiel kommt. Eine wiederkehrende These stammt aus einem Science-Fiction-Grafikroman: 0 ist die Vergangenheit, 1 ist die Zukunft und die Gegenwart existiert nicht. Klingt wie ein Witz, deckt sich aber mit der Ereignisphysik: Der Augenblick hat keine Dauer.

Können wir etwas entscheiden, wenn alles vorherbestimmt ist?

Die nützlichste Unterscheidung ist die zwischen Vorherbestimmung und Determination. Wenn alles bereits existiert und geschehen ist, gibt es keinen Spielraum: reine Vorherbestimmung. Wenn es einen gegebenen Rahmen gibt, innerhalb dessen entschieden wird, ist das Gleichnis ein Fluss. Man kann schneller oder langsamer rudern, ans Ufer rücken, aber Strom und Bett wählt der Ruderer nicht. Die meisten Positionen im Gespräch landen in diesem Mittelfeld, obwohl kaum jemand auf seinen Teil des freien Willens verzichtet.

Warum schlafen wir und was passiert, wenn das Gehirn abschaltet

Auf einem rotierenden Planeten spezialisiert die natürliche Selektion tag- und nachtaktive Arten. Schlaf funktioniert wie eine Mini-Hibernation: Energieersparnis, wenn nichts zu jagen ist. Die genutzte Computer-Analogie ist der ausgeschaltete Rechner: Beim Abschalten schließt sich alles, beim Einschalten lädt er den Speicher und setzt die Steuerung fort. Das Gehirn, im Thread als komplexestes Objekt des Universums beschrieben, wäre der Extremfall. Der Gegenargument: Dass wir etwas nicht verstehen, macht es nicht übernatürlich; fossile und genetische Beweise erklären Prozesse, die kein Intellekt auf einmal erfasst.

Warum bleiben wir dieselben

Das statistische Gegenargument verdient einen Absatz. Es wird behauptet, es gebe keine Matrix, die das Bewusstsein bestimmt, sondern nur extrem geringe Wahrscheinlichkeiten für Veränderung. Damit das „Ich“ sich auflöst, müssten gleichzeitig Billionen Atome im Gehirn verändert werden. Statistisch fast unmöglich. Deshalb erkennt man sich jeden Morgen im Spiegel und nicht als Fremden.

Die verwirrende Tatsache: Ein flaches Universum

Und als Zugabe ein Detail, das die Erzählung bricht. Man arbeitet mit einem Modell eines gekrümmten Universums, weil es funktioniert in Berechnungen: Es erlaubt Aussagen über den Urknall, die Expansion der Galaxien und die Gravitation. Aber die neuesten Messungen setzen seine Krümmung auf null. Das heißt, das Universum wäre flach. Dies mit dem Rest des Bildes in Einklang zu bringen, steht noch aus.

Hier stockt die Analyse: Wenn die Gegenwart nichts dauert, die Zeit vom Beobachter abhängt und das Universum flach ist, ist unklar, was genau wir eigentlich zu messen versuchen.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (305 Antworten).

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