Ukraine ermittelt wegen Schüssen auf russische Kriegsgefangene

Kiew leitet eine Untersuchung ein, nachdem ein Video Soldaten zeigt, die auf Beine russischer Gefangener schießen. Die Vorwürfe werden ernst genommen.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Ukraine ermittelt wegen Schüssen auf russische Kriegsgefangene
Ukraine leitet Ermittlungen nach Video über erschossene Gefangene ein

Das Video dokumentiert ein Kriegsverbrechen, und in Kiew ist man sich dessen bewusst. Die ukrainische Regierung hat angekündigt, die Aufnahmen zu untersuchen, auf denen ukrainische Soldaten russische Kriegsgefangene verhören und ihnen in die Beine schießen. Man nehme die Anschuldigungen „sehr ernst“, wie internationale Medien wie The Guardian berichten. Zwischen dieser Ankündigung und einer Verurteilung liegt jedoch noch ein weiter Weg, den bisher niemand zurückgelegt hat. Die Einleitung der Ermittlungen ist Fakt; alles andere ist vorerst nur ein Versprechen.

Was ist im Video mit den russischen Gefangenen zu sehen?

Die Sequenz beginnt als Verhör und endet als Hinrichtungskommando. Ein Kameramann nimmt den Gefangenen nacheinander die Kapuzen ab, fragt nach ihrer Herkunft und erkundigt sich nach dem Standort einer angeblichen Aufklärungseinheit. Bei halben Antworten und einem Bewusstlosen bricht das Gespräch ab. Einer der Männer gibt an, aserbaidschanischer Staatsangehöriger zu sein, und rechtfertigt seine Anwesenheit knapp mit „es waren Befehle“. Ein anderer ordnet seine Einheit am 6. März mit 50 Personen beim Eindringen in die Zone ein.

Im Hintergrund sind Stimmen zu hören, die vollständige Namen, Geburtsorte und Adressen notieren und sich beschweren, dass es so viele Gefangene gebe, für die kein Platz mehr sei. Es wird über Charkiw geschrien, und ein Soldat tritt näher, salutiert und schießt auf die Beine. Dann folgen zwei weitere Detonationen. Die Kamera entfernt sich nicht, sondern filmt weiter. Dieses Detail – wer filmt und wer verbreitet – macht den Vorfall zum Beweis und nicht zum Gerücht.

Die von Kiew angekündigten Ermittlungen

Die ukrainische Exekutive hat bestätigt, dass sie die Bilder prüft und diese „sehr ernst“ nimmt. Dies ist die Standardantwort jeder Regierung im Krieg, wenn ihr unbequeme Videos vorgelegt werden: den Fall anerkennen, Ermittlungen ankündigen und keine voreiligen Schlüsse ziehen. Was die Sache wirklich verändert, ist nicht die Ankündigung, sondern ob daraus ein Verfahren mit konkreten Beschuldigten hervorgeht.

In sozialen Netzwerken kursieren Identifizierungen der mutmaßlichen Täter basierend auf der Rückverfolgung ihrer Mobiltelefone. Diese Daten sind unabhängig nicht verifiziert, genau wie das zugrunde liegende Video selbst. In einem Konflikt, in dem jede Seite ihre Version veröffentlicht, bemisst sich der Abstand zwischen einem Hinweis und einer Verurteilung oft in Monaten – oder gar nicht.

Die immer wiederkehrende Rechtfertigung: „Sie haben zuerst bombardiert“

Kein Krieg bleibt ohne seinen Chor der Rechtfertigungen. Ein Teil der Analyse behauptet, die Gefangenen im Video hätten an der Zerstörung von Charkiw teilgenommen und daher „ihre gerechte Strafe“ erhalten. Diese Argumentation vermischt zwei Dinge: die individuelle Schuld, die bewiesen werden muss, und die Zugehörigkeit zu einer Armee, die per se nichts beweist.

Dagegen argumentiert eine andere Strömung, dass Kriegsverbrechen keine Ausnahmen je nach Seite zulassen. „Wenn ein Soldat sich seinen Artgenossen ergibt, erwartet er mindestens einen militärischen Umgangston“, fasst eine Position zusammen. Die Genfer Konvention unterscheidet bei der Behandlung von Gefangenen nicht zwischen Invasoren und Verteidigern. Genau dies steht hier auf dem Prüfstand.

Der doppelte Maßstab, den beide Seiten einander vorwerfen

Der Vorfall wird nicht isoliert betrachtet, sondern im Rahmen eines Wettbewerbs der Gräueltaten, bei dem jedes Lager das Grauen nach der Nationalität des Täters sortiert. Einige erinnern an das Theater und das Krankenhaus von Mariupol; andere kontern mit der NATO-Kampagne gegen Jugoslawien, die 78 Tage dauerte, mindestens 1.200 Tote forderte und 9.160 Tonnen Bomben abwarf, darunter mehrere Dutzend mit abgereichertem Uran.

Auf der anderen Seite stehen symmetrische Vorwürfe: Russische Gefangene seien gezwungen worden, das Land der Gefangennahme hochleben zu lassen und Hymnen zu singen, so Berichte, die ebenfalls keiner unabhängigen Prüfung unterliegen. Die Asymmetrie der Quellen – ein Video mit Bildern versus eine Beschreibung ohne sie – ist ein weiteres Problem solcher Konkurrenzkämpfe.

Was auf dem Spiel steht: Die Genfer Konvention

Auf einen unbewaffneten Gefangenen zu schießen, sei es zur Informationsgewinnung oder als Bestrafung, ist eine eklatante Verletzung des Kriegsrechts. Die Norm ist alt und einfach: Der Gefangene wird geschützt, nicht bestraft. Das Video belastet zudem die Seite, die es filmte und verbreitete, da es einen Übergriff zur Propaganda macht und das Bild einer disziplinierten Armee beschädigt.

Bisher wurde niemand verurteilt. Die ukrainische Staatsanwaltschaft erklärt, sie ermittle; die Verantwortlichen sind offiziell nicht identifiziert. Die einzige Gewissheit ist, dass das Video existiert, verbreitet wird und eine Szene zeigt, die keine Regel des Kampfes erlaubt.

Alles deutet darauf hin, dass die Ermittlungen in einem Aktenzeichen enden werden und, mit Glück, dieses Aktenzeichen in einer Verurteilung. Mit Glück. Denn solange die Front sich bewegt, zirkulieren Videos schneller als Gerichtsurteile, und der nächste Fall wirft erneut die unbequeme Frage auf: Wer haftet, wenn das Verbrechen von dem begangen wird, der vorgibt, dich zu verteidigen?

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (222 Antworten).

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