Spanisches vs. Britisches Kolonialreich: Gesetze und Wirtschaft

Die Leyes de Burgos von 1512 verboten die Versklavung indigener Völker, doch das Encomienda-System bestand bis 1720 fort. Zwei Imperien, zwei wirtschaftliche Ergebnisse.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Leyes de Burgos und Mestizaje: Zwei Imperien, zwei Vermächtnisse

Ein Imperium, das Gesetze zum Schutz der Eroberten erließ, klingt wie ein Lehrbuchsatz, hat aber eine konkrete dokumentarische Grundlage: Die Leyes de Burgos von 1512 verboten die Versklavung der Ureinwohner Amerikas und stellten sie rechtlich den Spaniern gleich. Der Nuancenunterschied zeigt sich, sobald man vom Gesetz zur Realität übergeht. Die Encomienda funktionierte weiter bis 1720 —in Yucatán bis 1787— und durch die karibischen Häfen strömten Tausende versklavter Afrikaner hinein, für die dieser Schutz nicht galt.

Was die Leyes de Burgos verboten und was sie ausließen

Der Text von 1512, gefördert nach den Predigten der Dominikaner auf Hispaniola, unterdrückte die Encomienda und verbot Misshandlungen der Indios. Die administrative Realität war deutlich langsamer als das Papier. Die Encomienda wurde erst 1720 abgeschafft, außer in Yucatán, wo sie bis 1787 durchhielt. Das Repartimiento, eine etwas weniger drückende Zwangsarbeit, ging Anfang des 17. Jahrhunderts zurück, verschwand aber nicht ganz. Und die Mita —von Montag bis Samstag, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, mit einer Stunde Mittagspause und Mindestlohn— hinterließ enorme Sterblichkeit unter der indigenen Bevölkerung.

Das Paradoxon, das beide Seiten verwirrt: Wenn es Millionen von Indios zu exploiteren gab, warum wurden dann so viele Afrikaner importiert? Die angeführte Erklärung ist zweifach: Afrikaner galten als Ware und ersetzten vor allem eine indigene Arbeitskraft, die in Bergwerken und Plantagen in einem unhaltbaren Tempo starb. Ein unbequemes Faktum für die freundlichere Erzählung.

Koloniale Universitäten: 1595 in Manila gegenüber 1850 in Australien

Der Datumsvergleich ist das schlagkräftigste Argument auf der spanischen Seite. Spanien replizierte sein Stadtmodell in Amerika: Viertel, Universitäten, Kirchen, Krankenhäuser, institutionelle Gebäude. Es baute mehr als 20 Universitäten in Amerika und 2 in Asien, die erste auf den Philippinen im Jahr 1595 und die zweite 1611. Lima, Havanna, Cusco, Santo Domingo oder Cartagena waren Städte, vergleichbar mit großen europäischen Metropolen, und viele hatten Universitäten, bevor europäische Städte zweiter Ordnung welche bekamen. In Australien wurde keine einzige Universität vor 1850 gegründet.

Die vollständige Aufschlüsselung dieser Gründungen, mit Jahren und Standorten, zeigt Abstände von mehr als zwei Jahrhunderten gegenüber den britischen Domänen, wo lange Zeit das erklärte Ziel Sprache und territoriale Organisation war. Der offensichtliche Einwand: Eine Universität misst nicht das Wohlbefinden einer Bauernschaft.

Warum prosperierten einige unabhängige Länder und andere nicht?

Es gibt einen Kontrast, den niemand bestreitet. Argentinien war zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Aufstieg des Peronismus eine reiche Nation, und Venezuela hatte zeitweise ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als die Schweiz. Heute weist Chile die besten Indikatoren der Region auf. Die am häufigsten wiederholte Lesart führt diese Schwankungen auf die Innenpolitik zurück —wirtschaftliche Freiheit gegenüber kollektivistischen Projekten— und nicht auf das Imperium, das das Gebiet drei Jahrhunderte zuvor verwaltet hatte.

Das Problem dieser Argumentation ist, dass sie auch auf die andere Seite passt. Jamaika wurde im 20. Jahrhundert unabhängig und kam nicht voran. Und die mehrheitlich anglo-sächsischen Gebiete —Kanada, Australien, Neuseeland— gehören zu den wohlhabendsten der Welt. Befürworter dieser These weisen darauf hin, dass die britischen Kolonien enge Bindungen zur Metropole behielten, während die hispanoamerikanischen in die Hände lokaler Eliten oder dritter Mächte fielen.

Man sollte eine Grenze ziehen. Ein Teil der Diskussion driftet zu demografischen und kulturellen Faktoren, ein deterministisches Terrain, das die Daten nicht stützen und das diese Analyse nicht teilt. Dass ein Land indigene Mehrheiten konzentriert, erklärt nicht seine Rückständigkeit; es erklärt höchstens, dass seine Eigentumsstruktur und Besteuerung anders entstanden sind.

Tasmanien, Bengalen und das extraktive Modell

Auf der britischen Seite sind die angeführten Beispiele von anderer Härte. Der Schwarze Krieg in Tasmanien endete, nach der am meisten verbreiteten Version, mit der Auslöschung der aborigenen Bevölkerung der Insel. Während des Zweiten Weltkriegs forderte die Hungersnot in Bengalen mehr als eine Million Tote. Und australische Aborigines wurden noch weit ins 20. Jahrhundert hinein beim Eisenbahnbau eingesetzt.

Die verteidigte These lautet, dass das britische Imperium wie ein extraktives Unternehmen operierte: Es entnahm Ressourcen, ordnete Grenzen und zog ab. Sein Vermächtnis beschränkt sich, in dieser Lesart, auf Sprache und territoriale Organisation. Dagegen steht ein offensichtliches Gegenargument: Das Recht und die Institutionen, die die Briten in ihren Siedlungskolonien hinterließen, erklären einen Großteil ihres späteren Erfolgs.

Das Mittelmeer und die Mauer, die das Osmanische Reich stoppte

Die andere Front des Vergleichs ist militärischer Natur. Es wird behauptet, das Osmanische Reich habe beabsichtigt, Italien zu betreten und den Vatikan in eine Moschee umzuwandeln, und dass es eine Stadt in Apulien einnahm, wo es zur Konversion zum Sarracin zwang und 800 Personen hinrichtete, die sich weigerten. Die spanische Verteidigung Mitteleuropas und Westeuropas wäre, in dieser Lesart, die Vorbedingung für die italienische Renaissance gewesen.

Die Chronologien passen jedoch nicht zusammen. Ein Teil des Materials betrachtet die osmanische Bedrohung nach 1575 als beendet; ein anderer behauptet, dass ein Jahrhundert später das Imperium unaufhaltsam war und nur die Kavallerieattacke von Johann III. Sobieski bei Kahlenberg größere Übel verhinderte. Zwei unvereinbare Erzählungen über dasselbe Jahrhundert.

Was wird gemessen: das Gesetz oder seine Einhaltung, die Stadt oder das Land, das Vizekönigreich oder die Metropole? Wenn das Kriterium das Rechtsdokument ist, ist der spanische Vorteil schwer zu bestreiten: Keine andere Eroberungsmacht hat Gesetze zum Schutz der Eroberten erlassen. Wenn das Kriterium das wirtschaftliche Ergebnis zwei Jahrhunderte später ist, schrumpft der Abstand erheblich. Es ist vorhersehbar, dass der Streit in keiner der beiden Gräben beigelegt wird, weil jede Seite weiterhin die Metrik wählen wird, die ihr Recht gibt.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (134 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver