Spanier mit Normalverdiener-Gehalt: Alle um mich herum sind reich

Ein spanischer Forennutzer beschreibt sein Umfeld als wohlhabend, während Spanien mit 11,7% die höchste Arbeitslosigkeit in der EU verzeichnet.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Spanier mit Normalverdiener-Gehalt: Alle um mich herum sind reich
Das Land, in dem alle gut leben (außer dir)

Es gibt ein Spanien, das nicht in den Arbeitslosenzahlen auftaucht. Es ist das, das ein forenbasierter „Mileurista“ (Geringverdiener) beschreibt, der sich selbst als prekär definiert: ITler im Homeoffice, Guardia Civil und Polizisten mit guten Konditionen sowie Reaccionariorbeiter erster Klasse, die laut einem Beispiel, das er erzählt, 7.000 Euro in anderthalb Wochen verdienen. In seinem Umfeld, behauptet er, lebt jeder gut. Die unbequeme Frage, die er selbst stellt, lautet: Was passiert mit den 25%, die zurückgeblieben sind?

Die Erzählung ist nicht neu, aber diesmal kommt sie mit konkreten Berufsbezeichnungen und Zahlen. Die Ausgangsthese ist einfach: Das Geld zirkuliert, Arbeit existiert und die Menschen sind im Allgemeinen glücklich. Das Problem ist, dass dieses feste Bild einen sehr spezifischen Ausschnitt hat.

Die drei Welten der spanischen Arbeit

Die Diagnose wird nach Sektoren unterteilt. Die IT-Spezialisten und Ingenieure haben seit ihrem Abschluss an Universität oder Berufsschule nicht aufgehört zu arbeiten: gute Gehälter, Telearbeit, Kinder und Urlaub. Die Beamten – Lehrer, Guardia Civil, Polizisten, Krankenschwestern – leben, so diese Beschreibung, wie Maharadschas, mit traumhaften Arbeitszeiten und kaum vorstellbaren Gehältern. Und die Gerüstbauer arbeiten mehr Stunden unter schlechteren Bedingungen, haben aber genug Aufträge und verdienen gut: Ein Reaccionariorbeiter erster Klasse verdiente 7.000 Euro in anderthalb Wochen auf einer Baustelle, so das vom Nutzer genannte Beispiel.

Die Gastronomie bleibt außen vor. Laut dem Nutzer arbeitet dort kein Spanier mehr, außer denen, die mit elterlichem Startkapital gründen. Es ist der Sektor, den andere Beiträge als Hölle beschreiben: Vier Monate Sommer in einer Küche mit Terrasse reichen aus, um fürs Leben gezeichnet zu sein. Der weinende Zigarettenwickler, weil die Mitarbeiter faul sind, ist das Bild, das diesen Beruf zusammenfasst.

Glück als Betäubungsmittel

Der unangenehmste Teil der Erzählung sind nicht die Gehälter. Es ist die Schlussfolgerung: Sie sind glücklich. Selbst jene, die neun Stunden in einer infernalischen Halle schuften und ihr Gehalt für teure Autos und Urlaube mit der Partnerin ausgeben. Selbst jene, die Wochenend-Kokainkonsum mit Montag-bis-Freitag-Arbeitstagen kombinieren. Glück funktioniert in dieser Lesart als Anästhesie: Solange es eine Partnerschaft und ein Gehalt gibt, wird die Sklaverei der Ruderknechte nicht wahrgenommen.

Gegenüber diesem Bild behauptet ein anderer Teilnehmer, dass die Mehrheit der Menschen tiefgreifend oberflächlich sei und ihre relative Glückseligkeit darauf beruhe, nichts zu hinterfragen. Die Kritischeren, so diese These, genießen diese Ignoranz nicht. Und manche fügen eine wirtschaftliche Nuance hinzu: Viel Geld verschwindet durch Laster und unnötige Dinge im Abfluss, und viele lügen über ihr Einkommen.

