Staatsrat wirft Finanzministerium eigenmächtige Gesetzgebung vor

Der Staatsrat kritisiert das spanische Finanzministerium wegen eigenmächtiger Normsetzung, rechtlicher Unsicherheit und Änderungen der Steuerordnung ohne parlamentarische Zustimmung.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Staatsrat wirft Finanzministerium eigenmächtige Gesetzgebung vor
Staatsrat wirft Finanzministerium eigenmächtige Gesetzgebung vor

Das höchste beratende Gremium des Staates hat dem Ministerio de Hacienda vorgeworfen, sich Befugnisse anzumaßen, die ihm nicht zustehen. In seinem Gutachten zur Verfahrensweise einer steuerlichen Vorschrift wirft der Consejo de Estado dem Fiskus vor, durch fehlerhafte Gesetzgebung, das Vermischen unzusammenhängender Themen, die Einschränkung der Bürgerbeteiligung und eine ungerechtfertigte Selbstauferlegung von Dringlichkeit „Rechtsunsicherheit“ zu erzeugen. Das Schlüsselwort im Gutachten lautet: Gesetzgebung. Und Gesetze erlassen ist in einem Rechtsstaat Sache des Parlaments.

Das Gutachten fügt hinzu, dass das Ministerium Teile der Verordnung ändert, die wesentliche Elemente der Steuer betreffen, ohne das Parlament einzuschalten. Das bedeutet, dass sich das Ministerium nach Ansicht des Beratungsgremiums die legislative Gewalt anmaßt, die die Verfassung dem Parlament vorbehält. Die daraus entstandene Debatte geht weit über einen Formfehler hinaus: Sie berührt das Design selbst der Agencia Tributaria, ihre internen Anreize und die Art und Weise, wie sie den Steuerzahler behandelt.

Was genau besagt das Gutachten des Staatsrats?

Das Gutachten weist auf mehrere Verfahrensfehler hin. Erstens die Vermischung unterschiedlicher Themen in derselben Norm. Zweitens die Einschränkung der Bürgerbeteiligung während des Verfahrens. Drittens eine Erklärung der Dringlichkeit, die der Rat als ungerechtfertigt ansieht und die seiner Analyse zufolge zu Fehlern führt. Und viertens, der schwerwiegendste Punkt: die Änderung von Teilen der Verordnung, die wesentliche Elemente der Steuer berühren, ohne das Parlament einzuschalten.

Der Vorwurf ist nicht geringfügig. Der Consejo de Estado ist das höchste beratende Organ der Regierung und seine Gutachten sind nicht bindend, aber wenn er von „Rechtsunsicherheit“ spricht, beschreibt er ein Problem, das jeden betrifft, der mit der Steuerverwaltung interagieren muss. Rechtssicherheit ist kein Beiwerk: Sie ermöglicht es, im Voraus zu wissen, welche Norm angewendet wird und welche Konsequenzen sie hat.

Der perverse Anreiz: Bonus für höhere Einnahmen

Parallel zum Gutachten wurde bekannt, dass das Finanzministerium einen Bonus von 125 Millionen Euro mit seinen Mitarbeitern vereinbart hat, um mehr Einkommensteuer (IRPF) und Mehrwertsteuer (IVA) einzuziehen. Der Plan, dem sich alle Beamten anschließen können, wird vollständig ausgezahlt, wenn 14.675 Millionen Euro im Jahr 2025 eingenommen werden. Die Logik des Anreizes ist klar: Die Agencia Tributaria belohnt das Endergebnis bei den Einnahmen, nicht die Qualität des Verfahrens.

Das Grundproblem besteht darin, dass ein System, das für das Einziehen von Steuern bezahlt, den Erfolg tendenziell in eingenommenen Euro misst und nicht in gewahrten Rechten. Wer bei der AEAT arbeitet, weiß das. Ein Beamter der AEAT hat es unverblümt ausgedrückt: Die Arbeitsweise der Agentur gegenüber Unternehmen erscheint ihm „wild und unangemessen“, und er fügt hinzu, dass das Sperren von Konten bei Verdächtigen deren gesamte wirtschaftliche Aktivität lahmlegt, bevor es überhaupt eine Verurteilung gibt.

Der Fall, der das System illustriert: Die Liste der säumigen Schuldner

Am 23. Dezember 2015 veröffentlichte das Finanzministerium seine erste Liste der säumigen Schuldner. Auf Platz eins stand ein völlig unbekannter Name: Agapito García Sánchez. Sein Fall ist zum roten Faden eines Dokumentarfilms geworden, Hechos probados, der ihn als moderne Version des Protagonisten aus Kafkas Der Prozess beschreibt: ein Bürger, der der Maschinerie des Staates und seiner Verwaltung gegenübersteht.

Die Geschichte dient dazu, etwas zu veranschaulichen, worauf das Gutachten des Staatsrats technischer hinweist. Wenn das Verfahren degradiert wird, hat der Bürger keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Die Liste der säumigen Schuldner wird veröffentlicht, der Name bleibt bestehen und die Unschuldsvermutung funktioniert in der Praxis nur als Formalie.

Bürokratie als nationale Industrie

Spanien veröffentlicht laut den in der Diskussion zirkulierenden Daten jährlich 900 Gesetze und 960.000 Seiten Regulierungsvorschriften. Zwischen 1970 und 2016 wurden 41.336 staatliche Normen verabschiedet, mit einer durchschnittlichen Rate von 900 Gesetzen pro Jahr. Der Staat und die autonomen Regionen verabschiedeten allein im Jahr 2016 681 neue Normen und 895.820 Seiten Regulierungsvorschriften.

Diese normative Hypertrophie hat eine direkte Konsequenz: Die vom Consejo de Estado angeprangerte Rechtsunsicherheit ist kein Unfall, sondern das vorhersehbare Ergebnis eines Systems, das Gesetzgebung am Fließband produziert. Der im Diskurs angestellte Vergleich ist aufschlussreich: In Spanien werden öffentliche Ämter in Jura ausgebildet; in China in Ingenieurwesen. Das Ergebnis ist, dass ein Land Industrieprodukte herstellt und das andere Gesetzgebung.

Die institutionelle Antwort: Briefe und organisierte Verteidigung

Angesichts dieses Szenarios beginnen sich Antworten zu organisieren. Es wurde die Zirkulation von Briefen erwähnt, die von einer Doktorin der Rechtswissenschaft unterzeichnet wurden, die, laut Beobachtern des Falls, Einfluss auf die Gerichte hat, die die zukünftigen Steuerinspektoren prüfen. Und es wird darauf hingewiesen, dass endlich jemand eine strukturierte Verteidigung gegen das vorbereitet, was als gesetzwidrige Verwaltungsmaßnahme angesehen wird.

Die unbeantwortete Frage bleibt, ob diese Verteidigung rechtzeitig kommen wird. Das Gutachten des Staatsrats ist nicht bindend. Der Bonus für die Einnahmen bleibt bestehen. Und in der Zwischenzeit behaupten einige, dass der Steuerzahler, der eine Anforderung erhält, weiß, dass die Agencia Tributaria ihn als Steuersünder deklarieren wird, wenn er zahlt. Dort stößt die Analyse an ihre Grenzen: in einem System, in dem das Verfahren selbst zur Strafe geworden ist.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (192 Antworten).

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