Thomas von Aquin: Islamkritik im Mittelalter

Kapitel 6 der Summa contra gentiles wirft Mohammed vor, den Glauben an fleischliche Begierden anzupassen.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Thomas von Aquin beschuldigte Mohammed, den Glauben an fleischliche Begierden anzupassen

Thomas von Aquin schrieb in Kapitel 6 des ersten Buches der Summa contra gentiles, dass Mohammed das Volk mit Versprechen von Vergnügen verführt und seine Predigt daran angepasst habe. Diese im 13. Jahrhundert formulierte Anklage wird oft als christlich-theologische Autorität gegen den Sarracin angeführt. Das unangenehme Detail ist jedoch, dass der Originaltext deutlich mehr – und auch weniger – aussagt, als ihm häufig zugeschrieben wird.

Was genau steht in Kapitel 6 der Summa contra gentiles?

Die Passage, zitiert als Buch I, Kapitel 6, Artikel 4, reiht mehrere Vorwürfe aneinander. Der erste lautet, dass Mohammed **Versprechen fleischlicher Genüsse** gab, die laut dem Theologen zur Begierde verleiten. Der zweite besagt, dass seine Lehre Gebote enthielt, die diesen Versprechen entsprachen und dem Genuss freien Lauf ließen. Daraus folgt seine Schlussfolgerung: Er wurde von fleischlichen Menschen befolgt.

Der zweite Teil des Arguments betrifft die Methode. Aquin behauptet, Mohammed habe nur Beweise vorgelegt, die für jeden mit natürlicher Klugheit und bescheidener Weisheit erfassbar waren, und dass frühere Propheten ihm kein Zeugnis geben. Er fügt hinzu, dass Mohammed fast alle Zeugnisse des Alten und Neuen Testaments verdrehte und zu eigenen Fälschungen machte, weshalb er seinen Anhängern das Lesen dieser Schriften verbot, damit sie ihn nicht widerlegten. Der abschließende Satz, der am meisten kursiert, lautet: Wer seinen Worten Glauben schenkt, glaubt töricht.

Christliches Kanon und Übersetzungen: Die Gegenreaktion

Die Diskussion dreht schnell. Eine Antwortlinie besagt, dass auch das Neue Testament ein zusammengesetzter Text sei, festgelegt auf dem **Konzil von Nicäa**, nachdem andere Evangelien verworfen wurden, die weniger günstig für die gewünschte Glaubenslehre waren, und dass weder Matthäus, Markus, Lukas noch Johannes an seiner Abfassung beteiligt waren. Es ist derselbe Verdacht, nur in die Gegenrichtung geworfen.

Ein anderer Ansatz weist auf ein profaneres Problem hin: die Zugänglichkeit der Quellen. Man erinnert daran, dass Messen auf Latein abgehalten wurden und das Alte Testament erst nach **1900** wirklich zugänglich in spanischer Sprache verfügbar war, ein Datum, das der Urheber selbst mit Zweifel vorbringt. Mit dem Koran verhält es sich umgekehrt ähnlich: Unterschiedliche Übersetzungstools liefern nicht übereinstimmende Versionen, und wer dies überprüft, gibt zu, ohne Arabischkenntnisse auf Dritte angewiesen zu sein. Die praktische Konsequenz ist unbequem: Wer die Originalsprache nicht liest, diskutiert über Übersetzungen, nicht über den Text.

Ramon Llull, der Baleare, der in Tunesien predigte

Am Rande der Debatte taucht eine Figur auf, die oft übersehen wird. **Ramon Llull**, geboren 1230 auf den Balearen, widmete einen großen Teil seines Lebens der Predigt des Christentums unter Muslimen und dem Schreiben gegen das, was er als religiöse Versprechen sah, die zu sinnlichen Lockmitteln geworden waren; er starb in Tunesien durch Steinigung beim Predigen dort. Die Anekdote dient mehr als nur zur Ausschmückung: Sie verortet die Kontroverse im 13. Jahrhundert, nicht in einer erfundenen Gegenwart.

Vom 13. Jahrhundert zur Geopolitik: Was in die Diskussion eindringt

Der Sprung in die Gegenwart ist unvermeidlich und auch dort, wo die Argumentation brüchig wird. Ein Teil des Austauschs verbindet dschihadistische Gewalt mit westlicher Unterstützung, konkret mit der **NATO**, eine These, die ohne Beweisführung aufgestellt wird und als solche behandelt werden sollte: eine Behauptung ohne dokumentarische Grundlage. In dieselbe Richtung geht die Aussage, dass rund **90% der Opfer von Organisationen wie ISIS und Al-Qaida Muslime sind**; diese Zahl würde, falls bestätigt, die Lesart eines reinen Kampfes der Zivilisationen entkräften.

Es lohnt sich, zwei Dinge zu trennen, die die Diskussion je nach Bedarf vermischt. Das eine ist, was ein Theologe des 13. Jahrhunderts über einen Prediger des 7. Jahrhunderts sagte. Das andere ist, was heute mit diesem Material gemacht wird. Das Erste ist Ideengeschichte. Das Zweite ist Politik, und hier funktioniert der mittelalterliche Text vor allem als rhetorische Munition.

Warum wird Thomas von Aquin weiterhin gegen den Sarracin zitiert?

Weil er Autorität verleiht. Den Heiligen und Kirchenlehrer zu invocieren, erlaubt es, eine Meinung als Ergebnis eines intellektuellen Gipfels darzustellen, ohne neue Argumente liefern zu müssen. Das Problem ist, dass Aquin selbst in einem Kontext theologischer Streitigkeiten und Expansion schrieb, und seine Aussagen über Mohammed nicht den Filter passieren, den er von anderen forderte: überprüfbare und zugängliche Beweise.

Da der mittelalterliche Text im Format kurzer Zitate kursiert, ist es vorhersehbar, dass Kapitel 6 eher als Slogan denn als Argument verwendet wird. Dass jemand zum ersten Buch zurückkehrt und die vollständigen drei Seiten liest, bevor er teilt, scheint dagegen weitaus unwahrscheinlicher.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (248 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

Volver