Die Kluft zwischen Umsatzrekorden und der Liquidität von Selbstständigen
Ein Einzelhandelsangestellter beendet den Black Friday, ohne das Verkaufsziel erreicht zu haben. Dies ist keine isolierte Ahnung, sondern das Grundrauschen in Geschäften, die auf dem Papier eigentlich ihr bestes Quartal des Jahres feiern sollten. Dieser Kontrast – makroökonomische Rekorde auf der einen Seite, wackelige Kassenbestände auf der anderen – nährt das seit fast drei Jahren kursierende Label Der Große Bankrott. Die Prognose war ein wirtschaftliches Desaster mit offenem Enddatum seit 2023. Das Desaster tritt nicht ein. Die Unsicherheit schon.
Was ist "Der Große Bankrott" und warum wird er auf Selbstständige angewendet?
Der Ausdruck entstand als unbestimmtes Datum: «Der Große Bankrott (2023-…)». Auf dieser Ankündigung wurde die These aufgebaut, dass die selbstständige Arbeit ausstirbt: Jede Schließung wird als Beweis gelesen, jedes Wachstumsdatum als offizielle Propaganda. Das Ergebnis ist eine Debatte, in der alle Selbstständigen bankrottgehen zur Schlagzeile wird und in der ein einzelner Indikator – 213 eröffnete Insolvenzverfahren – dazu dient, eine Katastrophe zu belegen.
Das Problem ist, dass sich die Gruppe nicht wie ein monolithischer Block verhält. Es gibt Selbstständige, die ihr bestes Geschäftsjahr abschließen, und solche, die ihre Beiträge nicht decken können. Und dasselbe Wort bezeichnet sowohl denjenigen, der Inhalte in Theatern verkauft und etwa 50.000 Euro im Jahr umsetzt, als auch denjenigen, der eine Gesellschaftsstruktur mit sechsstelligen Schulden betreibt. Sie alle in dieselbe Statistik zu pressen, führt zu so klaren wie falschen Schlussfolgerungen.
Coca-Colas Umsatzrekord und die Inflation-Falle
Das Star-Datum der optimistischen Erzählung ist beeindruckend: Coca-Cola España erzielte einen absoluten Umsatzrekord mit einem Anstieg von 9%. Wenn mehr verkauft wird, kaufen mehr Leute. Ende der Analyse. Oder doch nicht? Das Argument, das die Euphorie entkräftet, ist einfach: Der Pro-Kopf-Verbrauch von Erfrischungsgetränken liegt immer noch unter dem Niveau von 2019, dem Jahr vor der Pandemie; was gestiegen ist, ist der fakturierte Betrag. Übersetzt: Man trinkt weniger und zahlt mehr, weil die Preise neue Getränkesteuern und die Inflation widerspiegeln.
Derselbe Mechanismus verfälscht jeden Vergleich mit dem durchschnittlichen Selbstständigen. Der Umsatz kann steigen, ohne dass die Produktivität zunimmt, getrieben durch Preise und Verschuldung. Ein multinationaler Konzern mit Preissetzungsmacht ist kein Maßstab für einen Fachmann, der in seinem Viertel gegen zwanzig andere konkurriert. Der entscheidende Indikator ist nicht, wie viel Geld in die Kasse kommt, sondern wie viel nach Sozialversicherungsbeiträgen, Mehrwertsteuer (IVA) und Einkommensteuer (IRPF) übrig bleibt.
Warum verschulden sich Selbstständige, um das Quartal zu bezahlen?
Hier wird die Erzählung greifbar. In den Bankfilialen wiederholt sich am Ende jedes Quartals ein Muster: Eine Schlange von Selbstständigen beantragt Kredite, um ihre Steuerschulden zu begleichen. Die Reihenfolge der Faktoren erklärt den Ärger. Erst nimmt man ein, dann deklariert man, und wenn das Quartal schlecht lief, finanziert man die Differenz. Arbeiten hört auf, ein Geschäft zu sein, und wird zu einer Liquiditätsposition.
Der monatliche Beitrag zur Sozialversicherung (Seguridad Social), der in den betrachteten Stufen zwischen 240 und 500 Euro liegt, ist der Hauptreibungspunkt. Für manche ist diese Summe leicht tragbar; für andere ist sie der Grund, warum viele sich gar nicht erst anmelden oder im zweiten Jahr abmelden. Manche behaupten, das Problem sei nicht der Beitrag, sondern das Geschäftsvolumen. Andere kontern, dass ein System, in dem der Arbeitnehmer dafür zahlt, dass er existiert, bevor er Rechnungen stellt, jeden schwachen Monat in eine Schuld verwandelt.
Der Fall der GmbH mit 250.000 Euro Schulden
Das extremste Beispiel, das kursiert, beschreibt ein Unternehmen mit einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (Sociedad Limitada): 250.000 Euro Schulden wegen eines gekauften Lagers, eines unbezahlten ICI-Kredits über 60.000 Euro aus der Corona-Zeit, Rückstände bei der Finanzbehörde (Hacienda) für die letzte Periode bei IVA und Körperschaftsteuer sowie Werkzeugkredite über 75.000 Euro. Dazu kommen 5.000 Euro monatlich für drei Gehälter und etwa 2.000 Euro monatlich für Sozialversicherung, plus Strom, Versicherungen und Fahrzeuge.
Der Schlüssel ist nicht die Zahl, sondern die Rechtsform. Da alles auf den Namen der Gesellschaft läuft und nicht im gemeinsamen Güterstand der Ehepartner, bleibt das Privatvermögen vom Untergang verschont. Das ist der Unterschied zwischen Schließen und Ruinieren und erklärt, warum viele raten, vor dem Wachstum eine Sociedad Limitada zu gründen. Es erklärt auch, warum die stetigen Schließungen nicht zu einem Einbruch der Neuanmeldungen führen: Eine Struktur zu schließen ist nicht dasselbe, wie aufzuhören, selbstständig zu sein.
«Alle schließen seit 2005»: Der Gegenpunkt
Dem Pessimismus steht eine langjährige Erwiderung gegenüber: Das Gejammer, dass die Gruppe aussterbe, wiederhole sich seit 2005, während weiterhin Zehntausende Neuanmeldungen registriert werden. Auch das Argument der erstickenden Steuerlast wäre keine spanische Besonderheit: Man behauptet, dass in Frankreich, Deutschland oder Großbritannien Selbstständige ebenfalls hart besteuert würden. Und die 213 eröffneten Insolvenzverfahren entsprechen keineswegs einem allgemeinen Bankrott der Gruppe.
Die Nuance, die irritiert, kommt von denen, die täglich mit der Realität der Branche zu tun haben: Geschäfte, die geschlossen werden, weil die Inhaber in Rente gehen und es keine Nachfolger gibt; Übernahmen, die niemand annimmt; und leerstehende Lokale, aus denen nichts Neues entsteht. Das ist die unbequeme Wahrheit, wichtiger als jede Insolvenzstatistik. Der Große Bankrott misst sich nicht an spektakulären Zusammenbrüchen. Er misst sich an Rollläden, die heruntergelassen werden und nie wieder hochgehen.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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