„Der letzte Sommer für viele“: Eine Vorhersage, die bereits ein Jahrzehnt alt ist
Fast neun Millionen Reisen wurden beim ersten August-Reiseverkehr erwartet, laut Prognose der DGT (spanische Verkehrsbehörde). Gleichzeitig wurde behauptet, dies sei der letzte Sommer für viele Spanier. Beides koexistiert, ohne dass jemand durchdreht. Das Weltuntergangsschild wird jede Saison mit denselben Requisiten aufgehängt: außer Kontrolle geratene Inflation, steigende Zinsen, inaktive Unternehmen, Entlassungen, Zahlungsausfälle, Unfähigkeit zu sparen und eine Regierung, der Verschwendung vorgeworfen wird. Die Schlussfolgerung bleibt unverändert: Dies werden die letzten Ferien vieler Menschen sein.
Vor einem Jahr wurde genau dasselbe gesagt. Der regelmäßige Wirtschaftskommentator Niño Becerra titelte 2022: „Die Leute wollen nicht daran denken, aber wir stehen vor dem letzten Sommer.“ Zwölf Monate später stellt jeder, der tankt, fest, dass der Tank weniger kostet: von 1,93 Euro pro Liter auf 1,43. Die Erzählung und die Zapfsäule sprechen seit Jahren nicht miteinander.
Wie hoch ist die reale Inflation in Spanien?
Die in Analysen zitierten Daten zeigen die spanische Inflation im Juni 2023 unter 2 % im Jahresvergleich, den zweitniedrigsten Wert in Europa. Mit dieser Zahl ist es bestenfalls diskutabel, von Kontrollverlust zu sprechen. Das Problem ist, dass Indikator und Einkaufskorb unterschiedliche Geschichten erzählen: Die Jahresrate misst die Veränderung gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres. Wenn der Ausgangspunkt ein Anstieg von 10 % war, kann 2 % problemlos mit Preisen koexistieren, die weit über denen von vor zwei Jahren liegen.
Darin liegt der Knackpunkt. Manche behaupten, die Inflation sei kein Problem mehr, während die Preise hoch bleiben – das ist ein anderes Problem. Eine Denkschule vertritt die Ansicht, dass die 2 % Jahresrate auf einer kumulierten Inflation von 25 % basieren (laut offizieller Statistik 14 %), und wer nur die Schlagzeile liest, verpasst den tatsächlichen Schaden. Das häusliche Thermometer setzt ein Elektriker, der keine Angebote macht, 40 Euro pro Stunde verlangt und warnt, dass Material separat berechnet wird.
Naherholungsurlaub: Die stille Anpassung
Niemand verzichtet aufs Weggehen, aber das Format ändert sich. Vier Tagesausflüge zum Strand statt einer Hotelwoche. Aus fünf Tagen werden drei. Niedrigere Unterkunftskategorie und Ausgleich durch einen vollen Kühlschrank. Der Druck, mit anderen gleichzuziehen, bleibt, ebenso die nicht tragbaren Ausgaben: Wer sich mitreißen lässt, finanziert am Ende einen Urlaub, den er sich nicht leisten kann, um seinem Umfeld zu gefallen.
Das Ergebnis ist eine Anpassung, die keine Schlagzeilen macht, weil sie kein Drama hat: weniger Tage, mehr Hin- und Rückkilometer und eine Rechnung, die vor der Abreise ausgeglichen wird. Der entgegengesetzte Vergleich – Argentinien erlebt seit Jahrzehnten Krisen, dennoch machen die Leute Sommerurlaube – erinnert daran, dass der Tourismusverbrauch komprimiert wird, aber nicht verschwindet.
Die Kluft zwischen denen, die wie gewohnt urlauben, und denen, die es nicht mehr können
Es gibt eine Gruppe, die beim Plan bleibt: Beamte, indexierte Renten und Besitzer einer Ferienwohnung im Dorf oder am Strand. Ihr Sommer ist ein einfaches Ritual: ankommen, den Kühlschrank im Supermarkt füllen und samstags auf der Bar-Terrasse gesehen werden. An den übrigen Tagen billiger Fisch und Fertiggerichte. Günstig und fotogen.
Gegenüber die andere Szene: Unternehmen, die Ruhetage kürzen, weil sie keinen Ersatz finden, und Einstiegsgehälter um 1.800 Euro monatlich, je nach Fall. Die Kluft trennt nicht Reisende von Daheimgebliebenen, sondern jene, die ihr Recht auf Abschaltung bewahren, von jenen, die es erst berechnen müssen. Während einige von Privilegien sprechen, erinnern andere daran, dass manche zwölf Monate im Jahr Urlaub haben.
Wie sich die spanischen Ferien immer weiter verkürzten
Die Sequenz ist durch Akkumulation verheerend. 1975 fingen Frauen und Kinder zwei Monate weg, dann kam der Vater für einen Monat dazu. 1985 die ganze Familie einen Monat, weil auch sie arbeitete. 1995 drei Wochen. 2005 zwei Wochen plus Kurztrips, mit dem Aufkommen von Billigflügen. 2015 zehn Tage. Das zukünftige Szenario: eine Woche und gezählte Kurztrips, mit explodierenden Autokosten und Billigflügen im Visier der Umweltagenda.
Es ist kein Zusammenbruch, es ist eine langsame Degradation, die jedes Jahr ein wenig mehr abkratz. Deshalb klingt die Schlagzeile vom letzten Sommer plausibel: Niemand fällt ins Bodenlose, alle steigen Stufe für Stufe hinab. Die Frage ist, wie viele Stufen noch übrig sind.
Warum die Vorhersage nicht scheitern kann
Etwa 450.000 Spanier sterben jedes Jahr. Mit dieser Zahl ist die Aussage, dies seien die letzten Ferien vieler, einfache Arithmetik, keine Ökonomie. Jede apokalyptische Prophezeiung enthält diese Falle: Sie trifft immer in konkreten Fällen zu, und ihr Fehler kann nie angeprangert werden.
Das andere Fundament der Geschichte sind die Zinsen. Die überprüfte Chronologie reicht von der Euro-Einführung 1999, als die EZB den Leitzins auf 3,25 % setzte, bis zur Senkung der Fed auf 2 % im Jahr 2001, dem Crash von 2008 und Zinsen bei 0 % im Jahr 2018, nach der größten Geldflut in der europäischen Geschichte. Ein Wechsel des Zinsniveaus verteuert alles, auch den Sommerurlaub.
Was wird vom nächsten Sommer erwartet?
Maut, Steuern und Kurzzeitvermietungen stehen auf der Verdachtsliste. Auch die Demografie des Konsums: Wer eine Wohnung besitzt, fährt weg; wer von einem knappen Gehalt lebt, bleibt näher am Haus. Prognosen eines Tourismus-Kollapses sind so oft danebengegangen, dass sie Teil der Landschaft geworden sind, wie Warnungen im Oktober.
Das Detail, das verwirrt, ist nicht die Apokalypse. Es ist die Zapfsäule: Während das Ende der Ferien für viele Spanier angekündigt wurde, fiel der Benzinpreis von 1,93 auf 1,43 Euro. Noch hat niemand erklärt, wie eine Prophezeiung hält, wenn der Tank halb so viel kostet wie letztes Jahr.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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