Warum Spanien Wohnungen nicht wie Gesundheit kostenlos anbieten kann

75 % der spanischen Familien besitzen ihre Wohnung, öffentlicher Wohnungsbau macht nur rund 2 % des Bestands aus. Diese sechs strukturellen Hürden erklären den Unterschied.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Wohnraum kann das Modell von Gesundheitswesen und Bildung nicht abbilden, weil er ein kapitalintensives Bestandsgut und keine Dienstleistung laufender Ausgaben ist, und weil seine Entkommerzialisierung auf das Vermögen der 75 % der spanischen Familien, die Eigentümer sind, auf die Hypothekenbilanzen der Banken und auf die europäischen Fiskalregeln stoßen würde. Die strukturelle Analyse ist solide; die revolutionäre Schlussfolgerung ist etwas anderes.

Die Frage ist berechtigt: Wenn Spanien es geschafft hat, Gesundheitswesen und Bildung als universelle und kostenlose öffentliche Dienstleistungen abzusichern, warum ist das beim Wohnungsbau nicht gelungen? Die Antwort liegt nicht in fehlendem politischem Willen oder einer angeblichen Verschwörung, sondern in einem Zusammenspiel struktureller, makroökonomischer, rechtlicher und sozio-politischer Faktoren, die Wohnraum zu einem radikal anderen Fall machen. Es lohnt sich, sie einzeln durchzugehen, denn jeder für sich wäre bereits ein ernsthaftes Hindernis.

## Ein Land von Eigentümern – mit Absicht so gebaut

Die Franco-Diktatur entschied sich ausdrücklich dafür, Arbeiter zu Hauseigentümern zu machen, um den sozialen Konflikt zu entschärfen. Die Losung war klar: ein Land von Eigentümern, nicht von Proletariern. Dieser institutionelle Entwurf überlebte den Übergang zur Demokratie und wirkt bis heute. Mehr als **70-75 %** der spanischen Familien besitzen ihre Wohnung, und dieser Anteil ist keine neutrale Zahl: Er prägt jede öffentliche Politik.

Wohnraum wird nicht nur als Gebrauchsgut wahrgenommen. Er ist das wichtigste Spar-, Erb- und vorgezogene Rentenvermögen der spanischen Mittelschicht. Jede Maßnahme, die den Marktwert des vorhandenen Bestands senkt, mindert unmittelbar das Nettovermögen der Mehrheit der Wählerschaft. Und diese Wählerschaft geht wählen. Verschwörungstheorien braucht man nicht: Es genügt zu sehen, wer Geld verliert, wenn Immobilien entkommodifiziert werden.

Das Ergebnis ist eine politische Falle, der man kaum entkommen kann. Regierungen, die den Mietmarkt regulieren oder den öffentlichen Wohnungsbestand erweitern wollten, stießen auf Widerstand – nicht nur von Großvermietern, sondern von Millionen kleiner Eigentümer, die in ihrer Wohnung das einzige Erbe sehen, das sie ihren Kindern hinterlassen.

## Immobilien stützen die Bilanzen der Banken

Spaniens Produktionsstruktur war zyklisch abhängig vom Immobiliensektor, vom Bau und von Hypothekarkrediten als Motoren von BIP und Beschäftigung. Die Bilanzen spanischer Banken sind weitgehend durch Hypothekenportfolios und Immobilienbesicherungen gedeckt. Eine geplante Entwertung von Grundstücken und Gebäuden würde die Solvenzquoten der Banken und den private Kredit destabilisieren.

Ein zweiter Akteur wird oft übersehen: der kleine und mittlere Rentner. Der Mietmarkt in Spanien liegt nicht nur in den Händen großer Fonds oder börsennotierter REITs (socimis). Ein beträchtlicher Anteil entfällt auf private Eigentümer, die mit der Miete aus ein, zwei Wohnungen stagnierende Löhne oder Renten aufbessern. Dieser sozio-logische Block hat ein erhebliches politisches Widerstandspotenzial gegen jede Entkommerzialisierung.

Einen Investmentfonds zu regulieren ist nicht dasselbe wie eine Witwe zu regulieren, die mit 600 Euro Miete über die Runden kommen muss. Jede Regierung, die diesen Unterschied ignoriert, scheitert.

## Gesundheit und Bildung sind Ströme; Wohnraum ist Bestand

Hier liegt der eigentliche wirtschaftliche Unterschied, der erklärt, warum sich das Modell nicht wiederholt, selbst wenn es politischen Willen gäbe. Gesundheit und Bildung sind Dienstleistungen mit intensiven laufenden Ausgaben: Gehälter von Ärzten und Lehrern, wiederkehrender Betriebsunterhalt. Sie werden aus dem Jahreshaushalt finanziert und erbracht, ohne dass jedes Jahr etwas Neues gebaut werden muss.

