Straßenkontrolle ist keine Frage des Mutes, sondern der Straflosigkeit
Die These, die den Kern der Debatte bildet, ist so einfach wie unbequem: In dieser Gesellschaft setzt sich durch, wer Durchsetzungsvermögen zeigt. Das Argument besagt, dass die europäische Jugend ihre Stärke verloren habe, dass die Feminisierung der Gesellschaft und die Zerstörung des Männlichen die jungen Menschen ihrer Reaktionsfähigkeit beraubt hätten, während Gruppen von außen in den Straßen von Holland, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Schweden oder Dänemark schalten und walten können, während die Einheimischen wegschauen. Die Diagnose wird durch eine Klage über die institutionelle Machtverteilung und den „Gefühlsmarkt“ ergänzt. Bis hierhin ist es das übliche Narrativ. Interessant wird es, wenn das Material selbst beginnt, diese These von innen zu zerlegen.
Warum man die Straße nicht mit Mut erobert
Das am häufigsten wiederholte Gegenargument zur ursprünglichen These beruft sich nicht auf Feigheit, sondern auf Kalkül. Es wird behauptet, das Problem sei nicht mangelnder Mut, sondern die rechtliche Asymmetrie: Eine Anzeige kann Tage im Gewahrsam bedeuten, ohne Konsequenzen für den Anzeigenden, während bestimmte Gruppen mit dem operieren, was mehrere als Freibrief beschreiben. Die meistzitierte Formulierung lautet, dass der Staat den Durchschnittsbürger wie einen Steuerhinterzieher behandelt, wenn er ein paar hundert Euro mehr hat, aber duldet, dass andere Einkommen auf Wegen anhäufen, die niemand verfolgt.
Daraus ergibt sich die häufigste Schlussfolgerung: Der Feind des Volkes ist der spanische Staat selbst. Nicht die Gruppen, die die Straße besetzen – sie wären nur leicht identifizierbare Bauernfiguren –, sondern die Struktur, die entscheidet, wen man verfolgt und wen man schützt. Mehrere Beiträge bestehen auf derselben Idee: Wenn morgen garantiert würde, dass alles, was man auf der Straße tut, straffrei bleibt, würde sich das Kräfteverhältnis innerhalb von vierundzwanzig Stunden ändern. Das Problem liegt nicht beim Testosteron, sondern bei der Frage, wer die Zustimmung der Macht hat.
Erlernte Hilflosigkeit und der Generationenfaktor
Ein anderer Analyseansatz deutet auf ein tieferes Phänomen hin: die erlernte Hilflosigkeit. Es wird argumentiert, dass der Europäer, und besonders der Spanier, über Generationen hinweg in absoluter Abhängigkeit vom Staat und von Autoritäten erzogen wurde, bis hin zu einer Reaktion mit Fremdscham bei jedem Konflikt. Die Kritik erstreckt sich auch auf Gleichaltrige: Man erinnert daran, dass die Leute vor zwanzig oder dreißig Jahren genauso tolerant waren, oder noch toleranter, und dass wir drei Jahrzehnte massiver Immigration hinter uns haben, ohne dass es eine echte Reaktionsbewegung gab. Im Stammtisch meckern und für den Chef die Halle fegen, lautet die Zusammenfassung.
Der generationelle Gegensatz taucht immer wieder auf. Veteranen der Szene geben zu, dass sie mit zwanzig Jahren weniger auch etwas angerichtet hätten, und fragen sich, wo die jungen Leute sind, die sonntags die Fitnessstudios und Motorradtreffen füllen. Die Antwort, die sie sich selbst geben, ist bitter: Sie sind da, aber sie organisieren sich nicht. Und wenn jemand vorschlägt, einfach auf die Straße zu gehen, lautet die Antwort, dass das Handy alles aufzeichnet, jeder Streit in einer Anzeige endet und das Gewicht des Gesetzes immer auf derselben Seite lastet.
Die Falle des Smartphones und das neue Kräfteverhältnis
Hier wird die Analyse technischer und weniger episch. Wer eigene Erfahrungen mit Straßenschlägereien beschreibt, weist darauf hin, dass das Problem nicht mehr der Kampf selbst ist, sondern die Aufzeichnung. Alle filmen, alle zeigen an, und das Ergebnis ist, dass physische Gegenwehr sich als schlechtes Geschäft erwiesen hat. Die praktische Schlussfolgerung lautet, dass man die Straße nicht mit Fäusten kontrolliert, sondern mit Straflosigkeit, und dass diese Straflosigkeit von oben verwaltet wird.
Die Diskussion leitet dann ins Institutionelle über. Es werden die Verteilung der Ministerien, die inklusive Sprache in offiziellen Reden und das Gefühl erwähnt, dass die Verwaltung zu einer Struktur geworden ist, die dem Bürger fremd ist, der sie finanziert. Die Kritik unterscheidet kaum zwischen Links und Rechts: Die gemeinsame Diagnose ist, dass das einfache Volk nichts zu sagen hat und dass der Verfall vor mehr als vierzig Jahren begann, nicht jetzt.
Zwei Spanien, zwei Diagnosen
Die Angelegenheit spaltet sich in zwei klare Strömungen. Eine behauptet, das Problem sei eine Frage der individuellen Haltung und dass der Mangel an Mobilisierung die Ursache allen Übels sei. Die andere entgegnet, dass Mobilisierung unmöglich ist, solange das Justiz- und Polizeisystem verschiedene Personen unterschiedlich behandelt, und dass wer ohne institutionellen Rückhalt auf die Straße geht, in Handschellen endet. Beide Strömungen teilen denselben diffusen Feind – den Staat, die Eliten, die supranationalen Organisationen –, widersprechen sich aber in der Strategie: Die einen appellieren an den Mut, die anderen an den Kalkül.
Die Diskussion endet, wie üblich, mit Beleidigungen und gegenseitigen Vorwürfen bezüglich des Privatlebens. Ein Teilnehmer, der angibt, in den USA zu leben und in einem problematischen Viertel zu arbeiten, erzählt, dass er seit drei Jahren Kampfsport trainiere, um Respekt zu erzwingen. Andere antworten ihm, dass dies eine Internet-Fantasie sei. Das Niveau des Austauschs sinkt, aber der Kern der Sache bleibt bestehen: Kann man die Straße zurückgewinnen, ohne vorher die Regeln zu ändern, die sie regieren?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (180 Antworten).