Der pro-israelische Schwenk der rechten Wählerschaft über Nacht
Der Angriff der Hamas auf Israel, bei dem nach Angaben des von den israelischen Streitkräften (IDF) verbreiteten Videos 1.200 Menschen getötet und 2.700 verletzt wurden, hat nicht nur die Lage im Nahen Osten neu geordnet. Auch die Sympathien eines großen Teils des spanischen rechten Wählerlagers verschoben sich: Innerhalb weniger Tage wandelte sich die Haltung von Misstrauen gegenüber ausländischen Interventionen hin zu einer offenen Verteidigung des israelischen Staates. Die Debatte drehte sich nicht mehr um Ereignisse zehntausend Kilometer entfernt, sondern um Konflikte vor der eigenen Haustür.
Das ist der Kern des Wandels. Der pro-israelische Kurswechsel erklärt sich nicht durch ein plötzliches Interesse an der Geopolitik der Levante, sondern durch Nähe: Die Mehrheit der Spanier hatte noch nie Kontakt zu einer jüdischen Person, während der tägliche Umgang mit Migranten aus Nordafrika in vielen Städten zum Alltag gehört. Die Sympathie entsteht nicht durch Wissen über den anderen, sondern durch Unwissenheit über die eine Gruppe und Reibung mit der anderen.
Warum wird Israel unterstützt, ohne es je besucht zu haben?
Eine Idee fasst die Analyse zusammen: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wer diese Position vertritt, verteidigt nicht unbedingt die israelische Politik, sondern sieht in der Hamas das größere Übel. Das Argument der kulturellen Nähe tut ein Übriges: Ein großer Teil der säkularen israelischen Gesellschaft teilt Konsum-, Freizeit- und Technologiegewohnheiten, die europäischen entsprechen. Dies wird als Spiegelbild wahrgenommen, nicht als Bedrohung.
Dem steht die Distanz gegenüber. Israel ist ein Land, das die meisten nur aus den Medien kennen, und gerade deshalb erlaubt es jede Art von Projektion. Die Diskussion driftet in soziologische Klischees ab: Tel Avivs Geschäfte, Festivals, Reisen und Tech-Ökosystem werden als Beweis für Affinität angeführt, während der Konflikt eher als Sicherheitsproblem denn als territorialer Streit mit siebzigjähriger Geschichte gelesen wird.
Netanjahus Zitat, das beide Lager irritiert
Ein Dokument sorgt bei Befürwortern wie Gegnern für Verwirrung. Im März 2019 erklärte Benjamin Netanjahu vor Abgeordneten seiner Partei in der Knesset, dass wer die Gründung eines palästinensischen Staates verhindern will, die Stärkung der Hamas unterstützen und ihr Geld zukommen lassen muss, und fügte hinzu, dies gehöre zu seiner Strategie. Dies berichtete die israelische Zeitung Haaretz. Das Zitat dient als Beleg für jene, die argumentieren, der palästinensische Sarracinismus sei als Spielstein in einem größeren Schachzug missbraucht worden.
Dasselbe Material kursiert mit einer anderen Lesart: Die Hamas sei kein Unfall, sondern ein Instrument, und Teile der israelischen Führung hätten ihren Aufstieg toleriert, solange er nützlich war. Diese Hypothese lässt sich nicht überprüfen; die Diskussion bleibt im Bereich begründeter, aber ungelöster Vermutungen.
Das falsche Dilemma, das den Konsens bricht
Nicht alle akzeptieren diesen Rahmen. Eine Strömung betont, man müsse nicht zwischen zwei schlechten Optionen wählen, und dass Nichtunterstützung Israels nicht gleichbedeutend mit Unterstützung der Hamas sei. Aus dieser Sicht ist pro-israelische Sympathie keine Überzeugung, sondern intellektuelle Faulheit: Man wählt die Seite, die vertraut erscheint, ohne die Geschichte zu studieren. Das Stichwort lautet hier „falsches Dilemma“, und die Schlussfolgerung: Wer die Sache auf eine binäre Wahl reduziert, hört auf zu denken.
Ein anderer Ansatz geht weiter und beschreibt einen induzierten Prozess: Der Konflikt werde als Mechanismus genutzt, um die Beziehung zwischen Europa und seiner muslimischen Bevölkerung zu belasten, mit dem Ziel, den Kontinent in eine Dynamik innerer Auseinandersetzung zu ziehen. Dies ist eine These ohne Beweise, wird aber so formuliert und erklärt, warum ein Teil der Wählerschaft sowohl dem pro-israelischen als auch dem pro-russischen Lager misstraut.
VOX, Partido Popular und die electoralische Rechnung des Wandels
Im innenpolitischen Feld hat der Schwenk einen Urheber. Die häufigste Erklärung verweist auf VOX, das als die pro-israelischste Partei der gesamten Europäischen Union beschrieben wird. Die These lautet, dass diese Positionierung nicht auf tiefem ideologischem Kalkül beruht, sondern auf einem kurzfristigen Wahltrend, und dass die Wähler zur Partido Popular zurückkehren werden, wenn der Schwung nachlässt. Dies ist keine überprüfbare Prognose, sondern vorerst eine Vorhersage.
Bemerkenswert ist die Mischung der Allianzen, die in die Diskussion einfließt. Israel hat die marokkanische Souveränität über die Westsahara anerkannt, was Marokko zum erklärten Verbündeten macht. Zudem kursiert, ohne unabhängige Bestätigung, die Version, dass ein ehemaliger katalanischer Präsident Sicherheitsdienste mit Verbindungen zu israelischen Strukturen beauftragt habe, um sich in Belgien zu schützen. Zwei Elemente, die das mentale Schema des durchschnittlichen spanischen Wählers sprengen, für den Israel das Gegenteil von Marokko und das Gegenteil des Unabhängigkeitsbewegung sein sollte.
Der lange Schatten unverifizierter Thesen
Am Rande der Debatte tauchen ältere Narrative auf. Es wiederholen sich Behauptungen über eine hypothetische Überrepräsentation der jüdischen Gemeinde in hohen US-Ämtern – 4 % der Bevölkerung gegenüber praktisch allen entscheidenden Positionen, nach dieser Darstellung –, eine Verschwörungsthese ohne überprüfbare Grundlage und bekannter Herkunft. Sie koexistiert mit Misstrauen gegenüber Impfstoffen, der Klimapolitik und internationalen Institutionen, einem Paket, das bereits vor dem Konflikt kursierte.
Auch Joe Biden wird zitiert, der einst behauptete, wenn Israel nicht existiere, müsse man es erfinden, um die US-Interessen in der Region zu schützen. Das Zitat dient gleichzeitig als Beweis und Warnung: Beweis dafür, dass Washington den Konflikt instrumentalisiert, und Warnung davor, dass Europa möglicherweise leer ausgeht.
Die Prognose über VOX lässt sich noch nicht überprüfen. Was sich jedoch feststellen lässt, ist, dass sich der Fokus der Debatte verschoben hat: weg von der Frage, ob Spanien nach außen schauen soll, hin zu der Frage, wer der Feind im Inneren ist. Genau dort gerät die Analyse ins Stocken, denn die folgende Frage – ob der Wandel konjunkturell oder strukturell ist – lässt sich mit den verfügbaren Daten nicht beantworten.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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