Wohnraum dagegen ist ein kapitalintensives Gut mit festem Bestand. Der Bau oder die Enteignung eines universellen öffentlichen Bestands, der die Nachfrage decken könnte, würde Hunderte Milliarden Euro erfordern, bevor die erste Leistung erbracht wird. Diese anfängliche Investitionshürde lässt sich nicht umgehen.

Dazu kommt die räumliche Starrheit. Wohnraum lässt sich nicht im Vakuum bereitstellen: Es braucht baureifes Land mit Infrastruktur in Regionen mit dynamischem Arbeitsmarkt. Städtischer Boden in angespannten Gebieten ist eine endliche, positionale Ressource, unterworfen differentiellen Renten und natürlicher Knappheit. Das Gesundheitswesen hat dieses Problem nicht: Ein Krankenhaus in Soria und eines in Madrid kosten ähnlich viel und konkurrieren nicht um eine erschöpfbare Ressource. Boden schon.

## Europäische Fiskalregeln und Artikel 47

Der Rahmen des Maastrichter Vertrags und die europäischen Fiskalregeln setzen strenge Grenzen beim Defizit, bei **3 % des BIP**, und bei der Staatsverschuldung, bei **60 % des BIP**. Die Finanzierung des Erwerbs oder Baus eines öffentlichen Bestands, der vom heutigen **~2 %** aller Wohnungen auf die 20-30 % der Niederlande oder Österreichs steigen würde, erforderte eine Verschuldung, die mit diesen Obergrenzen und der Kontrolle durch die Europäische Kommission unvereinbar ist.

Die EU-Richtlinien priorisieren den freien Kapitalverkehr und den Wettbewerb in offenen Märkten. Massive staatliche Eingriffe in die Preisbildung oder öffentliche Monopole der Bereitstellung kollidieren häufig mit dem EU-Recht zu Beihilfen oder zur Verzerrung des Binnenmarkts.

Spaniens Rechtsarchitektur fügt eine weitere Bremse hinzu. Die Verfassung von 1978 verankert Bildung als unmittelbar anwendbares Grundrecht in Artikel 27 und Gesundheit als Leitprinzip mit eigenem Rahmengesetz in Artikel 43. Wohnraum steht in Artikel 47, ebenfalls als Leitprinzip und nicht als unmittelbar einklagbares subjektives Recht. Dieser Unterschied ist nicht rhetorisch: Er bestimmt, was einklagbar ist und was nicht.

Die ausschließlichen Zuständigkeiten für Städtebau und Raumordnung liegen bei den autonomen Gemeinschaften, während Bodenbewirtschaftung und Baugenehmigungen den Gemeinden obliegen. Jede staatliche Strategie erfordert einen intergouvernementalen Konsens, der auf einer zersplitterten politischen Landkarte praktisch unmöglich ist. Staatliche Wohnungsgesetze stoßen wiederholt auf Verfassungsbeschwerden wegen Eingriffs in die Kompetenzen der Regionen.

## Immobilien als globaler sicherer Hafen

Spanien agiert im globalen Kapitalkreislauf als Empfängerökonomie für Dienstleistungs-, Tourismus- und Immobilieninvestitionen. Der Boom der Feriendienstwohnungen, Käufe durch Nichtansässige und das Eintreten institutioneller Fonds haben die spanische Immobilie zu einem globalisierten Finanzinstrument und Schutz gegen Inflation gemacht.

Die Entkommerzialisierung oder radikale Beschränkung dieses Sektors würde Kapitalflucht ausländischer Investoren sowie diplomatische und handelspolitische Spannungen auf den internationalen Finanzmärkten auslösen. Das ist keine Hypothese: Genau das geschah jedes Mal, wenn ein Land versuchte, seinen Immobilienmarkt für ausländische Investitionen zu schließen.

Die Schlussfolgerung der Analyse lautet: Gesundheit und Bildung konnten im 20. Jahrhundert als Instrumente der Reproduktion der Arbeitskraft abgesichert werden, die sowohl dem Kapital als auch den Arbeitern nützten. Wohnraum dagegen ist im zeitgenössischen Kapitalismus vollständig als die Infrastruktur selbst der finanziellen Spekulation und der Extraktion von Vermögenseinkommen integriert worden.

Von dort bis zur Schlussfolgerung, dass eine Revolution nötig sei, ist es ein Sprung, den die Analyse allein nicht rechtfertigt. Die beschriebenen Faktoren erklären, warum sich das Modell nicht wiederholt – nicht, dass es keinen Spielraum für Eingriffe gäbe. Es gibt Zwischenlösungen – öffentlicher Mietwohnungsbau, Regulierung von Kurzzeitvermietungen, öffentlicher Boden –, die innerhalb dieser Grenzen agieren, ohne sie zu sprengen. Ob sie ausreichen, um das Problem zu lösen, ist eine andere Frage. Dieser Artikel beschreibt eine offene ökonomische und politische Debatte; jede Entscheidung über Wohnraum betrifft Vermögen, Schulden und Verträge, daher ist es ratsam, sich vor persönlichen Positionen beraten zu lassen.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (3 Antworten).

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