Spanische Sprichwörter riskieren Hasskriminalität

Traditionelle spanische Sprichwörter können jetzt zu Anzeigen wegen Hasskriminalität führen. Die Debatte über die Grenze dauert vier Jahre ohne offizielle Liste.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Spanische Sprichwörter riskieren Hasskriminalität
Alte Sprichwörter im Visier der Hasskriminalität

Der Thread legt nahe, dass das öffentliche Zitieren eines Sprichworts zu einer Untersuchung wegen Hasskriminalität führen kann. Das klingt nach Übertreibung, aber genau dort beginnt das Problem: Ein volkstümlicher Satz über den weiblichen Körper wird, laut ausgesprochen, nicht mehr als Folklore, sondern – nach dieser These – als potenzielle Straftat gewertet. Die Diskussion umfasst 123 Antworten und 1588 Tage – über vier Jahre –, ohne dass sich jemand auf eine klare Grenzziehung einigen konnte. Es gibt keinen veröffentlichten Katalog. Niemand hat eine offizielle Liste verbotener Sprichwörter herausgegeben, und wer sie bei Google sucht, verschwendet seine Zeit.

Welche Sprichwörter gelten als verdächtig?

Das zitierte Repertoire ist breit und richtet sich fast ausschließlich gegen Frauen als permanente Verdächtige. Manche Sprichwörter raten zur frühen Heirat, andere gebieten ihren Tränen nicht zu glauben, wieder andere wollen sie mit gebrochenem Bein zu Hause sehen, und viele zweifeln systematisch an ihrem Wort. Ein zitiertes Sprichwort empfiehlt, sie dünn und sauber zu suchen, da der Rest des Verfalls von allein käme. Ein anderes urteilt spöttisch, dass man Frauen „machen“ müsse.

Auch lokale Varianten kursieren, etwa solche, die behaupten, alle Nachbarinnen in einem bestimmten Ort gingen der Prostitution nach. Vor vierzig Jahren war das Material für Gespräche am Stammtisch. Heute, in bestimmten sozialen Netzwerken gepostet, ist es Material für eine Anzeige. Das ist der Kern der Sache, und daran rüttelt niemand. Einige argumentieren, Sprichwörter seien mündliches Kulturgut, per Definition neutral und ohne Beleidigungsabsicht. Dagegen steht das Argument, dass nicht die Absicht beurteilt wird, sondern die Wirkung: Wenn ein abwertendes Sprichwort über die Hälfte der Bevölkerung öffentlich geäußert wird, muss die Norm etwas dazu sagen.

Gesperrte Konten und gefilterte Nachrichten

Die praktische Seite zeigt sich an konkreten Fällen. Eine Erzählung berichtet von einer Kontosperrung nach einem Kommentar über die körperliche Stärke von Polizistinnen. Ein anderer beschwert sich, dass ein Text über Immigration in Spanien ohne Veröffentlichung oder Nennung eines Verantwortlichen abgelehnt wurde. Beide Episoden werden als Beweis angeführt, dass der Filter bereits funktioniert, egal ob der Betroffene ein Scherzbold oder nur ein Analytiker war.

Hier taucht ein verwirrendes Detail auf. Ein Teilnehmer gibt zu, dass das Ziel des Kommentars die Beleidigung war: „Das war die Idee“, schreibt er. Die Sanktion funktionierte also genau wie geplant: Es gab kein unschuldiges Opfer, sondern einen Autor, der zugab, beleidigen zu wollen. Das schwächt die Erzählung von willkürlicher Zensur, widerlegt sie aber nicht vollständig.

Andere gehörte Sprichwörter: Vorurteile aus dem Alltag

Das Repertoire ist nicht nur misogyin. Es gibt eine zweite Familie von Sprichwörtern, die andere Völker betreffen, und hier wird die Liste lang: Ausdrücke, die Streiche mit bestimmten Gemeinschaften assoziieren, unterstellen, dass unerwünschte Personen an der Küste leben, oder bestimmte Gruppen als Synonym für Negatives nutzen. Berichten zufolge waren diese vor vier Jahrzehnten gang und gäbe und klingen heute wie aus einer anderen Epoche.

Diese Verschiebung der Sprache ist wohl das interessanteste Phänomen der gesamten Konversation. Was gestern ohne Nachdenken gesagt wurde, wird heute erst gedacht, bevor es gesagt wird. Manche nennen es Fortschritt, andere Angst. Es gibt keine Möglichkeit zu beweisen, welches Etikett zutrifft, da beide denselben Sachverhalt beschreiben.

Grundlegende Beschwerde: Mehr Verbote als unter Franco

Hier wird die Sache vom Folklore zur Politik. Es wird argumentiert, dass es heute mehr Verbote gebe als während der Diktatur, gestützt auf einen TV-Auftritt, bei dem ein Journalist die Vorteile der Demokratie damit begründete, dass man nach Francos Tod Dinge sagen konnte, die vorher verboten waren. Die Antwort ist bissig: Wenn es darum ging, Dinge zu sagen, gibt es heute mehr rote Linien als damals.

Die Daten sind umstritten und niemand quantifiziert sie. Die Diktatur zensierte per Dekret, mit Listen, Sondergerichten und Gefängnis ohne Garantien. Das aktuelle System funktioniert über Anzeigen, Plattform-Prüfungen und Verwaltungswege. Den Vergleich beider Systeme erfordert mehr als schlecht bemessene Nostalgie.

Warum Quevedo und Rigoletto erwähnt werden

Die Diskussion weicht zum Kanon ab. Ein Sprichwort im Stil von Quevedo wird erinnert, das heute durch keinen Filter käme. Rigolettos La donna è mobile wird erwähnt, mit Ironie darüber, wie viele klassische Werke entfernt werden müssten, wenn die Norm wörtlich angewandt würde. Die implizite Schlussfolgerung ist unbequem: Wenn das Kriterium der Text und nicht der Kontext ist, schwebt die halbe europäische Bibliothek in der Luft.

Niemand schlägt vor, Verdi zu löschen. Auch erklärt niemand, warum ein Volks-Sprichwort anders behandelt werden sollte als eine Arie. Die Diskussion stirbt dort, wo sie meist stirbt: mit einem Witz und einem Themenwechsel.

Angesichts dieses Szenarios ist es vernünftig, weitere Anzeigen wegen zitierter Sprichwörter und weitere Löschungen von Inhalten auf Plattformen zu erwarten. Ob diese Fälle jedoch zu rechtskräftigen Verurteilungen oder nur zu Verwarnungen führen, kann derzeit niemand bestätigen. Und wenn sie nicht eintreten, bleibt die Erzählung von Zensur ohne ihren besten Beweis.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (123 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver