Das Protokoll befahl ihnen zu bleiben: Vier Tote in Valencia
Was tut ein Bewohner im achten Stock eines brennenden Gebäudes, wenn die Feuerwehr ihn zurück in seine Wohnung schickt? Er gehorcht. Das ist vernünftig, und genau das taten Marta und Ramón, ein Ehepaar mit zwei Kindern – eines acht Tage alt, das andere zwei Jahre –, die bereits ins Treppenhaus unterwegs waren, wo eine Freundin auf sie wartete. Die Feuerwehrleute wiesen sie an, drinnen zu bleiben, feuchte Lappen unter die Tür zu legen und dass keine Gefahr bestehe. Kurz darauf durchzog das Feuer das gesamte Gebäude in nur zwanzig Minuten. Alle vier starben eingeschlossen im Badezimmer. „Du weißt, dass wir hier sind, weil man uns nicht rausgelassen hat“, war ihre letzte Nachricht am Telefon.
Der Vorfall ereignete sich in einem Nebenturm eines Gebäudes in Valencia. Sie lebten im achten Stock.
Die Gehorsamen und jene, die ihrem Instinkt folgten
Der Bericht dieser Freundin, die die ersten Feuerwehrleute nachdrücklich aufforderte, zu ihnen hinaufzukommen, steht im Widerspruch zu den Aussagen anderer Überlebender, die genau das Gegenteil taten. Eine Mutter und ihr Sohn verließen das Gebäude eigenständig und leben noch. Ein Nachbar ging die Treppe hinunter und telefonierte mit seiner Freundin, als man ihn wegen der Rauchinhalationsgefahr zurückschickte; er ignorierte die Anweisung. Er lebt, um davon zu berichten.
Die erhaltene Anweisung – sich einschließen, die Tür abdichten, warten – ist die Standardempfehlung bei den meisten Bränden und funktioniert oft. Hier funktionierte sie nicht. Das ist das ganze Problem: Der korrekte Rat im Durchschnittsfall erwies sich in diesem konkreten Fall als tödlich, da niemand damit gerechnet hatte, dass die Fassade wie eine Zündschnur wirken würde.
Kann man Verantwortung von denen fordern, die nur das Protokoll anwenden?
Das Ermittlungsgericht Nr. 10 in Valencia hat die Geheimhaltung des Verfahrens angeordnet und muss klären, ob die Entscheidung, die Türme nicht sofort zu evakuieren, vier Leben kostete. Vom Rathaus gab es Stille und keine Selbstkritik, gedeckt durch diese gerichtliche Versiegelung.
Die juristische Frage ist unbequem. Hier wird nicht die Absicht jemandes bestritten, sondern ob die mechanische Anwendung eines allgemeinen Verfahrens ausreicht, wenn das Szenario vollständig vom Erwarteten abweicht. Dem entgegen steht das Argument, das nicht schwach ist: Dutzende Bewohner in eine rauchgefüllte Treppe zu schicken tötet mehr Menschen, als sie in ihren Wohnungen zu belassen, und die Prognose kann nur anhand der verfügbaren Informationen beurteilt werden, nicht anhand jener, die später bekannt werden.
Der Hausmeister, der halbe Gebäude evakuierte, und das Handbuch, das dies nicht vorsieht
Im Gebäude, in dem das Feuer ausbrach, funktionierte die Evakuierung aus einem wenig protokollgemäßen Grund: Ein Hausmeister lief durch große Teile des Gebäudes und warnte die Nachbarn. Manche behaupten, dort habe es keine Todesopfer gegeben und die Mehrheit sei eigenständig oder durch ihn gewarnt entkommen. Andere Zeugen berichten, dass draußen Feuerwehrleute den Bewohnern sagten, sie könnten zurückkehren, wenn kein Feuer in ihrer Wohnung sei.
Dieser Unterschied – Hausmeister oben versus zurückgeschickte Nachbarn – hat einen Brand in eine Debatte darüber verwandelt, wer entscheidet und auf welcher Informationsbasis. Wenn es ein Zeitfenster zum Verlassen gab und die Ausbreitungsgeschwindigkeit bekannt war, verliert das Kriterium der Einschließung einen Teil seiner Rechtfertigung.
Eine Polyurethan-Fassade, die das Handbuch wertlos macht
Der andere Hauptakteur ist das Material. Das Feuer stieg innerhalb weniger Minuten über die Gebäudehülle empor, ein Verhalten, das die Handbücher für Einschließung nicht vorsehen, da sie davon ausgehen, dass die Wohnung der Zufluchtsort ist und der Brand ein lokales Problem. Das war nicht der Fall. Die Parallelen zum Brand des Grenfell Tower in London tauchen immer wieder in jeder Diskussion über diesen Vorfall auf: brennbare Fassaden, vertikale Ausbreitung und Empfehlungen, die für eine andere Art von Feuer gedacht sind.
Dass der Vater der verstorbenen Familie Bauingenieur war und diese Wohnung ausgewählt hatte, fügt der Geschichte ein bitteres Detail hinzu. Niemand, nicht einmal jemand, der sich mit Strukturen auskennt, erwartet, dass die Hülle seines Gebäudes abbrennt.
Das Protokoll als Dogma: Von der Notaufnahme bis zur Bank
Der Fall dient dazu, etwas Größeres zu diskutieren. Es wird argumentiert, dass die Kultur des Protokolls sich auf die Medizin, die Notfallversorgung oder das Bankwesen ausgeweitet hat, und dass in all diesen Bereichen das allgemeine Verfahren schwerer wiegt als der konkrete Fall vor Augen. Der Algorithmus unterscheidet nicht zwischen einem Patienten und einer Statistik.
Das ist der Kern der Empörung: Nicht die Existenz von Normen, sondern deren Abschirmung. Ein Protokoll dient dazu, nicht improvisieren zu müssen; es zum Dogma zu machen dient vor allem dazu, nicht haften zu müssen.
Am Ende bleibt ein dekorierter Feuerwehrmann, ein makelloses Handbuch und vier Tote in einem Badezimmer. Wenn das Verfahren korrekt war, muss jemand erklären, warum das Ergebnis dasselbe war wie ohne jedes Verfahren. Und wenn es nicht korrekt war, hat das Gericht die Antwort unter Verschluss.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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