Die Ukraine hatte ihre Grenzen bereits 1954, vor der Unabhängigkeit
Eine virale Karte verspricht, den Krieg in der Ukraine in zehn Sekunden zu erklären: Der orange Bereich wäre das „echte“ Ukraine, der Rest ein Mosaik aus geschenkten Territorien. Die Grafik ist nicht völlig falsch. Sie ignoriert jedoch das einzige Datum, das ihre These widerlegt: 1991. In diesem Jahr stimmte die Ukraine in einem mit Russland vereinbarten Referendum über ihre Unabhängigkeit ab, ohne Verdacht auf Betrug. Das Ergebnis wurde von der UNO und dem Kreml selbst anerkannt, der zu den ersten drei Staaten gehörte, die dies taten.
Die Karte wirft eine alte Frage neu auf, die oft schlecht beantwortet wird: Wann war die Ukraine ein unabhängiger Staat und welches Gebiet umfasste sie? Nie, sagen die Befürworter der Grafik: Ihre Unabhängigkeit wäre ein Zufall des Zerfalls der Sowjetunion gewesen. Der Gegenangriff kommt mit einem konkreten Datum, 1954, das die Kontroverse ins Zentrum stellt.
Was passierte 1954 mit dem ukrainischen Territorium?
In diesem Jahr besetzte die Ukraine bereits das Gebiet, das sie heute innehat, argumentieren jene, die die Grafik entkräften. Das am häufigsten zitierte Ereignis zur Delegitimierung der heutigen Grenzen – die Übergabe der Krim an die sowjetische Ukraine – stammt genau aus dieser Zeit. Die Paradoxie besteht darin, dass sich die Außengrenze danach kaum veränderte.
Der Vergleich, der kursiert, zieht denselben Faden: Marokko ist seit 1956 unabhängig und hat sein heutiges Territorium seit 1975, einundzwanzig Jahre nachdem die Ukraine seines erhalten hatte. Niemand schlägt vor, Marokko deshalb aufzuteilen. Wenn das Argument des jungen Territoriums in jede andere Richtung angewendet wird, bricht es zusammen.
Es fehlt eine Nuance, die die Karte nicht zulässt: Dass die Ukraine ein Staat innerhalb der UdSSR war, bedeutet nicht, dass sie ein souveränes Land war. Dies ist die Schwachstelle, die die Verteidiger der Grafik ausnutzen. Und hier ist das Gegenargument nicht historisch, sondern juristisch. 1991 wurde nicht nur die Ukraine unabhängig: Alle Sowjetrepubliken lösten sich gleichzeitig heraus, nicht nur eine. Die Frage, ob Moskau heute jeden Teil der alten Karte beanspruchen kann, hat keine rechtliche, nur eine politische Antwort.
Sprache als Schlachtfeld
Wenn es eine Front gibt, auf der der Konflikt aufhört, eine Karte zu sein und zum Alltag wird, dann ist es die Sprache. 2012 wurde ein Gesetz über ko-offizielle Sprachen verabschiedet, das die Amtssprachenstatus für Minderheiten mit mehr als 10 % Sprechern anerkannte: Russisch, Ungarisch, Moldauisch. Je nach Quelle betrifft der Text zwischen 40 % und 60 % der Ukrainer.
Der Schlag kam später. 2018 erklärte das ukrainische Verfassungsgericht jenes Gesetz für verfassungswidrig. Der Versuch, es zu kippen, hatte bereits im Februar 2014 stattgefunden, unmittelbar nach dem Sturz der Regierung Janukowytsch. Ein direkter Zeuge der früheren Ära fügt Farbe hinzu: Zwischen 2010 und 2013 waren Speisekarten und Schilder in Kiew überwiegend auf Russisch, und seiner Schätzung nach sprach die Mehrheit im Osten des Landes nur diese Sprache.
Dieses Terrain wird als eine Katalanisierung der Ukraine im Osten beschrieben. Die politische Übersetzung ist einfach: Jede Sprachnorm wird als Erklärung darüber gelesen, wem das Land gehört.
Söldner, NATO und das Narrativ der Einmischung
Der andere große Block der Angelegenheit ist, wer die Körper stellt. Manche behaupten, dass Tausende ausländischer Kämpfer unter dem Label Söldner operieren: 5.000 anerkannte Polen, bis zu 7.000 nach der höchsten Schätzung, und eine globale Schätzung von 50.000 Kräften aus NATO-Ländern. Es sind Zahlen, die ohne unabhängige Überprüfung kursieren und von jeder Seite zu ihren Gunsten genutzt werden.
Das Grundargument wiederholt sich auf beiden Seiten: Ausbilder und Waffen der NATO trainieren und rüsten die Ukraine aus, aber offizielle Uniformen überschreiten die Grenze nicht, um den Konflikt nicht in eine direkte Konfrontation zwischen Atommächten zu verwandeln. Das Gleichgewicht ist so instabil wie es klingt.
Parallel dazu kursiert die These vom Stellvertreterkrieg: Ohne externe Unterstützung wäre der Krieg nie ausgebrochen, und die Todesopfer beider Seiten nützen denen, die sie finanzieren. Diese Lesart hat eine jahrzehntelange Geschichte – Afghanistan, Irak, Syrien, Panama, Nicaragua, Grenada, Vietnam, Kuba, Philippinen, Jugoslawien – und dient sowohl zur Erklärung der Ukraine als auch zur Rechtfertigung jeglicher Invasion. Hier stößt die Analyse an ihre Grenzen.
Völkerrecht, dieser Herr, der nur erscheint, wenn es passt
Aus juristischer Sicht ist der Fall klar: Russland, Unterzeichner von Verträgen und Anerkennung der Ukraine 1991, greift einen souveränen Staat an. Das Problem ist, dass dieselbe Logik je nach Land unterschiedlich angewendet wird. Auch die subsaharischen Grenzen, die aus kolonialen Parzellen hervorgingen, sind auf dem Papier unbestreitbar und haben endlose Katastrophen verursacht. Und es gibt UN-Resolutionen, die jahrzehntelang ohne Sanktion missachtet wurden.
Hier stirbt der Konsens. Einige sehen in der Ukraine den Beweis, dass Völkerrecht nicht existiert, wenn es unbequem ist. Andere sehen den Beweis, dass es genug existiert, damit eine Aggression Kosten hat.
Mit der Karte in der Hand kann jeder jede Grenze jedes Jahrhunderts rechtfertigen. Das unbequeme Detail ist, dass das einzige Referendum, bei dem die Menschen wirklich abstimmten, ohne Betrug und mit dem Segen Moskaus, das von 1991 war.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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