Die 25%, die die Erzählung tragen

Der Autor der Diagnose gibt selbst zu: Es gibt ein 25% der Bevölkerung, das zurückgelassen wurde. Die Gesellschaft zieht ohne sie vorwärts. Das ist das Opfer. Dieser Satz, ohne Ironie geschrieben, fasst den impliziten Gesellschaftsvertrag am besten zusammen, den die Nachricht beschreibt.

Die offiziellen Daten relativieren das Bild jedoch. Spanien führt seit 27 Monaten ununterbrochen die EU-Arbeitslosenstatistik an, mit einer Quote von 11,7% im April, fast doppelt so hoch wie der Durchschnitt der Eurozone (6,4%) und der EU (6%). Ein Nutzer behauptet zudem, dass es 7 Millionen Arbeitnehmer gibt, die nicht in Vollzeit arbeiten. Zieht man diese vom Gesamt ab, bleiben seiner Rechnung nach 14 Millionen Beschäftigte, davon 3,5 Millionen Beamte. Die Rechnung ist unbequem: 11,5 Millionen Ruderer halten fast 49 Millionen Einwohner über Wasser.

Auch der Vergleich mit der Vergangenheit taucht auf. Ein Teilnehmer argumentiert, dass eine Quote von 11,7% fast Vollbeschäftigung wäre im Vergleich zu den 27% Arbeitslosigkeit während der Regierung Rajoy. Aus dieser Perspektive sind die aktuellen Daten positiv. Aus europäischer Sicht sind sie eine Anomalie.

Der Lohnzettel, der alles ändert

Mitten im Austausch postet jemand seinen Lohnzettel. Fast 10.000 Euro netto im März, wahrscheinlich wegen der Bereitschaftsdienste im Februar. Ohne Überstunden, nur vier Dienstalterszulagen und 72 geleistete Stunden an Feiertagen. Das Kleingedruckte: Er ist ein Casapapis (Elternhaus-Kind), seine Boomer-Eltern beziehen zusammen etwa 2.500 Euro Rente und besitzen Vermögen von über einer Million Euro. Seine Kollegen mit dem gleichen Gehalt zahlen Hypotheken und ernähren Ehefrauen und Kinder. Andere Kumpels schaffen das mit weniger.

Dieser Lohnzettel ist Beweis und Widerlegung der Erzählung zugleich. Er beweist, dass es hohe Gehälter gibt. Er widerlegt, dass sie die Norm sind. Die Lage, sagt der Verfasser, ist da draußen sehr schlecht.

Kaufkraft misst sich im Supermarkt

Der solideste Einwand gegen „alle leben gut“ kommt nicht von den Gehältern, sondern von den Einkaufswagen. Ein Nutzer behauptet, dass Kaufkraft sich in Supermärkten messen lässt, nicht in Autos, Häusern, Kleidung oder Handys: All das wird auf Kredit bezahlt. Essen nicht. Große Einkaufswagen sind halb leer, kleine sind häufig. Mehl, Nudeln und Verarbeitetes sind binnen Minuten ausverkauft; Lamm und Rindfleisch können die ganze Woche im Regal liegen bleiben.

Dies ist ein Indikator, der nicht in den Beschäftigungsstatistiken auftaucht, aber die Kluft zwischen der Erzählung und dem Warenkorb besser beschreibt als jede Quote.

Das Umfeld als einzige Realität

Die klügste Schlussfolgerung des Austauschs betrifft nicht Gehälter, sondern Wahrnehmung: In jedem Umfeld, in dem du dich befindest, leben alle gut, bis du nicht mehr dazu gehören kannst. Dann bemerkt es niemand und die anderen werden weiterhin sagen, dass in ihrem Umfeld alle gut leben.

Der verwirrende Fakt ist nicht die 11,7%-Arbeitslosigkeit. Es ist, dass die Diskussion bei diesen Zahlen immer noch darum kreist, ob der Nachbar gut oder schlecht lebt.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (166 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

Volver