Hundert Quadratkilometer in Wochen: eine unbequeme Bilanz
Karten sind zum größten Feind der Erzählung geworden. Die Farbflächen, die das von der ukrainischen Gegenoffensive zurückeroberte Gelände markieren, sind so schmal, dass sie kaum von den vorherigen Linien zu unterscheiden sind. Diese Evidenz hat sogar Analysen durchdrungen, die bis vor Kurzem Optimismus verkauften. Das im Thread diskutierte Fazit ist eindeutig: wenig mehr als 100 Quadratkilometer in mehreren Wochen, ein Ergebnis, das ohne Nuancen als Misserfolg bezeichnet wird. Mit diesen Zahlen auf dem Tisch dreht sich die Diskussion nicht mehr darum, ob die Offensive funktioniert, sondern um die unbequemere Frage: Warum wurde sie gestartet?
Wie viel Territorium hat die ukrainische Gegenoffensive zurückerobert?
Weniger als jedes vernünftige Szenario, das während monatelanger Vorbereitung entworfen wurde. Ein Teilnehmer behauptet, die ukrainischen Streitkräfte hätten zehnmal höhere Verluste als die russischen erlitten, und verortet diese Kämpfe in der sogenannten Sicherheitszone: dem mittleren Gürtel, in dem der Angreifer exponiert ist, bevor er die erste feindliche Verteidigungslinie erreicht hat. Der Verschleiß findet also am schlechtesten möglichen Ort für den Angreifer und am besten für den Verteidiger statt.
Auch die täglichen Karten der Kiev-freundlichsten Quellen helfen nicht weiter. Die Markierungen für Fortschritte sind kaum sichtbar, und der Vergleich mit anderen westlichen Beobachtungsstellen verbessert den Eindruck nicht. Manche ziehen Schlachten des Spanischen Bürgerkriegs heran, um das Ausmaß der Verluste zu dimensionieren. Dies ist kein Vergleich, der aus Gefälligkeit angestellt wird.
Die einzige Zahl, die steigt, sind die Verluste. Ein Teilnehmer berechnet 7.500 ukrainische Verluste in vier Tagen. Auf ein Quartal hochgerechnet springt die Berechnung auf 250.000 Mann. Wer diese Zahl nennt, räumt einen berechtigten Zweifel ein: Dass die Ukraine möglicherweise nicht mehr über diese Opferbereitschaft verfügt. Niemand hat diese Frage beantwortet.
Leopard und Bradley: Die Kosten westlicher Panzer
Die Leopard-Panzer und Bradley-Fahrzeuge kamen mit einem Label, das nun schwer wiegt: Sie sollten das Teil sein, das die russischen Linien durchbricht. Das gebliebene Bild ist das Gegenteil: außer Gefecht gesetzte westliche Panzer auf offenem Terrain, ohne das Ziel erreicht zu haben. Die NATO-Maschinerie im Schlamm, spöttisch zusammengefasst.
Das Paradoxon besteht darin, dass dieses Material als entscheidend präsentiert wurde und sein Verlust jene nährt, die behaupten, Waffenlieferungen hätten den Konflikt verlängert, ohne sein Ergebnis zu verändern.
Warum wurde ohne massive Artillerie oder Luftunterstützung angegriffen?
Die militärische Antwort ist fast schon Lehrbuchmäßig: Eine Offensive ohne massive Artillerievorbereitung und ohne Luftdeckung ist zum Scheitern verurteilt. Bemerkenswert ist, dass die Diagnose so eindringlich gestellt wird. Wenn es so offensichtlich war, dann folgte die Angriffsentscheidung einer Logik jenseits des Schlachtfelds.
