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Spaniens Stromausfall: Zwölf Stunden, die zum Mythos wurden
Der Stromausfall in Spanien begann um 12:30 Uhr; bis zur Dämmerung war die Versorgung zu 95 % wiederhergestellt. Die Erzählung vom zivilen Heldentum stützt sich auf diesen Zeitfaktor.
Zwölf Stunden ohne Strom und eine Lektion in Zivilcourage, die niemand bestellt hatte
Spanien erlebte den größten Stromausfall seiner jüngeren Geschichte ohne massive Plünderungen oder Panik. Ebenso wahr ist, dass das Licht vor Einbruch der Dunkelheit zurückkehrte. Beide Fakten sind korrekt und erklären fast alles, was danach geschrieben wurde.
Die Unterbrechung begann gegen 12:30 Uhr mittags, und als es dunkel wurde, war die Stromversorgung bereits im 95 % des Landes wiederhergestellt. Dieses Fenster mit Tageslicht trägt – und demontiert zugleich – die epische Darstellung des Tages. Darauf basiert ein Narrativ, das je nach Erzähler und dessen Interessen von kollektivem Stolz bis hin zu Ärger reicht.
„Dunkles Spanien ist sicherer als jeder andere Ort mit Licht“
Der Journalist Paco Cerdà verfasste für The New York Times eine Kolumne mit genau diesem Satz als Leitmotiv. Seine These: Bei einem landesweiten Blackout wäre die „traumhafte Nacht der Diebe“ zu erwarten gewesen; stattdessen sah man Bürger, die an kreuzungsfreien Ampeln den Verkehr regelten, Nachbarn, die Wasser und Essen an Passagiere gestrandeter Züge verteilten, und Taxifahrer, die ohne Kartenterminal die Telefonnummern ihrer Kunden notierten, um sie bei Rückkehr des Stroms abzurechnen.
Der Text fügt eine politische Deutung hinzu: Diese Reaktion würde den Unterschied zwischen rechtsensrecht Kräften, die auf Individualismus und Selbstrettung pochen, und dem Vertrauen in den europäischen Wohlfahrtsstaat markieren. „Irgendwie wussten wir, dass alles gut gehen würde“, schrieb der Autor.
Die Reaktionen waren gespalten. Ein Teil des Publikums kaufte dieses Bild; ein anderer las es als Beleidigung fremder Würde. „Kein Strom, aber glücklich“, fasst diese Strömung zusammen, die im Artikel den Versuch sieht, Glück durch einen günstigen Kalendertermin als Tugend zu verkaufen. Ironischerweise erschien die Antwort des New York Times auf ein Land im Dunkeln noch vor jeder offiziellen Erklärung des Netzbetreibers.
Der Zeitmesser: Warum zwölf Stunden nicht drei Tage sind
Hier liegt der Knackpunkt. Der Ausfall trat am Mittag auf, es gab keine Nacht im Dunkeln. Das meistzitierte Gegenfaktum ist simpel: Hätte der Ausfall um 20:00 Uhr, kurz vor Sonnenuntergang, begonnen, wäre die Bilanz anders ausgefallen. Der Satz, der die Angst zusammenfasst, lautet: Die Zivilisation ist nur drei Mahlzeiten von der Anarchie entfernt.
Die kursierenden Szenarien deuten in dieselbe Richtung: Jeder mit einem Fahrzeug und ohne Skrupel hätte Stunden der Straflosigkeit gehabt, sobald das Licht ausging. Dass dies in zwölf Stunden Tageslicht nicht geschah, sagt wenig darüber aus, was in 72 Stunden passieren würde.
Valencia, sechs Monate zuvor: Der unerwähnte Präzedenzfall
Der unbequeme Spiegel ist die Flutkatastrophe (DANA). Polizei und Militär brauchten zwei bis drei Tage, um die betroffenen Gebiete zu patrouillieren und Plünderungen zu verhindern; Diebstähle in Geschäften und Wohnungen begannen nur wenige Stunden nach dem Hochwasser. Wäre der Stromausfall bis in die Nacht verlängert worden, so diese Lesart, wäre das Drehbuch dasselbe gewesen. Manche füllten die Lücke der Vorfälle sogar mit fremden Ereignissen, wie den Unruhen in Murcia während eines Pokalfinales, die dem Stromausfall ohne jeden Zusammenhang zugeschrieben wurden.
Warum wäre ein dreitägiger Blackout ein anderes Land?
Wegen des Wassers, nicht wegen des Lichts. Vor Jahrzehnten hingen öffentliche Brunnen nicht vom Strom ab; heute hängt die Trinkwasserversorgung von Pumpen und Kläranlagen ab, die sehr wohl davon abhängen. Im Norden müsste man auf Berge steigen; mitten in der Steppe gäbe es schlicht kein Wasser. Ein zweitägiger Stromausfall wäre keine nette Anekdote mehr, sondern ein ernstes logistisches Problem. Das vollständige Detail, inklusive einer Karte, welche Quellen auch ohne Strom funktionieren, ist düsterer, als der festliche Ton suggeriert.
Redeia und die politische Rechnung des Ausfalls
Parallel bewegte sich das institutionelle Narrativ in eine andere Richtung: private Betreiber benennen und den Verdacht auf Sabotage ohne jeglichen Beweis streuen – eine Linie, die in verfügbaren Materialien als bekannte Taktik in anderen Ländern beschrieben wird. Veröffentlichte Informationen platzieren die ehemalige Ministerin González Laya im Aufsichtsrat von Red Eléctrica (dem spanischen Übertragungsnetzbetreiber), dessen Kontrolle gesetzlich der Regierung obliegt, mit einer Vergütung von 100.000 Euro. Dass ein Stromausfall in einer Diskussion über Ernennungen endet, sagt viel über das Niveau der Debatte. Auch Übertreibungen gab es: Beim Radiosender RNE wurde behauptet, ein nächtlicher Ausfall würde einen „Babyboom“ auslösen.
Das Narrativ der Zivilcourage hat zudem einen Aspekt, den man kritisch betrachten sollte: die Phase des Atomausstiegs für zivile Nutzung, die Teil des energetischen Hintergrunds dieser gesamten Diskussion ist. Kein unwichtiges Detail für jene, die zehn Jahre vorausplanen.
Es ist wahrscheinlich, dass der nächste Ausfall nicht mit ausreichend Tageslicht und Raum für Tanz kommt. Wenn er nachts eintritt, sollte klar sein, dass die Zivilcourage, mit der das Narrativ prahlt, in Stunden gemessen wird, nicht in Überzeugungen. Und wenn sie standhält, wäre es die beste Nachricht des Jahres. Obwohl bisher niemand erklärt hat, wer das Licht ausgeschaltet hat.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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