Politische Erklärungen gewinnen an Gewicht. Es waren Ergebnisse nötig, bevor der US-Wahlkalender das Finanzierungsfenster schloss: Nächstes Jahr sind Wahlen, und das Paket aus Waffen, Geld und logistischer Unterstützung wird nicht mehr nur eine Formalität. Zirkuliert auch eine zynischere Lesart, wonach die Verlängerung des Konflikts denen nützt, die das Material verkaufen, und einer europäischen Industrie schadet, die im Nachteil konkurriert. Und eine dritte, die immer wieder auftaucht, wenn die Front feststeckt: Das Ziel war nie die Wiederherstellung der Grenzen, sondern das Brechen des Schachbretts und die endgültige Trennung des Westens von Russland.
Die Front, die sich in die entgegengesetzte Richtung bewegte
Während die ukrainische Offensive stecken blieb, kam die Bewegung von der anderen Seite. Russische Truppen starteten eine Offensive an der Luhansk-Front: Vorrücken von der Richtung Kreminna nach Lyman und von Swatowe nach Kupyansk, laut der im Thread gesammelten Verfolgung. Die Überraschung war enorm, da man davon ausging, dass die russischen Reserven im Süden gebunden seien. 'Wenige erwarteten dies', gab ein deutscher Militärbeobachter zu, der die Front verfolgt, mit dem Detail, dass Russland vorrückt, anstatt sich nur auf Widerstand zu beschränken.
Die Verteidigung wird, laut dem zugeschriebenen Profil, von einem General geleitet, der zuvor Rektor der russischen Generalstabsakademie war und Spezialist für Kursk und die Balaton-Höhen. Im Feld kursiert eine oft wiederholte These: Den Angreifer in die Sicherheitszone lassen, scheinbare Rückzüge vollziehen, ihn selbstsicher werden lassen und ihn dann mit Artillerie bestrafen, während man seinen Rücken vermint. Ohne bestätigende Beweise passt dies zu dem, was die Karten zeigen.
Das sich verschiebende Ziel: Von Grenzen zu einem jahrzehntelangen Krieg
Parallel zum materiellen Verschleiß hat sich ein anderer Marker bewegt: der der erklärten Ziele. Vom Diskurs der vollständigen Territorienrückeroberung ist man zu einer elastischeren Formulierung übergegangen, den Kampf unabhängig von den Kosten fortzusetzen, und von dort zur These, dass das Kommende keine finale russische Offensive ist, sondern ein Krieg, der Jahrzehnte dauern wird.
Diese Verschiebung hat praktische Konsequenzen. Wenn der Horizont Jahre und nicht Monate umfasst, verliert die Frage nach dem Erfolg dieser konkreten Gegenoffensive für manche an Gewicht und wird für andere zentral: Ohne sichtbares Ergebnis wird die Aufrechterhaltung des Finanzierungsflusses zu einem politischen Problem erster Ordnung.
Erzählung gegen Daten
Der Kampf der Zahlen ist so heftig wie der in den Schützengräben. Es wurde behauptet, dass sich noch rund eine Million russischer Soldaten im Einsatz befinden und auf den Befehl zum Angriff warten; am anderen Ende wird das russische Kontingent an der Front auf wenig mehr als 200.000 Mann reduziert und Russland werden 300.000 Verluste zugeschrieben. Niemand hat die Zählung vorgelegt, die eine der beiden Versionen stützt.
Und dazwischen gibt es eine Strömung, die behauptet, der Konflikt werde auf drei Brettern gespielt — dem militärischen, dem wirtschaftlichen und dem propagandistischen — und dass auf dem dritten Brett der Vorteil bei dem liegt, der die tägliche Erzählung kontrolliert. Es ist kein Zufall, dass die Botschaften, die am besten altern, jene waren, die davor gewarnt haben, dass dies lange dauern würde.
Mit einer Gegenoffensive, die laut einer Version des Threads bereits ihren vierten Monat absolviert, einem ukrainischen Verteidigungsminister, der offiziell zurücktritt — und dessen Rücktritt in den Kommentaren als politische Bezahlung für den Misserfolg gelesen wird — und einer Front, die sich kaum bewegt, ist die verwirrende Tatsache immer dieselbe: Das zurückeroberte Territorium erscheint nicht auf den Karten, aber die Verlustlisten sehr wohl.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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